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BLOG vom 07.06.2013


Die Verheiratung im 19. Jh. in England und heute in Indien
 
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
1813 veröffentlichte Jane Austen ihren Roman „Pride and prejustice“. Vor einigen Tagen wurde die Verfilmung aus dem Jahre 2005 unter der Regie von Joe Wright auf ZDF gezeigt. Es geht um die Familie Bennett mit ihren 5 Töchtern. Heute würde man sie in der oberen Mittelschicht ansiedeln, gesellschaftlich gerade noch auch in der Oberschicht des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert akzeptiert. Mutter Bennett tut alles dafür, um ihre Töchter zu verheiraten. Aus heutiger Sicht betrachtet, geht es ziemlich steif zu, die möglichen Ehekandidaten haben kaum die Möglichkeit, sich näher zu kommen. Es sind einerseits „schichtadäquate“ Ehen, die geschlossen werden; andererseits wird ein geringes Mass an Zuneigung als Grundlage dafür angesehen. Die Mutter schafft Gelegenheiten des Kennenlernens und reagiert aufgebracht, wenn eine Tochter eine „reiche Partie“ ausschlägt.
 
Es handelt sich um halbwegs arrangierte Ehen, wobei die potentiellen Partner doch noch „ein Wörtchen“ mitzureden haben. Das war noch anders als die Heiraten in der absoluten Oberschicht, bei denen es in der Regel politische Gründe für die Vermählung gab und nicht Liebe oder Zuneigung. Es waren also sogenannte Vernunftehen.
 
An diesen Film musste ich denken, als ich mich an eine Begegnung in Pushkar/Rajasthan in Indien erinnerte. Ich lernte ein junges indisches Ehepaar kennen, das sehr stolz darauf war, „aus Liebe“ geheiratet zu haben und sich damit gegen die Familie des jungen Ehemanns entschied, die sich im Streit von ihm abgewandt hatte. Schliesslich musste die Familie auf die Mitgift der Tochter durch den Bruch mit der Tradition verzichten. Sie hat sogar einen „Ehrenmord“ riskiert, wie er immer noch passieren kann.
 
Ich sehe durchaus Parallelen. Die Tradition der arrangierten Ehen in Indien ist zwar immer noch sehr aktuell, aber sie bröckelt. Die Diskussion, welches die bessere Art der Vermählung sei, ist seit einigen Jahren in vollem Gange. Und auch in Indien gibt es Unterschiede zwischen den Schichten. Der Druck auf die jungen Menschen, eine – oft schon in der Kindheit der beiden zwischen den Eltern ausgehandelte – Ehe einzugehen, scheint mir in der reichen Oberschicht und in den unteren Kasten strenger zu sein als in der aufstrebenden städtischen Mittelschicht.
 
Eine gute Bekannte, Ronja, rief mich an, um mich um Rat zu fragen. Sie ist, ebenso wie ich, erfahrene Indienreisende und hat bei ihrem letzten Aufenthalt in Nordindien einen jungen Mann, der aus Varanasi stammt, kennengelernt. Der junge Mann, ich nenne ihn Arjan, Ende 20, entstammt einer reichen Oberschichtfamilie, hat studiert und arbeitet in einer Immobilienfirma im Marketingbereich.
 
Varanasi (auch bekannt unter dem Namen Benares) ist der Ort in Indien, in der die Tradition eine grosse Rolle spielt, sie gilt als heiligste Stadt des Hinduismus. Als besonders erstrebenswert gilt es für strenggläubige Hindus, in Varanasi im Ganges zu baden sowie später dort zu sterben und verbrannt zu werden.
 
Arjan klagte Ronja sein Leid. Seine Familie will ihn zwingen, zu heiraten. Dazu wird er massiv unter Druck gesetzt. Die Tagesgespräche drehen sich um kaum etwas anderes; in das familiäre Haus werden täglich indische Frauen eingeladen und ihm vorgestellt. Seine Wahl einer jungen Frau wurde abgelehnt, weil sie nicht der Kaste der Raj entstammt. Die junge Frau war nicht Ronja, die verheiratet ist, ohnehin würde eine Ausländerin von seiner Familie überhaupt nicht akzeptiert werden. Er will absolut nicht in eine Ehe gezwungen werden. Jetzt könnte man denken, dem jungen Mann könnte es egal sein, aber die Familienmitglieder, vor allem auch die Geschwister, wollten ihm, sollte er nicht in eine von der Familie akzeptierte Verbindung eingehen, das Erbe streitig machen. Ich meine, es hört sich kaum anders an als wie in Jane Austens Roman. Die künftige Eheverbindung ist das tägliche Gesprächsthema in der Familie. Ziel allen Strebens ist der „Bund fürs Leben“, was danach kommt, weniger, abgesehen von erhofftem Nachwuchs.
 
Arjan möchte sich dem Druck entziehen. Leider ist das nicht so einfach. Er persönlich nennt nur geringe Geldmittel sein eigen. Ausser Englisch spricht er keine Fremdsprache. Eine Flucht ins Ausland würde von der Familie nicht mitgetragen, er müsste sich also ohne fremde Hilfe durchschlagen. Für eine Person, die ihr ganzes Leben „im Schosse der Familie“ gelebt und nie Selbstständigkeit und Unsicherheit erfahren hat, ist das eine Horrorvorstellung.
 
Einerseits der Druck, eine Ehe eingehen zu müssen, die er nicht will, andererseits die Aussicht, ohne Familie, Freunde und Beschützer sich allein im Ausland bewähren zu müssen, ist ein kaum lösbarer Konflikt. Er ist „hin- und hergerissen“ und „klammert sich an jeden Strohhalm“, von dem er glaubt, eine Lösung zu erhalten. Dieser „Strohhalm“ ist meine Bekannte.
 
Ronja empfindet eine freundschaftliche Sympathie für ihn; sie hat Arjan als einen liebenswürdigen, sensiblen jungen Mann erlebt. Sie möchte ihm helfen. Was käme in Frage? Ronja diskutiert mit ihm verschiedene Möglichkeiten. Er könnte, aufbauend auf sein Studium, einen „Master of Arts“ machen. Das würde 2 Jahre dauern, die er finanziell überbrücken müsste. Aber wie es dann weitergeht, kann niemand voraussagen. Er könnte sich bei verschiedenen Firmen in Deutschland (oder besser noch in einem englisch sprechenden Land) bewerben.
 
Arjan ruft meine Bekannte ein paar Mal im Monat an. Es kam sogar zur Sprache, er könne behaupten, er sei homosexuell, um sich vom Heiratsdruck zu befreien. Aber Homosexualität wird in Indien in vielen Kasten überhaupt nicht akzeptiert, und manchmal sogar bis hin zu Todesdrohungen bekämpft.
 
Das Arrangieren einer Heirat geht nicht ohne die endgültige Zustimmung des Paares. Anders würde man von Zwangsheirat sprechen. Dazwischen gibt es aber einen Graubereich: Die jungen Leute wagen es nicht, gegen die vermeintliche Verpflichtung, die Eltern zu ehren, zu sprechen, sind entscheidungsschwach, und sie fühlen sich der Tradition verbunden. Die Befürworter der arrangierten Ehe sind der Meinung, eine Verbindung aus Liebe könne leichter zerbrechen und sei nicht dauerhaft, was man an der hohen Scheidungsquote im westlichen Ausland erkennen könne.
 
Es ist möglich, dass Ronja sich des Problems des jungen Mannes auch deshalb annimmt, weil sie sich selbst in einer Ehekrise befindet. Ihr Ehemann lässt sie aus beruflichen Gründen oft wochenlang allein, und wenn er zu Haus ist, will er seine Ruhe haben und nichts mit seiner Frau unternehmen. Die anfängliche Liebe brennt nach 8 Jahren Ehe nur noch auf kleiner Flamme und droht zu erlöschen. So hat sie sich eine Partnerschaft nicht vorgestellt.
 
Meine Frau und ich haben in Indien Ehepaare kennen gelernt, bei denen die Partner eigene Wege gehen. Es ist nicht unüblich, dass der Ehemann den Lebensunterhalt in der Grossstadt oder im (häufig arabischen) Ausland verdient und nur selten nach Hause kommt. Eine Scheidung kommt meist, besonders aus gesellschaftlichen und sozialen Gründen, nicht in Frage, vor allem die Frau würde mehr oder weniger rechtlos übrigbleiben. So bleiben die Paare formell zusammen, ein Gefühl der Verbundenheit ist nicht vorhanden. Ich will nicht behaupten, dass ein solcher Zustand nicht auch bei „Liebesheiraten“ praktiziert wird, aber hierzulande ist eine Scheidung wahrscheinlicher.
 
Bei einem Besuch eines hinduistischen Tempels konnten sich meine Frau und ich an ein Gespräch mit einem jungen Tempeldiener erinnern, der uns auch sein Leid klagte, sein Leben sei durch Zwänge vorbestimmt und nicht frei. Seine zukünftige Frau sei lange ausgesucht. Er habe weder die Wahlmöglichkeit, sich irgendwo anders eine Existenz aufzubauen, noch der Ehe zu entgehen. Er denke häufig an Selbstmord.
 
Das andere Extrem war das Gespräch mit einem jungen Mann in einer Grossstadt, der sich zu seiner Homosexualität bekannte und sogar Verständnis bei einem Teil seiner Familie gefunden hatte.
 
Ich bin gespannt, wie es mit Arjan weitergeht. Vielleicht gehört es in einem bestimmten Lebensalter dazu, sein eigenes Schicksal zu beklagen!
*
Oscar Wilde:
Die Ehe ist die gegenseitige Freiheitsberaubung im beiderseitigem Einvernehmen.
 
Die Ehe ist ein Versuch, zu zweit wenigstens halb so glücklich zu werden, wie man allein gewesen ist.
 
Jean Paul Sartre:
Die Ehe ist in vielen Fällen lebenslänglich eine Doppelhaft ohne Bewährungsfrist und Strafaufschub, verschärft durch Fasten und gemeinsames Lager.
 
Robert Musil:
Ehe: Das gemeinsame Glück zweier Menschen ist nichts anderes als zwei kleine nebeneinander gesetzte Striche in die Unendlichkeit.
 
Erich Fried:
Wer sagt: hier herrscht Freiheit, der lügt, denn Freiheit herrscht nicht.
 
 
Hinweis auf weitere Indien-Berichte von Richard Gerd Bernardy
24.03.2012: Im Urwald der indischen Region Coorg: Naturverbundenheit
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