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BLOG vom 21.06.2013


Planetenmusik des 20. Jahrhunderts: Konzertimpressionen
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Das 6. Sinfoniekonzert der Niederrheinischen Sinfoniker in Mönchengladbach D war der Musik des 20. Jahrhunderts gewidmet, mit Werken von Györgi Ligeti (1923‒2006), Claude Vivier (1948‒1983) und nach der Pause Gustav Holst (1874‒1934) und dem Anhang von Colin Matthews (geb. 1946).
 
Die ältere Dame, die mit ihrem Partner neben mir sass, hatte wohl ein Abonnement auf die Konzertreihe gebucht. Sie hätte die Programmabfolge des Abends gelesen und ihrem Mann gesagt, diese Musik werde zwar schwer verständlich und „sehr anstrengend“, sie habe ihm aber gesagt: „Da müssen wird durch!“ Das klang so wie: „Was bezahlt ist, müssen wir auch in Anspruch nehmen.“ Einerseits eine mit Vorurteilen besetzte Vorabmeinung, andererseits die Bereitschaft, für neue Erfahrungen eventuell auch negative Eindrücke in Kauf zu nehmen.
 
Das hörte sich nicht nach Vorfreude an, nicht nach Genussstreben. Man könnte denken, der Abend sei nicht weit davon entfernt, als Strafe angesehen zu werden, weil die beiden sich auf das Abonnement eingelassen hatten. Am Ende der Pause, kurz vor dem 2. Teil des Konzertes, wiederholte die Dame ihre Meinung noch einmal. Der 1. Teil hatte sich für sie bestätigt.
 
Von Györgi Ligeti wurde das 9-Minuten-Stück „Atmosphéres“ gespielt. Es hat den Charakter einer „Klangflächenkomposition und Mikropolyphonie“, verstanden als dicht aufeinanderfolgende Verflechtungen von Klängen, die sich zwischen Ruhe und Aufgeregtheit bewegen.
 
Er selbst beschreibt es als „etwas Atmosphärisches, also Schwebendes, nicht Festgesetztes, fast Konturloses, ineinander Übergehendes…, nicht direkt expressiv.., (das) so doch auch einen ganz bestimmten Gefühls-, also effektiven Anteil hat.“
 
Ich kannte die Musik aus dem Film von Stanley Kubrick „2001 – Odyssee im Weltraum“, und so ist sie auch: „…eine Musik, die den Eindruck erweckt, also ob sie kontinuierlich dahinströmen würde, als ob sie keinen Anfang hätte, auch kein Ende …“
           
Weder der Komponist Claude Vivier, noch sein Stück „Orion“ waren mir bekannt. Der Arbeitstitel des Werke hiess „Chant aux Étoiles“, also es soll hinausgehen zu den Sternen. Eine Trompeter spielt auf dem „ Instrument des Todes“ eine Melodie vor, die sich entwickelt, worüber meditiert und woran erinnert wird. Nach dem Komponisten eine „ewige Wiederkehr, wie in der Historie (….), die immer ungeduldig auf die Wiederkehr ihrer heiligen Erlöser und ihrer Diktatoren wartet.“ Und er erwähnt „den Eindruck, in einem Flugzeug auf der Stelle zu treten, ich bewege mich nicht, und doch fliege ich ….“ Im Stück klingen sehr innige Momente und 2 Mal wird die Wortschöpfung „hé-o“ gesungen, neben wilden Klängen und sphärisch anmutenden Passagen.
 
Nach der Pause sah man eine grosse Leinwand über dem Orchesterraum, der abgedunkelt wurde. „Die Planeten“, eine Orchestersuite von Gustav Holst, wurde aufgeführt, und die Planeten bewegten sich in NASA-Aufnahmen über die Leinwand:
 
Der Mars, „der Kriegsbringer“, die Venus, „die Friedensbringerin“, der Merkur, „der geflügelte Bote“, der Jupiter, „der Bringer der Fröhlichkeit“, der Saturn, „der Bringer des Alters“, der Uranus, „der Zauberer“ und der Neptun, „der Mystiker“. Holst nahm als astrologische Zuordnungen zu den Planeten, deren Namen aus der griechischen und römischen Mythologie stammen, die Charakteristika und komponierte Suiten dazu, unerbittlich, laut und marschartig beim Mars, sanft und friedlich bei der Venus, usw. Zu Saturn wird die Musik ein ruhiges Adagio, „von grossem Ernst und Nachdenklichkeit geprägt“, so wird verständlich, was Holst meint, wenn er vom Alter(n) spricht. Ohne Unterbrechung wurde die Komposition von Colin Matthews angehängt, um auch dem Planeten Pluto, „dem Erneuerer“, noch einen Platz in der Abfolge zu geben.
 
Die Planetenaufnahmen beeindrucken einerseits. Andererseits werden Krater- und Heliumwüsten gezeigt, teilweise mit den dazu gehörigen Monden, in Ganzaufnahmen oder Gegenden, je nachdem sonnenbeschienen und computergeneriert mit herumschwirrenden Kometen, die so gar nichts von den astrologischen und mythischen Zuordnungen haben, die ihnen beigemessen werden. Das tat dem Gesamteindruck aber keinen Abbruch. Die Musik ist umwerfend schön und imposant.
 
Das Motto des Sinfoniekonzerts war das Universum und was die Menschen damit verbinden, real, astronomisch, astrologisch und mythologisch, mit Musik, die diese Assoziationen miteinander verbinden soll. Das ist durchaus gelungen.
 
Das Paar, das neben mir gesessen hatte, verliess den Konzertsaal, ohne sich noch umzuschauen, und die Dame hatte einen nachdenklichen und entspannten Gesichtsausdruck, anders kann ich ihn nicht bezeichnen.
 
Quelle
Programmheft „6.Sinfoniekonzert 2012/2013 Ligeti, Vivier, Holst, Matthews“, Niederrheinische Sinfoniker. Redaktion und Texte von Eva Ziegelhöfer. Hrsg. Theater Krefeld und Mönchengladbach GmbH, Krefeld D.
 
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