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BLOG vom 01.07.2013


Zukunftsangst und Aufbruch: Sind wir am Fin de siècle?
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
„Die Zeit war geprägt von einem Schwanken zwischen Aufbruchsstimmung, Zukunftseuphorie, diffuser Zukunftsangst und Regression, Endzeitstimmung, Lebensüberdruss, Weltschmerz, Faszination von Tod und Vergänglichkeit, Leichtlebigkeit, Frivolität und Dekadenz. Eine allgemeine Krise ergriff die massgebenden Gesellschaftsschichten, weil Grundwerte des sozialen Lebens gefährdet schienen“ (1).
 
„Die meisten Deutschen verfolgen die Krise in Europa mit grosser Sorge. Die Mehrheit ist davon überzeugt, dass der schlimmste Teil noch bevorsteht, 2/3 befürchten eine finanzielle Überforderung für die Deutschen. Dennoch herrscht die Meinung bei den Deutschen, auch in absehbarer Zeit nicht von der Krise betroffen zu sein, nur eine kleine Minderheit fürchtet um ihren Arbeitsplatz. Dennoch ist der aktuelle Wert angesichts der Unsicherheit in Bezug auf die weitere Entwicklung der Krise und der Konjunktur als verhältnismässig hoch zu bewerten.“
 
„24 % der Deutschen sehen vor allem mit Befürchtungen in die Zukunft …“(2).
 
„Das Vertrauen der Menschheit in die freie Marktwirtschaft bzw. den Kapitalismus ist erschüttert, die USA, die europäischen Länder und Japan verlieren an Bedeutung“ (3).
*
Zwischen dem 1. Zitat von Wikipedia und dem 2. Textauszug vom Institut Allensbach bzw. dem Satz am Ende des Zitates aus dem Buch von Martin Textor liegen 100 Jahre. Es scheint leicht zu sein, Übereinstimmungen zu sehen:
 
Zukunftsangst vor einer Rezession trifft sich mit Aufbruchsstimmung und anderem. Kulturelle Umwälzungen, wie z. B. die Gesetze hinsichtlich der Eheschliessung von Homosexuellen, werden von einem Teil der Bevölkerung und der katholischen Kirche als dekadent angesehen. Die Einkommens- und Vermögensentwicklung der unteren und oberen Gesellschaftsschichten geht wie eine Schere auseinander. Soziale Errungenschaften werden immer häufiger beschnitten oder ganz abgebaut. Sicherlich gibt es bei einigen Zeitgenossen auch eine Endzeitstimmung, man denke nur an Begriffe wie Maya-Kalender oder Klimawandel.
 
Der 1. Text (1) beschreibt das Stimmungsbild aus der Zeit von etwa 1890‒1914, das auch „Fin de siècle“ genannt wird, französisch für „Ende des Jahrhunderts“. Die Jahre werden auch „Dekantismus“ genannt. Es darf nicht vergessen werden, dass hinter diesen Bezeichnungen eine Bewegung stand, die den vermeintlichen kulturellen Verfall thematisierte.
 
„Für Intellektuelle, Künstler und Literaten wurde ein Gefühl von Ohnmacht charakteristisch, weil sie sich angesichts einer einerseits vom Marktgesetz und anonymen Massen beherrschten Grossstadtgesellschaft und andererseits von einer zunehmend von Naturwissenschaften und Technik gezeichneten Welt angezogen und abgestossen fühlten. Sie flohen in ästhetische Gegenwelten“(Wikipedia).
 
Es gibt tatsächlich mehr Berührungspunkte bei den beiden Jahrhundertwechseln. Um 1900 erschien Sigmund Freuds „Traumdeutung“. Marcel Proust hat in seinem „A la recherche du temps perdu“ (dt. „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“) die Umwälzungen dieser Zeit nachgezeichnet. Psychopathologie war ein Thema der Zeit. Denn das 1886 erschienene Buch eines Wissenschaftlers auf diesem Gebiet, Richard von Krafft-Ebing, mit dem Titel „Psychopathia Sexualis“ und dem Untertitel „Eine medizinisch-gerichtliche Studie für Ärzte und Juristen“ wurde bis 1902 bereits in der 12. Auflage verkauft. Der 2. Teil des Buches enthält „sexuelle Perversionen“; neben dem Lustmord wird auch die Homosexualität behandelt, mit der Erkenntnis, diese liege nicht in der Verantwortlichkeit der sogenannten „Perversen“ und dürfe somit nicht bestraft werden. Marcel Proust kannte dieses Buch, wie in dem 4. Buch des „A la recherche …“ mit der Überschrift „Sodom und Gomorrha“ zu entdecken ist. Man müsse jene scheinbar abweichenden Individuen ‒ Proust übernahm diese Meinung ‒ nur in die Ordnung der Zeit einbetten („si les caractères se truvent replacés dans l’ordre“), um die Probleme um dieses Phänomen zu entkräften. Genau das wird doch durch die Legalisierung der Homosexuellen-Ehe 100 Jahre später erreicht und durch die Möglichkeit der Adoption von Kindern übertroffen!
 
Die Forderung von Emanuel Kant zum Ende des 18. Jahrhunderts und der Idee einer „durchweg friedlichen Gemeinschaft der Völker“ führte ums Jahr 1900 zur Zusammenkunft der „Haager Friedenskonferenzen“, die wiederum nach dem I. Weltkrieg mit der Entstehung des „Völkerbunds“ einen Anfang nahm, dessen Nachfolger 1945 die „Vereinten Nationen“ wurden. Die Europäische Union und ihre immer noch stattfindende Ausbreitung ist ebenso ein Ausfluss der ursprünglichen Idee.
 
Auch die Veränderung der Arbeitswelt hinsichtlich einer geregelten Arbeitszeit, einem 8-Stunden-Tag und Freizeit nahm um 1900 mit dem Aufstieg der Sozialdemokratie ihren Anfang und wird heute wieder neu diskutiert.
 
Beispiele der kulturellen und gesellschaftlichen Umwälzungen, wie sie auch in der heutigen Zeit beobachtbar und spürbar sind, wie ich meine!
 
Ein Buch über die Zukunftsentwicklungen, die uns im 21. Jahrhundert erwarten, beschreibt z. B. die Entstehung einer multipolaren Weltordnung, den Klimawandel, den Übergang zur Wissensgesellschaft, die Entwicklung neuer Technologien, die Zukunftsbranchen, die sich abzeichnende Rohstoffknappheit, die Alterung der Bevölkerung sowie die zu erwartenden Veränderungen in der Arbeitswelt, in der individuellen Lebensgestaltung und in den Familienbeziehungen (Martin R. Textor).
 
Ganz grundsätzlich: Geschichte wiederholt sich nicht und sie lässt sich auch nicht vergleichen. Die politische und gesellschaftliche Lage vor 100 Jahren war eine völlig andere als heute. Nur: damals wie heute gab es sich widersprechende Auffassungen „vom Ernst der Lage“.
 
Und wenn Wikipedia das „Fin de siècle“ als eine Zeit beschreibt, in der für einige „ein Gefühl von Ohnmacht“ vorhanden war, so ist das nichts anderes als die Sichtweise einer Gruppe von Menschen. Ganz so wie heute. In Deutschland beurteilen Menschen die Lage vollkommen anders als beispielsweise in Griechenland, Spanien oder in Indien oder China. Und innerhalb der Länder auch.
 
Immer wieder haben die Menschen sich „an der Schwelle zu einer neuen Zeit“ gewähnt. Ihre Hoffnungen wurden bestätigt oder enttäuscht. Voraussehbar war das nie, auch wenn manche im Rückblick meinen, dass die Zeichen der Zeit nicht anders interpretierbar gewesen seien.
 
In den letzten Jahren hat sich viel verändert. Ein Krieg in Europa scheint aus momentaner Sicht in Zukunft ausgeschlossen zu sein. Die Menschen werden immer älter. Die Technik, die Reise- und die Kommunikationsmöglichkeiten haben enorme Fortschritte gemacht. Rückblickend auf die Zeit von vor 100 Jahren hat sich der durchschnittliche Lebensstandard heute sicherlich erhöht. Natürlich sind auch die negativen Entwicklungen zu berücksichtigen. Aber die Szenarien, die der Bevölkerung ab 1914 in Europa bevorstand, braucht niemand zu befürchten.
 
Ich persönlich bin gespannt, wie sich die Jahre, die mir noch (hoffentlich) bevorstehen, gestalten werden. Wenn ich zurückblicke, war es eine interessante Zeit, und ich bin sicher: So wird es auch bleiben!
 
 
Quellen
Stein, Gerd (Hrsg.): „Kulturfiguren und Sozialcharaktere des 19. und 20. Jahrhunderts“, 4 Bände, Frankfurt a. M., 1985.
Hülk, Walburga; Renner, Ursula (Hrsg.), Biologie, Psychologie, Poetologie, darin: Schuhen, Gregor, „Biopolitische Schwelle um 1900, Prousts Ars erotica zwischen Psychopathologie und Psychoanalyse“, Würzburg, 2005 S. 243ff.
 
Hinweis auf eine weitere Zukunftsbetrachtung
10.02.2005: Wenn die Gegenwart in Zukunft Vergangenheit sein wird
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