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BLOG vom 21.07.2013


Erschwerende Umstände. Rückkehr in die Gegenwart
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Langsam, aber sicher, habe ich mich zur Ansicht durchgerungen, dass ich im Schweisse meines Angesichts wenig erreiche, ausser Krampf in Armen und Beinen und Rückenschmerzen. Früher machte es mir wenig aus, eine steile Geröllhalde hinauf zu kraxeln, auf der Suche nach dekorativen Kieseln, die ich in meine Tasche stopfte, bis sie so schwer war wie eine Munitionskiste, die ich einst in der Rekrutenschule schleppen musste. Ich habe mich gerächt. Der Korporal, der es sadistisch auf mich abgesehen hatte, kriegte während der Nachtmanöver manchen Stecken zwischen die Beine geworfen.
 
WK-(Wiederholungskurs-)Erlebnisse werden an Stammtischen in der ganzen Schweiz, ganz besonders in der Deutschschweiz, gerne aufgetischt. Für viele waren oder sind sie willkommene Bundesferien. Fazit: Ich war als Füsilier ganz und gar ungeeignet, verliess die Schweiz und bezog ein Zimmer in einem Londoner Boarding House. Folglich weist mein Dienstbüchlein nur wenige Stempeleinträge über mich auf.
 
Erschwerende Umstände, wird gesagt, formen den Charakter. Erschwerende Umstände nehme ich auf mich für Steckenpferde aller Art, etwa für berufliche Arbeiten, an denen ich mich innerlich beteiligen kann; fürs Geigenspiel, das ich trotz allem Zeitaufwand nie richtig in den Griff bekam. Fürs Schreiben gibt es für mich keine erschwerenden Umstände, es sei denn, ich komme mit der Grammatik ins Schleudern, wie eben jetzt. Muss hier „schleudern“ mit einem grossen S geschrieben werden? Es braucht ein grosses, weil das Wort hier substantivisch gebraucht wird.
 
Erschwerende Umstände entstehen dann, wenn der eigene Wille auf Gegenwille stösst. Gut: Beim Chef hat der eigene Wille den Vorrang, solange er sachlich fundiert ist. Meinungsstreitereien vermeide ich heute. Man erhitzt sich zu leicht dabei, verliert den kühlen Kopf und die gute Laune.
 
Es gibt erschwerende und unentrinnbare Umstände für Kinder, die in einer streitsüchtigen Ehe aufwachsen, die einer Scheidung zutreibt. Das Einzelkind wird zum Sorgenkind, sobald es mit schlechten Zeugnissen im Elternhaus erscheint. Das Fach „Rechnen“ mit seinen Abstechern in die höhere Mathematik liess ich so weit als möglich links liegen – mit ablesbar schlechten Noten. Mein Vater, stolz auf seine mathematisch geschulte Stärke, erteilte mir Nachhilfeunterricht. Seit seiner Schulzeit hat sich in der Lehrmethodik dieses Faches etliches geändert. Das brachte uns beide in Bedrängnis. „Mit dir ist nichts anzufangen“, gab er schliesslich auf. Ich schnitt ein betrübtes Gesicht, doch jubelte ich innerlich.
 
Man entgeht vielen erschwerenden Umständen, wenn man sich Zeit lässt. In der Zeitnot misslingt vieles, und Panik setzt ein. Dasselbe erlebt, wer seine Geduld strapaziert. Gut voraus geplant, ist ebenfalls ein Mittel, um erschwerende Umstände, wenn nicht ganz auszuschalten, so doch zu schwächen.
 
Immer wieder macht Stossverkehr die besten Fahrpläne zunichte. Davon konnte ich ein Lied singen, als ich noch beruflich viel unterwegs war. Nein, ich will lieber kein Lied darüber singen. Vergangene, erschwerende Umstände ins Gedächtnis gerufen, lassen sie aufleben. „Delete them“, sage ich mir, aber diese Lösch-Taste fehlt mir im Kopf. Das einzige Mittel, das mir hilft, ist der Rat: „Halte dich in der Gegenwart auf“.
 
Selbstverschuldete erschwerende Umstände auf andere Leute abgewälzt, als ob sie daran schuld seien, ist verdriesslich. Man schicke sie mit der Retourpost an den Absender zurück.
 
„Probleme zu wälzen“ – das soll der verständige Mensch vermeiden; denn sie wälzen sich von selbst zu erschwerenden Umständen.
 
Zuletzt noch ein Wink für sonnenhungrige Engländer bei der Sommerhitze in London: „Lassen Sie sich nicht rot braten, denn Ihnen fehlt die gegerbte Haut der Südländer.“ Hinzu gefügt sei, dass die Würste auf dem Barbecue leicht verkohlen. Warum sich erschwerende Umstände schaffen? Unser heutiges Abendessen ist ein „Salade Niçoise“.
 
 
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