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BLOG vom 09.08.2013


2moro 2G2B46. Die Fluchtwege aus unserer Wirklichkeit
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Es gibt begehbare und bekömmliche Fluchtwege aus der zunehmend miesen Wirklichkeit – und andere, die uns abträglich, sogar schädlich sind. Zu den Letzteren zählen Drogen. Auch der übermässige Konsum von Alkohol gehört dazu.
 
Unter den begehbaren/bekömmlichen Fluchtwegen nenne ich Konzerte, Theateraufführungen, Besuche von Museen und Ausstellungen. Solche Anlässe besuchen wir gemeinsam mit Freunden, Bekannten oder Familie. Gemeinsam eingenommene Mahlzeiten sind ebenfalls ein Genuss; das gemeinsame Essen lenkt uns ab. Über den Teller hinweg plaudern wir vergnügt miteinander.
 
Daneben gibt es Bücher, in die wir uns ganz allein vertiefen können. Auch in der eigenen Bude lässt sich die Umwelt beim Schreiben zeitweise vergessen. Dort lassen wir uns nicht gern stören. Auch die Maler tummeln sich am liebsten ungestört hinter der Staffelei und haschen mit Pinsel und Farben die Bilder ihrer Vorstellung, ob von der Natur abgeguckt oder abstrakt erfasst.
 
Eine neue Generation ist herangewachsen, die den natürlichen Drang nach Kontakt mit Mitmenschen anders stillt als wir von der „alten Garde“. Handy, E-Mail, Twitter, Facebook und anderer IT-Zauber, etwa iPod und Apps, verdrängen und ersetzen mehr und mehr direkte Kontakte. Das Texten hat Tausende von „Chat Acronyms“ – eine Debattensprache – entwickelt, wohl am ausgeprägtesten in der englischen Sprache. Ich füge einige kuriose Beispiele an: 2b@ = to be at; 2G2B46 = too good to be forgotten; 2moro = tomorrow; ADIH = another day in hell.
 
Wo führt das hin? Wann hat die Klarschrift abgedankt? Wer heute in Debatten textet, ist nicht mehr auf die der Orthographie angewiesen. Wer wirklich der wirklichen Welt entfliehen will, kann die virtuelle Welt aufsuchen, von Avatars besiedelt (mehr darüber siehe unter dem Stichwort „Smeet“ für 3-dimensionales Leben). Bist du ein Avatar, suche und finde deine Avatarin und zeugt zusammen ‚Avatarchen’ … Dieser perfekte Fluchtweg steht uns allen offen. ADIP = another day in paradise! Wechselt rasch in dieses Paradies über, solange der Eintritt gratis ist. Jetzt mache ich mich schleunigst auf und suche den Eingang … Mein Navigator ist angeschaltet. Der hat mich leider zum Narrenschiff gebracht.
 
Ade!
 
Hinweis auf weitere Blogs zur Virtualität
25.12.2006: Die Flucht ins Virtuelle: Auf ins 2. Leben dank Linden!
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