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BLOG vom 23.08.2013


Die Totenhand – erhebe nie die Hand gegen die Eltern!
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache,
Viersen/Niederrhein D
 
Wenn ich eine Wolke betrachte – und dabei geht es mir nicht anders als vielen anderen –, sehe ich oft aus den Formationen zum Beispiel ein Tier oder ein anderes Gebilde, das ich mit irgend etwas assoziieren kann.
 
Letzte Woche schaute ich in den Kühlschrank. Dort lagen 2 Stücke desselben Gemüses, ein Stück von einem weissen, runden zwiebelartigen Gebilde, mit einer Schnittstelle. Daraus wuchsen 5 fingerartige grüne Gebilde. Ich sah 2 Händegerippe. Das war eine Halluzination, das konnte es nicht sein.
 
Meine Frau erwähnte beiläufig, sie habe Fenchel gekauft; er sei jetzt billig zu bekommen. Ein Gemüse, dessen grüne Auswüchse aus der Zwiebel aussahen wie die Knochen einer Hand.
 
Ein Gedanke aus meiner Kinderzeit schob sich in den Vordergrund: Die Totenhand, die immer wieder aus dem Grab herauswuchs.
 
Soweit ich mich erinnern konnte, war dieses Bild mit der Warnung verbunden, nie die Hand als Kind gegen seine Eltern zu erheben. Wenn man das täte, würde dem Kind der Arm abfallen oder ihm wüchse nach dem Tod die Hand aus dem Grab heraus. Alle, die das sähen, wüssten dann, der Mensch, der dort beerdigt worden war, irgendwann in seinem Leben gewalttätig gegen seine Mutter oder gegen beide Elternteile gewesen war. Und jetzt findet er in seinem Grab keine Ruhe. Und kein Mensch weiss, wie ihm zu helfen sei, denn die Eltern könnten ihm nicht mehr vergeben; sie waren vor ihm ins Grab gesunken.
 
Diese Sage gibt es wirklich und nicht nur einmal. So wird aus Garwitz bei Parchim in Brandenburg in der Nähe Berlins berichtet, dort habe eine Tochter ihre Eltern misshandelt. Die Mutter sei an den Folgen gestorben. Kurze Zeit später sei auch die Tochter gestorben. Schon einige Tage nach der Beerdigung habe die Hand aus dem frischen Grab herausgeragt. Die Dorfbewohner hätten sie mit Peitschen geschlagen. Ein paar Mal habe sich die Hand wieder unter die Erde zurück gezogen. Doch letztendlich sei sie wieder zum Vorschein gekommen. Man habe sie abgeschlagen und aufbewahrt. Man könne sie noch immer sehen, die Haut sei am Knochen festgeklebt.
 
Interessant ist, dass der Dichter Ferdinand Ernst Albert Avenarius zu der Sage ein Gedicht geschrieben hat, allerdings ist es hier nicht die Tochter, sondern der Sohn, der die Mutter erschlagen haben soll. Kurz nach der Beerdigung des Sohns entdeckte der Sohn des Küsters etwas am Grab:
Schreiend rennt er davon: aus dem Sand
Wächst eine gelbe Totenhand!
Sie scharrten sie aufs Neue ein,
Die Mörderhand brach Sand wie Stein.
Und wieder – jeden Morgen stand
Sie grässlich da in kahlem Sand.
Da hob die Leiche man aus dem Grab,
Der Henker schlug das Haupt ihr ab –
Nun fand im heiligen Grund sie Ruh,
Grünend schloss sich der Hügel zu.
Also nicht die Hand wurde abgeschlagen, sondern gleich der Kopf, um die Erscheinung zu bannen!
 
In einem Ort namens Emmerstedt in der Nähe von Helmstedt D soll ein Lehrer mit Namen Herbert Bodtke ein Sagenbuch geschrieben haben, in dem über einen ähnlichen Vorfall in diesem Ort berichtet wird. Hier wird der Name eines Jungen mit Stoffel angegeben, der während der Zeit des 30-jährigen Kriegs gelebt und sich dem Feldherrn Tilly angeschlossen haben soll. Er sei verletzt worden und zu seinen Eltern zurückgekehrt. Die Kriegserlebnisse hätten ihn aber brutal gemacht, und er habe seine Eltern schwer misshandelt. Nach einem Treffen mit seinen ehemaligen Kriegskameraden sei er auf dem Nachhauseweg in einen Sumpf geraten und ertrunken. Man habe ihn auf dem Emmerstedter Friedhof in Tüchern, denn einen Sarg konnten sich die Eltern nicht leisten, begraben. Nach einiger Zeit sei eine Hand des Toten aus dem Grab geragt. Mehrmals habe der Totengräber sie wieder eingegraben, aber sie sei immer wieder zum Vorschein gekommen. Kurzerhand habe der Totengräber die Hand mit einer Sichel abgeschnitten. Sie wurde in der Sakristei der Kirche aufbewahrt und den Kindern zur Mahnung gezeigt, nie die Hand gegen ihre Eltern zu erheben. Allerdings gebe es auch noch eine andere Erklärung zu der mumifizierten Hand in der Kirche. Bei entdeckten Meineiden wurde den Tätern die Schwurhand abgeschlagen, und es könnte auch sein, dass eine mumifiziert worden und letztendlich in der Kirche aufbewahrt worden sei. Eine Abbildung davon könne man noch heute im Museum bewundern. Die Hand aber sei verschollen.
 
Die Eltern konnten ihren Kindern so Angst machen und sie abschrecken. Es ging ihnen in Wirklichkeit aber darum, das Gewaltmonopol allein zu haben. Die Eltern durften die Kinder immer schlagen, wann sie wollten, auch wenn die Kinder den Grund dafür nicht einsahen. Gewaltfreie Erziehung war vielleicht in höheren Schichten möglich, aber vermutlich selten. Dass sich Kinder gegen die Gewalt der Eltern wehren durften, wurde ausgeschlossen. Dazu diente auch im Christentum das 4. Gebot: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass dir’s wohlergehe und du lange lebest auf Erden. Ein umgekehrtes Gebot ist mir nicht bekannt.
 
Deshalb darf der Wahrheitsgehalt der Erzählungen angezweifelt werden. Zumal der Bezug zum Tod in vergangenen Jahrhunderten anders war als heute, wo der Gedanke daran häufig verdrängt wird. Denn früher war der Tod alltäglich und gegenwärtig: durch Krankheiten, Seuchen, Tod im Wochenbett, frühen Kindstod, Un- und Überfälle. Oder eben bei Todesurteilen und öffentlichen Hinrichtungen.
 
Das bringt mich zu der Bedeutung der Totenhand besonders im Mittelalter. Eine Totenhand, besonders von Hingerichteten, war als Talisman und Medizin sehr begehrt. Man sprach Leichenteilen besondere Kräfte zu. Sie wurden von Richtstätten gestohlen, und auch solche von ägyptischen Mumien fanden den Weg nach Mitteleuropa. Medizinisch benutzte man sie zur Beseitigung von Wundmalen, Warzen und anderen Hautkrankheiten, in dem man mit der Totenhand über die Haut strich.
 
Der mythische Bezug spielt auch in der Literatur und in der Musik eine Rolle, beispielsweise in Richard Wagners Götterdämmerung, in der Gunther sich die abgeschlagene Hand Siegfrieds aneignen will:
 
Die ‚Klage mit der toten Hand’ war nach germanischem Rechtsbrauch eine Möglichkeit, um mit abgetrennter Hand oder abgetrenntem Finger des mutmasslich Ermordeten eine Mordanklage vor Gericht zu bringen. Körperteile von Opfern mit dieser rechtlichen Stellvertreterfunktion nannte man auch Leibzeichen.
Bei Wikipedia findet der interessierte Leser unter dem Begriff Totenhand weitere Informationen, auch darüber, wo solche Totenhände in Museen zu finden sind.
 
Es war spät geworden. Mit den Gedanken an die Totenhand legte ich mich ins Bett und schlief ein. Es war ein unruhiger Schlaf, und mitten in der Nacht wachte ich auf. Ich blickte an die Zimmerdecke und sah in einem schalen Licht eine Hand. Sie winkte mir unablässig zu und schien mich aufzufordern, nach draussen zu kommen. Ich folgte ihr nicht und fiel in einen tiefen Schlaf.
 
Am nächsten Tag wollte ich wissen, ob es wirklich eine Erscheinung gewesen war oder vielleicht nur ein Traum. Die Rollladen vor dem Fenster waren nicht herabgelassen worden, da sie bei starkem Wind klappern und das Einschlafen behindern. Es war eine Vollmondnacht, der Mond schien bei wolkenlosem Himmel hell auf die Erde. Die Äste des Baumes vor unserem Fenster schwankten im Wind. Sie waren es, die einen Schatten an die Zimmerdecke geworfen hatten!
 
Das Fenchelgemüse hat übrigens sehr gut geschmeckt. Es wird in der Medizin als Husten- und Beruhigungsmittel verwendet und soll bei Magen- und Darmbeschwerden helfen. Ob das Streichen der grünen Stengel über die Haut eine Wirkung hat, habe ich nicht entdecken können!
 
Quellen
 
Hinweis auf ein weiteres Blog über Sagen
21.01.2011: Freiämter Sagenweg: Wo Elfen und Hexen bei Tannen tanzen
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