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BLOG vom 28.09.2013


Der „Automaton“ – bis das Schnürchen endlich reisst ...
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Bewusst belasse ich den Automaton in der Einzahl, obschon es viele Spielarten davon gibt, begonnen mit ausgeklügelten Uhrwerken: Ein jubilierender Vogel im Drahtkäfig entspringt dem Mechanismus und dreht sich flügelschlagend. Der Berner Zeitglockenturm ist ein anderes Beispiel dieser Gattung. Die ewige Uhr tickt mit.
 
Auf der Freien Strasse in Basel steht hin und wieder regungslos ein weiss geschminkter Mann auf einer Seifenkiste und trägt eine lange, schwarze Robe. Die Kinder umstehen ihn und warten, bis er mit einigen ruckartigen Bewegungen den Arm ausstreckt und den Kleinen mechanisch ausdruckslos zuwinkt. Das amüsiert. Die Leute halten kurz inne und werfen einige Münzen in die Mütze unterhalb seiner Füsse. Was tut er, wenn es ihn juckt oder er husten oder niesen muss – oder wenn es plötzlich zu regnen beginnt? So lange warte ich nicht.
*
 
Hier beschreibe ich einen Mann, der sich wie ein Automaton benimmt, fest in seiner täglichen Routine eingespannt. Da und dort erkenne ich mich in ihm – und der Leser sich wohl auch.
 
Hastig trinkt er seinen Morgenkaffee und schaut immer wieder auf die Uhr. Er muss den Morgenzug zur Arbeit pünktlich 7:10 Uhr erreichen. Und kommt der Zug verspätet, ist er verärgert. Im Zug setzt er sich immer am gleichen Fensterplatz – der Glückspilz fährt 1. Klasse – und entfaltet die Tageszeitung. Arbeitet er in einer Bank, so schlägt er sofort den Finanzteil auf. Automatisch grüsst er den Portier, sobald er durch die Eingangstüre des Bürohauses geht und den Lift betritt. Blindlings drückt der den Knopf, damit der Lift zu seinem Stockwerk fährt. Dort ist er bis zur Mittagszeit aufgehoben. Seine Sekretärin bringt ihm prompt die 2. Tasse Kaffee mitsamt der Morgenpost und erinnert ihn an die Agenda. Dieser Turnus festgefrorener Pflichten wiederholt sich wöchentlich im Zyklus des ewigen Kalenders. Dieser Mann nimmt nur sich und seine Arbeit wichtig. Alles Übrige ist ihm „schnuppe“.
 
Das Essen Zuhause erwartet ihn pünktlich 7 Uhr. Er wird hässig, wenn seine Frau das Essen 5 Minuten verspätet aufträgt. Genau 9 Uhr abends bezieht er sein Bett. Damit zieht dieser Automaton sein Uhrwerk für den nächsten Tag auf. Dieser Automaton verbringt alljährlich seine Ferien in der gleichen Pension am gleichen Ort in Ostende beim Meer. Eine erweiterte Aufzählung seiner starr genormten Lebensweise erübrigt sich.
*
 
Die Menschen in der westlichen Welt sind ebenfalls weitgehend genormt und von der Technologie beherrscht. Alles geschieht monoton automatisch, wie am Schnürchen in solch einer Einheitswelt. Wie geisttötend und langweilig! Das ewige Einerlei versalzt das Leben. Aber manchmal reisst das Schnürchen, und der Teufel ist los.
 
Etwas mehr Abwechslung rate ich mir dringend und beschnuppere die Nachblüten des Sommers. Der 1. Morgennebel beginnt sich zu lichten. In der Regentonne sichte ich einen Schwarm von Mückchen und verfolge ihren Tanz auf und ab oberhalb des Wassers. Dies ist ihr Paarungstanz und zugleich ein Todestanz, denn sie erkennen sich selbst nicht in der trügerischen Wasserspiegelung und glauben, es seinen andere Mücken. Sie landen im Wasser und haben für immer ausgetanzt.
 
P.S. Mein mechanisierter Blogschreiber hat diesen Text verfasst … Siehe unter: http://chonday.com/Videos/the-writer-automaton. Rolf Hess hat uns diesen sehenswerten Hinweis übermittelt.
 
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