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BLOG vom 01.10.2013


China-Schuhe für Linksfüsser, Plattfüsser, Zehengänger
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Seit der Mensch nicht mehr barfuss geht, wechseln Schuhmoden fortwährend. Im Mittelalter gab es Schnabelschule, deren hochgestülptes und verlängertes Schuhende dem Bug einer Gondola glich. Harlekine und Gaukler trugen sie. Jetzt tragen modebewusste Frauen wieder Stöckelschuhe. Diese verkrüppeln ihre Füsse. In China wurden einst die Füsse junger Mädchen eingebunden. Die zu Zwergfüssen verformten Füsse galten als chic und die Massnahmen, die sie erzwangen, sind heute verboten.
*
Ein Chinamann tief im Reich der Mitte übernahm die Schusterwerkstatt seines Vaters. Alle seine Vorfahren waren Schuhmacher gewesen. Im Handkehrum fertigte er Schuhe mit grossem handwerklichem Geschick. Dabei hatte er viel Zeit, seinen eigenen Gedanken nachzuhängen, die alle etwas mit Schuhen zu tun hatten. Nach seinem Arbeitstag beobachtete er am liebsten, wie die Leute gehen, und er stellte fest, dass es verschiedene Gangarten gibt, worunter Linksfüsser, Plattfüsser und Zehengänger. Warum solche Füsse in Einheitsschuhe pressen? ging ihm durch den Kopf.
 
Er tüftelte und experimentierte jahrelang und entwickelte Schuhmodelle für diese Fussgänger. Er studierte eingehend die Affenfüsse als Grundlage für neu gestaltetes Schuhwerk und verbreiterte vorne die Schuhe, fügte Luftkissen in ausgehöhlte Sohlen ein und erhöhte die Schuhsohle von hinten bis vorne für Sohlengänger, also Leute, die als Plattfüsser auf ganzer Sohle gehen. Äusserlich glich dieses Modell einem normalen Schuh, doch die Ferse wurde nicht erhöht, und die Zehen konnten sich ungehindert spreizen. Der Spreizfuss quälte niemand mehr. Ein abgeändertes Modell dieses Schuhs eignete sich auch für Linksfüsser. Gebuckelte Fussrücken fanden in seinen Schuhen endlich ausreichend Raum. Alles bedachte er und förderte die erhöhte Blutzirkulation in seinen Schuhen, in denen niemand mehr kalte Füsse bekam.
 
Des Schusters Haar war ergraut, als er seine erprobte Kollektion beisammen hatte. Sie wurde als Wohltat für alle Füsse über alle Massen gepriesen. Die Nachfrage vervielfältigte sich. Seine Werkstatt wurde ausgebaut. Alle seine Brüder fanden bei ihm ein weitaus besseres Auskommen und konnten ihre Frondienste auf dem Land verlassen. Der findige und geschäftstüchtige Schuhmacher liess seine Schuhe patentieren, denn die Nachkommen seiner Familie sollten in Zukunft nicht darben.
 
Mit dieser Geschichte wurde mit des Schusters Leisten unserer Einheitswelt Einhalt geboten.
 
 
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