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BLOG vom 28.10.2013


Verschlossenes Spital: Höllenweg zur Physiotherapie
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Albert war zur Physiotherapie bestellt – seine 1. Session in einem Spital. Unterwegs verlor er den Weg. Immer wieder hielt er inne und fragte Leute nach dem Weg. Wer sich so durchfragt, erhält widersprüchliche Auskünfte. Schliesslich erreichte er den Eingang eines Spitals. „Abwesend“ empfing ihn ein Schildchen in der Rezeption. Die Verbindungstüre ins Spital war nicht verschlossen. Er stand vor einer Abschrankung mit dem Anschlag „Zugang strengstens verboten“. Kein Mensch war in Sichtweite. Er konnte sich seitlich ins Spital durchzwängen. Vor ihm war ein Korridor, der sich im Endlosen verlor. Das Rollband durch den Korridor war ausgeschaltet. Das wird ein langer Weg werden, dachte Albert, als er weiterschritt.
 
Ein Wegweiser links verwies ihn zur Chirurgie, einer rechts zur Cafeteria. An der Türe zur Chirurgie las er den Anschlag „Heute geschlossen“. Alberts Rücken schmerzte. So beschloss er, in der Cafeteria einen Kaffee zu trinken. „Wegen Personalmangels geschlossen“, stand auf einem Zettel, mit einem Reissnagel an die Türe geheftet. Weit und breit war kein Stuhl in Sicht, wo er sich ausruhen konnte, nicht einmal ein ambulantes Bett. Alberts Kehle wurde trocken. Er humpelte weiter und frohlockte, als er links das WC sichtete. Dort konnte er sich gewiss setzen und Wasser trinken. Wiederum stand auf einem Schildchen vermerkt „Ausser Betrieb“. Irgendwo musste der Korridor enden. Er erinnerte sich an den alten Brüsseler Flugplatz, wo er lange gehen musste, schwer mit Gepäck belastet, bis er das Abflugsgate erreichte, immer ganz am Ende eines langen Korridors.
 
Ein Mensch muss ab einem gewissen Alter öfters pissen. Gab es hier einen Winkel, wo er sein dringendes Geschäftchen erledigen konnte? Wie immer und überall wird der Mensch von Argusaugen überwacht. Albert bemerkte ein CCTV und machte ihm eine lange Nase. Dann sah er eine Plastikflasche, als Ausweg aus dem Harndruck zu gebrauchen. Leider war sie gefüllt. War es eine trinkbare Flüssigkeit? Mühselig bückte er sich und las auf der Etikette unter einem schwarzen Totenkopf „Vorsicht radioaktiv!“ Auch an Güterwagen sind Totenköpfe aufgeklebt, die auf giftige Abfallstoffe hinwiesen.
 
Mit einem Kameraden ging er einst an Güterwagen auf dem Abstellgeleise entlang. „Was geschieht, wenn ich die Hand über den Totenkopf lege?“ wandte sich Albert an seinen Kameraden, den seine Frage aufscheuchte. Erschrocken sprang er Seite, als Albert mutig die ganze rechte Hand flach über den Totenkopf ausbreitete. Nichts geschah! Natürlich verzichtete Albert diesmal auf eine Mutprobe.
 
Nackenschmerzen gesellten sich zu seinen Rückenschmerzen. „Weitergehen“, zwang er sich voran. Zunehmend waren die Wände mit Graffiti verschmiert, worunter etlichen Totenköpfe und Hackenkreuze. „Und das in einem Spital!“, murmelte er kopfschüttelnd.
 
Was kam von Ferne auf ihn zu? Es war ein Knabe auf dem Trottinet, staunte er. Der konnte ihn zum Ausgang weisen, dachte er, und fragte den Kleinen: „Woher kommst du?“
 
„Das sage ich dir nur, wenn du mir versprichst, meiner Mutter nichts zu sagen. Nachher fuhr der Knirps mit kräftigen Beinstössen weiter. So war sein Weg, wie so viele im Leben, mit dem bekannten „immer geradeaus“ bestimmt. Eine weitere Gestalt erschien. „Haben Sie einen kleinen Buben gesehen?“, fragte sie ihn ausser Atem. Es war des Kindes Mutter. Ihr gellender Schrei wirkte. Der Bube kehrte um. Seine Mutter war erleichtert und schalt ihr Kind nicht. „Komm, wir müssen sofort zurück.“
 
Die Frau trug einen weissen Mantel. „Sind Sie eine Krankenschwester?“ fragte er sie. Sie nickte und fragte ihn ihrerseits, was er hier suche.
 
„Nichts mehr und nichts weniger als den Ausgang … Warum ist dieses Spital so menschenleer?
 
„Haben sie den Wegweiser nicht gesehen und die Abschrankung im Gebäude? Heute wird das Spital abgebrochen – in die Luft gesprengt, denn alle Mauern sind aus Beton. Beeilen Sie sich, ehe hier alles losgeht“, forderte sie ihn auf. „Was wollten Sie hier?“
 
„Ich bin zur Physiotherapie bestellt“, gestand er kleinmütig.
 
„Physiotherapie“, wiederholte sich überrascht. „Damit haben sie hier eine Freikarte für den Freitod eingelöst. So werden heute alte und gebrechliche Menschen ‚entsorgt’.“ Albert erschrak gewaltig.
 
„So ist es heute. Es hat viel zu viele alte Leute. Der überschuldete Staat muss sich die wachsenden Ausgaben im Gesundheitswesen einsparen.“
 
Die gute Frau drängte zur höchsten Eile. „Wir können den Wachposten umgehen. Hier geht es abwärts und durch ein Untergang zum Ausgang.“ Draussen angelangt, bestellte sie ein Taxi für ihn. „Nur vermögende Patienten werden noch privat gepflegt.“
 
Alberts Schmerzen waren wie verflogen. Er war der Todesgefahr entronnen. Von Physiotherapie wollte er nichts mehr wissen. Bevor er das Taxi bestieg, riet sie ihm, täglich zu spazieren und schonend Gymnastik zu betreiben. „Das lockert die alten Knochen. Und finden Sie einen vertrauenswürdigen Arzt!“ schickte sie ihm noch nach.
 
 
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