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BLOG vom 21.12.2013


Schweizerdeutsch, Hochdeutsch: So sprechen Schweizer
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen D
 
Wie Sie sehen, schreibe ich für eine Internetseite, die in der Schweiz, und zwar in der deutschsprachigen, beheimatet ist. Die Blog-Sprache ist hochdeutsch. Das ist meine Muttersprache. Ich bin nämlich Deutscher, geboren im Sauerland, und westlich dieser Landschaft im Ruhrgebiet aufgewachsen. Ich könnte also mit Fug und Recht behaupten: Ich bin Preusse. Das grenzt mich als Einwohner von der südlich gelegenen sogenannten Weisswurstlinie”, womit ist geographisch der Main gemeint ist, ab. Auf der anderen Seite des Flusses wohnen die Franken, die Schwaben, die Badenser und die Bayern. Sobald ich in diesen Teil Deutschlands komme, muss ich gut zuhören. Denn die dort gesprochenen Dialekte sind für wie mich oft nur schwer zu verstehen, manchmal fast gar nicht. Jedenfalls ist es deutsch, die Schriftsprache verstehe ich.
*
Seit der Wiedervereinigung besteht noch eine weitere Sprachgrenze”. Es gibt zwar keine Verständigungsschwierigkeiten zu den aus dem Osten Deutschlands stammenden Landsleuten, aber für viele Menschen in Norddeutschland klingt das Sächsische beispielsweise schon ein wenig gewöhnungsbedürftig. Wie man erkennen kann, werden die Menschen in Deutschland nach ihrer Herkunft eingeordnet, teilweise sind Vorurteile nicht auszuschliessen. Das gilt auch für die Mitbürger aus anderen Ländern, die überwiegend im Stadtbild aufgrund anderer Hautfarbe, fremder Sprache und Akzente, eigener Kleidungssitten und anderem erkennbar sind.
 
Egal, wie lange ein Migrant in Deutschland wohnt, wie akzentfrei die Person deutsch spricht, ob eingebürgert oder nicht, sie bleibt immer Ausländer”. Ab und zu werden in den Medien diskriminierende Verhaltensweisen bekannt, z. B. wollte vor einigen Tagen eine Kioskbesitzerin mit Hermes-Versandlizenz einer dunkelhäutigen Deutschen trotz des deutschen Passes ein Paket nicht aushändigen. Angeblich dürfe sie es wegen ihrer Hautfarbe nicht, was natürlich Blödsinn ist, aber der Frau ist die Ablehnung alles in ihren Augen Nicht-Deutschen wohl nicht auszutreiben.
 
Sprachenprobleme gibt es also auch in Deutschland. Aus meiner Sicht heraus existiert kaum ein Land, in dem es sie nicht gibt. Deshalb fand ich den Artikel mit der Überschrift Die Schweizer befinden sich sprachlich noch im Krieg” in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.) vom 15.12.2013 lesenswert. Der Untertitel “Der Sprachforscher José Ribeaud fordert seine Landsleute auf, Hochdeutsch zu lernen” machte mich noch neugieriger. In diesem Artikel interviewt die Journalistin Stephanie Rudolf den Autor Ribeaud zu seinem Buch “Vier Sprachen, ein Zerfall”, das 2013 im Verlag Nagel & Kimche erschienen ist. Darin vertritt der Autor die Auffassung, mehr als die Hälfte der Deutschschweizer beherrsche die eigene Nationalsprache nicht, da mehr als 50 % ausschliesslich in der Mundart kommunizierten. Weiterhin betont der Autor, dass Bewerber, die Hochdeutsch sprechen, bei Firmen schlechtere Chancen hätten.
 
Ribeaud befürchtet einen Sprachenstreit, vergleichbar mit Belgien zwischen Wallonen, also der überwiegend französisch sprechenden Bevölkerung und den Flamen, die flämisch (nach meinem Verständnis ein niederländischer Dialekt) sprechen und seit Jahrzehnten um die Vorherrschaft einer Sprache rangeln. Ribeaud fordert die Obligatorik, dass die Schweizer zuerst einmal ihre Nationalsprachen lernen: In der französischen Schweiz Hochdeutsch, in der deutschen Schweiz Französisch oder Italienisch” und nicht als zweite Sprache Englisch. Für den Autor ist das jetzige Sprachenverhalten undemokratisch und unschweizerisch.
 
Da Herr Daniel Goldstein, Herausgeber der Internetseite www.sprachlust.ch, gerade einen Link zur Internetseite www.textatelier.com eingerichtet hat und sich aufgrund seines Wissens als „Sprachberater“ betätigt, habe ich ihm, so dachte ich, eine Anfrage zu diesem Artikel gesandt, aber versehentlich die Mail-Adresse von Herrn Johannes Wyss, des Präsidenten des Schweizerischen Vereins für die deutsche Sprache, eingefügt und bezugnehmend auf den Zeitungsartikel Folgendes geschrieben:
 
„Ich bin Deutscher und wohne in Deutschland. Ich verstehe grösstenteils schwyzerdütsch. Für mich ist das ein Dialekt in der Schweiz wie bayrisch oder alemannisch in Deutschland. Deshalb bin ich über das Buch von Ribeaud ‚Vier Sprachen, ein Zerfall’ irritiert, allerdings habe ich es noch nicht gelesen, sondern bin heute in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung auf ein Interview mit dem Verfasser gestossen. Er behauptet, die Deutschschweizer reden nur im Dialekt miteinander, aber auch mit Leuten, die nicht aus der Schweiz stammen, und die schweizerische Identität würde diskriminierend gegenüber denjenigen sein, die nicht schweizerdeutsch seien.
 
Ihre Meinung dazu interessiert mich. Auf der obigen Website schreiben wir schriftdeutsch, meine Schweizer Kollegin und meine Schweizer Kollegen fügen manchmal in Texten, die die Schweiz betreffen, auch einmal ein ausserhalb der Schweiz nicht bekanntes Idiom mit ein. Ich finde das in Ordnung und sogar zur Identitätsbewahrung wichtig und der Tradition verpflichtet. Deshalb verstehe ich den Autor nicht. Ich würde mich freuen, Ihre Meinung dazu zu lesen!“
 
Sehr erfreut war ich schon 2 Tage später über die Antwort von Herrn Johannes Wyss, der mich freundlich auf meinen Fehler mit der Adressierung hinwies und dann schrieb:
 
„Weil ich das Buch ‚Vier Sprachen, ein Zerfall’ von José Ribeaud in der letzten Ausgabe unserer Zeitschrift ‚Sprachspiegel’ besprochen habe, beantworte ich Ihre Anfrage gleich selbst.
 
Man muss wissen, dass Ribeaud als Romand der grössten sprachlichen Minderheit in der Schweiz angehört und damit aus einer gewissen Verteidigungsposition argumentiert. Die französische Sprache verliert ‒ wie übrigens weltweit ‒ auch in der Schweiz immer mehr an Bedeutung. In vielen Lehrplänen der Deutschschweizer Kantone hat das Englische das Französische als erste Fremdsprache abgelöst. Ein junger Deutschschweizer und ein junger Welscher unterhalten sich heute oft in der englischen Sprache. Und die Werbung in Englisch, die wohl von vielen Konsumenten oft gar nicht verstanden wird, ist omnipräsent. Insofern ist eine Verarmung in der schweizerischen Sprachenvielfalt ‒ gemeint sind die Landessprachen, nicht die vielen Sprachen der Migranten ‒ schon spürbar.
 
Selbstverständlich sprechen die Deutschschweizer Dialekt miteinander; die Mundart ist die mündliche Form ihrer Muttersprache, das Hochdeutsche die schriftliche. Zugewanderte Deutsche schätzen es übrigens sehr, wenn die Deutschschweizer sie in der Mundart ansprechen; so fühlen sie sich akzeptiert und zugehörig. Was Ribeaud aber zu Recht bemängelt, ist die Tatsache, dass immer mehr Medien ‒ Privatradios, aber auch staatliche Anbieter ‒ Sendungen in Mundart ausstrahlen und es damit den Anderssprachigen in der Schweiz verunmöglichen, die Beiträge zu verstehen. Welsche, Tessiner und Rätoromanen, aber auch Migranten, sollen einen einfachen Zugang zur
deutschen Sprache (Hochdeutsch oder Schriftsprache, wie wir sie nennen) haben. Ein Umweg über das vorherige Erlernen des Schweizerdeutschen dient nicht der Verständigung.
 
Wenn Sie von Idiomen sprechen, die Ihre Schweizer Kollegen jeweils in Texten einfügen, dürften damit die Besonderheiten des Schweizer Hochdeutschen gemeint sein (parkieren, nicht parken; Morgenessen, nicht Frühstück). Damit sind gleichwertige Varianten der deutschen Standardsprache gemeint, so genannte Helvetismen. (Im Rechtschreibduden finden sich rund 1700 dieser Helvetismen, im Dudenbändchen ‚Schweizerhochdeutsch’, das unser Sprachverein im 2012 herausgegeben hat, rund 3000.) Diese Helvetismen gehören zum Kulturgut der Schweiz und sind daher unbedingt zu fördern. Mit Schweizerdeutsch/Mundart/Dialekt hat dies aber nichts zu tun.
 
Ribeaud schreibt: Das Ziel muss sein, dass ‚jeder Schweizer seine Sprache spricht und alle anderen Schweizer ihn verstehen’. Oder, wie es ein früherer Schweizer Bundesrat formulierte: ‚In mehreren Sprachen zu denken, ist der Reichtum unseres Landes.’ Ribeaud wünscht sich eine Sprachenpolitik, die auf die Kenntnis der Landessprachen und den Schutz der Minderheitensprachen abstellt. Insofern leistet das Buch einen wertvollen Beitrag zum Nachdenken, auch wenn Ribeaud da und dort stark übertreibt. Aber um gehört zu werden, muss man manchmal überzeichnen.
 
Mit freundlichen Grüssen
 
Schweizerischer Verein für die deutsche Sprache
Johannes Wyss, Präsident
Alte Landstrasse 16
CH-8800 Thalwil“
 
Herzlichen Dank, Herr Wyss, für diese Einschätzung!
 
Das Englische löst in vielen Ländern andere, möglicherweise traditionell aufgrund der individuellen Geschichte des Landes bevorzugte Sprachen als Zweitsprache ab. Das mag man bedauern, aber – ob wir wollen oder nicht – das Englische ist in der Welt die lingua franca und zur Verständigung weltweit, mit wenigen Ausnahmen, die Alternativsprache, wenn Ausländer die Landessprache nicht beherrschen. Das scheint auch an der Schweiz nicht spurlos vorbeigegangen zu sein.
 
Deshalb stösst auch die Kritik von Ribeaud daran auf Widerspruch, wie auf der Internetseite
http://buecherrezension.wordpress.com/2013/12/06/rezension-jose-ribeaud-vier-sprachen-ein-zerfall-nagel-kimche-2013/  
zu lesen ist:
 
Polemisch und verblendet ist in diesem schmalen Bändchen einzig das vierte Überkapitel ,Die Anglomanie: eine ansteckende Krankheit’. Sobald das Englische einer anderen Landessprache vorgezogen wird, ist Ribeaud ein vehementer Gegner. In vielen Deutschschweizer Kantonen wird Frühenglisch mittlerweile vor Französisch unterrichtet, was ihm ein Dorn im Auge ist. Es beraube die Jugendlichen eines möglichst frühen Rechts auf Austausch mit den anderen Sprachregionen. Nun, so löblich mir sein Ansatz erscheint, eine friedvolle, sicher problemlos verständigende Mehrsprachigkeit zu pflegen, so weltverschlossen erscheint dieses Argument. Das Englische öffnet heutzutage Tür und Tor zum Austausch mit einem weit grösseren Teil der Welt. Wer die Möglichkeit auslässt, früh damit zu beginnen, beraubt sich und andere des Rechts auf Austausch mit einer globalisierten Gesellschaft.”
 
Ob Englisch die erste und eine der Schweizer Landessprachen die zweite Fremdsprache” ist, ist natürlich Ansichtssache, aber für ein Land wie die Schweiz reicht eine einzige Fremdsprache gewiss nicht aus, und das wird in Belgien nicht anders sein. Schliesslich ist die andere Sprache, die es zusätzlich zu Englisch zu erlernen ist, immerhin eine Landessprache. In der Schweiz müsste deshalb noch eine 3. Sprache hinzukommen.
 
Die einzige Lösung, die ich sehe, ist die Mehrsprachigkeit. In Bezug auf das genannte Problem des Schweizerdeutsch vs. Hochdeutsch bin ich der Meinung, dass ein in der Schweiz wohnender Ausländer lernen muss, sowohl die eine als auch die andere Variante zumindest zu verstehen. Ich hatte bei meinen (kurzen) Aufenthalten in der Schweiz nach einer Anfangsphase nie Probleme damit. Ich wurde mit meinem Hochdeutsch verstanden, und ich selbst verstehe bis auf Feinheiten Schwyzerdütsch. Ich persönlich habe es auch nicht als aufgezwungen” angesehen, wie Ribeaud das in seinem Buch behauptet. Ebensowenig habe ich je festgestellt, dass man mir mit „unverhohlener Feindseligkeit” begegnete. Dass es, wie oben bei der Kioskbetreiberin beschrieben, immer „Ewiggestrige” geben wird, nehme ich mit der Überzeugung, dass diese Personen solche sind, in Kauf. Vielleicht ist das ein Weg, mit dem Problem umzugehen. Ich will und kann aber nicht für die Schweizer Bevölkerung sprechen, sondern nur aus meiner Sicht heraus argumentieren.
 
Ich bin gespannt, wie die Diskussion um die Sprachen in der Schweiz weitergehen wird. Es wird zweifellos noch eine Zeitlang eine Diskussion darüber geben, welche Sprache als Zweitsprache gelehrt und gelernt werden soll. Das ist in der Schweiz naturgemäss aufgrund der verschiedenen Sprachenregionen des Landes anders als dort, wo es nur eine einzige Muttersprache gibt. Bedauernswert ist, dass Deutsch als Fremdsprache im Ausland immer öfter durch Englisch verdrängt oder auf einen der weiteren "Plätze" verschoben wird, aber "so ist der Lauf der Zeit".

Dankbar bin ich Herrn Wyss auch für den Hinweis auf die Helvetismen, mit denen ich mich weiter beschäftigen werde!
 
 
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