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BLOG vom 27.03.2014


Parabel: „Wo ai ni“: Ich liebe dich. Stein im Wüstensand
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
In einer Schublade stiess ich zufällig auf diesen mit „Parabel“ betitelten Text – 1964 auf Englisch verfasst. „Wo ai ni“ bedeutet in der Mandarin-Sprache „Ich liebe dich“. In dieser Parabel wird Woaini zusammen geschrieben.
 
Zuerst verwirrte mich der erwähnte Text: Was wollte ich damit sagen? Welches Gleichnis versteckt sich darin? Ich habe den Text überarbeitet und übersetzt. 
*
Ein kleiner Stein lag im endlosen Wüstensand obenauf. Viel Wechsel hat dieser Stein erlebt. Zuerst steckte er tief in einer Meereskluft, bis das Meer austrocknete. Bäume besiedelten und gediehen auf diesem Land. Der kleine Stein war diesmal tief in den Wurzeln einer Riesenpalme eingebettet. Kein Vogellaut erreichte ihn. Die Erde verwandelte sich nach und nach in Wüstensand. Alle Vögel entflohen der Einöde. Heftige Wüstenstürme entwurzelten auch den Baumstrunk mitsamt dem Wurzelgerippe, worin der Stein lag. Dabei flog der Stein hoch der Sonne zu. Die Sonnenstrahlen sättigte den Stein, bis er gleisste und funkelte, selbst unterm Mondlicht.
 
Eines Tages ritt ein bärtiger Nubier auf seinem Kamel zur nächsten Oase. Mit seinen Gedanken allein, murmelte er etwas über begrabene Hoffnungen und eine zweifelhafte Zukunft in seinem Bart. Plötzlich stockte sein Selbstgespräch, und er sprang vom Kamel, las den glitzernden Stein vom Sand auf und hielt ihn ganz nah an seine Augen. „Ein Diamant!”, jubelte er und küsste den funkelnden Stein. „Wie rein du bist”, pries er den Edelstein, „nie werde ich mich von dir trennen”, versprach er.
 
Später, in Kairo, bestätigte ihm ein Chinese, dass es ein lupenreiner Diamant war. „Du musst ihn liebhaben, damit du ihn nicht verlierst”, riet der Chinese, „und sage zu ihm ,Woaini’, und der Diamant wird vor Freude strahlen bis tief in dein Herz!”
 
Der Nubier befolgte den weisen Rat des Chinesen, und trug fortan den Diamanten, in weisse Seide eingewickelt, auf sich und liebkoste ihn mit „Woaini” jeden Tag mehrmals als sein Glücksymbol. Aber sein Symbol verhinderte nicht, dass der Nubier ein armer Schlucker blieb. Sein Kamel starb, und er verlor seinen kargen Verdienst. Er verfluchte den Diamanten und wickelte ihn zur Strafe in ein schwarzes Tuch. Der reichste Mann weit und breit wurde zum Bettler. Seine süssen Träume verflogen allesamt. Der Diamant lastete wie ein Stein in seinem hadernden Herzen.
 
An einem schönen Tag teilte ein Bettelmönch seine Kruste Brot mit ihm. „Wie kommt es, dass Du mit Deinem harten Los so zufrieden bist?” wandte sich der Nubier an den Mönch.
 
„Wozu soll ich mich grämen”, antwortete der Mönch, „bedenke: ich helfe, auch wenn mir niemand hilft; ich verstehe, ohne verstanden zu werden und bleibe wunschlos glücklich, von den Fesseln des Besitzes befreit. Und wenn du liebst, verlange keine Gegenliebe.”
*
 
Verdutzt bemerkte der Nubier die vielen Lachfältchen im Gesicht des alten und gebrechlichen Bettlers. Ihm schien, sie übertrafen den Glanz des Diamanten, und er zog die Lehre: Du brauchst „Woaini“ zum Lächeln, viel „Woaini“.
 
 
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