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BLOG vom 19.05.2014


Abschied von Indien, Land mit der Leichtigkeit des Seins
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, berichtet aus Südindien
 
Nach dem Tag als Hochzeitsgast verlasse ich dieses wunderbare, überraschungsreiche Land Indien wieder. Ich habe schöne Tage mit Freunden erlebt, war an berühmten Badeorten an der Malebarküste im Westen Keralas/Südindien, in der Hauptstadt des Bundeslandes und in den Backwaters.
 
Heute besuche ich zum Abschied einen Platz nördlich von Trivandrum, Varkala. Es ist ein Badeort an der Arabischen See und lebt von Touristen, die aus aller Welt kommen, übrigens immer mehr auch aus Russland und den Ländern, die vor der Wende zu diesem Land gehörten.
 
Ich entscheide mich, von Trivandrum aus mit dem Zug zu fahren, es sind nur 35 km, die der Zug in einer knappen Stunde schafft. Ich bekomme nach wenigen Minuten einen Bus in der Nähe meines Hotels. Es muss eine andere Linie als die vor einigen Tagen von mir benutzte sein, denn er fährt eine andere Strecke. Die Busse sind nicht nummeriert, sondern tragen vorn über der Windschutzscheibe oft nur Zielorte in der Landessprache und -schrift, und die kann ich nicht lesen. Die Fahrt kostet deshalb ein paar Rupien mehr.
 
Ich kaufe ein Ticket. Es kostet 60 Rupien, der momentane Umrechnungskurs zum Euro beträgt 80 zu 1, also 75 Cent für die Rückfahrkarte in der 2. Klasse.
 
Der riesenlange Zug fährt bis Bengalore, einige 100 km entfernt. Ich bin eine knappe Stunde zu früh auf dem Bahnhof. Nach einem preiswerten, schmackhaften indischen Frühstück, Vadas, Poodies und Sosse, zusammen mit einem Glas Kaffee, gehe ich zum Bahnsteig. Der Zug wird hier eingesetzt, und einige Fahrgäste haben auch schon die Abteilungen belegt; ein Mann liegt auf der Bank und schläft. Ich sichere mir einen Platz, eine gute Entscheidung, denn nur wenige Minuten danach sind kaum noch Sitzplätze vorhanden, wobei auf 3 Plätzen immer 4 Personen sitzen. Langsam füllt sich der Zug weiter, der Schläfer muss sich setzen, weil viele Fahrgäste schon stehen. Die Türen des Waggons stehen an beiden Seiten offen. Die Abfahrtszeit ist erreicht, es tut sich nichts. Wir warten etwa eine halbe Stunde, bis ein verspäteter, anderer Zug auf dem Gleis gegenüber eintrifft. Die Tageshitze wird durch jeweils 3 Ventilatoren an der Decke der offenen Abteile gelindert. Einzelne Fahrgäste klettern in die Gepäckablage über den Sitzen, obwohl an den Wänden „for luggage only“ steht. Endlich geht es los. Es ist eng auf den Gängen, die Fahrgäste an den offenen Türen haben sich gesetzt, lassen die Beine nach draussen baumeln, manche stehen auch auf der Stufe und halten sich an den Aussengriffen fest.
 
Bald ist der Ferienort erreicht. Ich steige aus, laufe ein Stück und frage nach einem Bus zum Strand. Die Haltestelle ist nur dadurch zu erkennen, dass dort einige Personen warten. Ein moderner Bus kommt, auf dem in elektronischer Laufschrift die Richtung auf Englisch zu lesen ist. Ich steige ein. Es ist nur noch ein weiteres Paar im Wagen, eine Klimaanlage läuft. Ich erkenne, dass ich einen komfortablen, also etwas teureren Bus erwischt habe, der ein paar Rupien mehr für die Fahrt kostet. Er hält an einem kleinen Busbahnhof, immer noch etwa einen Kilometer vom Strand entfernt. Das Paar und ich gehen gemeinsam über die verkehrsarme Strasse. Die beiden wollen in eine Klinik, die Naturheilkunde anpreist, ganz in der Nähe des Strands. Ich wandere ein wenig herum. Leider ist das Meer ziemlich wild, die Wellen prallen mit einem Knall und weissem Schaum ans Land und schwimmen ist, ich erkenne es an kleinen roten Fahnen, verboten.
 
Ich bin im Südteil des Strands, der nicht viele Restaurants und Läden aufweist, sondern mehr Touristenunterkünfte. Ich setze mich bei der Hitze, die nur gelegentlich durch einen angenehmen Seewind gelindert wird, in den Schatten und beginne ein Gespräch mit einem Rikschafahrer, der in dieser Nachsaisonzeit doch noch zusammen mit den Kollegen auf Kundschaft wartet.
 
In Indien ist es kein Problem, Kontakte zu knüpfen. Zuerst kommt immer die Frage: „Where do you come from?“ und schon erfährt der Tourist, welche Beziehungen zum Heimatland bestehen, „I have a German friend, she does Yoga and lives 3 months here and then at home and comes back, her name ist Lisa“, und es werden ein paar Worte Deutsch hervorgekramt. Der junge Mann, 32 Jahre alt, hat 2 Kinder im Alter von 5 und 9 Jahren. Ich denke mir, das Leben sei bei einer Hochsaisonzeit von 3 Monaten im Jahr nicht leicht.
 
Ich gehe weiter, bekomme Durst und Hunger und setze mich in ein Restaurant, trinke Tee und esse ein Omelett. Ein paar Stühle weiter sitzt ein Polizist, der den Strand zu beobachten hat und ruht sich aus. Ein Stückchen weiter steht ein kleines, unverputztes Steinhäuschen, nicht grösser als eine Toilette, mit einem Schild „Police aid“. Wir reden ein paar Worte.
 
Dann gehe ich zur Nordseite des Ortes. Auf dem Weg dorthin sitzt ein Mann im Schatten und fragt mich, woher ich komme. Ich setze mich neben ihn und wir haben eine längere Unterhaltung. Er berichtet, dass er kurz vorher noch in Singapur gearbeitet habe, dort sei das Leben stark geregelt und sehr teuer. Jetzt unterstütze er seinen Vater beim Restaurantbau, der wie 2 weitere von ihnen dann verpachtet werden soll. Auch er hat 2 Kinder. Das Gespräch dreht sich von seiner Seite aus vor allem um Geld. Er fragt mich, wo ich schon überall in Indien war; wir reden über Sri Lanka. Er versteht auch nicht, warum es keine Fährverbindung über die etwa 50 km breite Meeresenge gibt und vermutet, das sei politisch so gewollt.
 
Ich laufe weiter am Strand entlang, das Paar aus dem Bus kommt mir entgegen und grüsst. Da es doch ziemlich heiss wird, entscheide ich mich, die steilen Stufen zum Dorf hinauf zu gehen und den Rückweg anzutreten. Ich will bis zur Busstation nicht laufen und frage nach einem Bus. Ein junger Mann in einem Laden erklärt mir, der nächste komme erst in einer Dreiviertelstunde, fragt, ob ich eine Rikscha nehmen wolle, ich bejahe. Er geht aber nicht zu dem am Rand abgestellten Fahrzeug, sondern zu seinem Motorrad. Wir handeln einen Preis für die etwa 5 km lange Strecke aus, er will 100 Rupien, ich biete ihm 50 an, wir einigen uns auf 80, also etwa einen Euro. Ich steige hinten auf. Alle fahren hier ohne Helm, und wir lassen uns vom Fahrwind verwöhnen.
 
Am Bahnhof gehe ich am hinteren Ende durch eine Lücke im Zaun auf das Gelände und überquere die Gleise, da ich vermute, der Zug fahre von Gleis 2 in Richtung Süden ab. 2 Männer bestätigen mir, dass der Zug etwa in einer Viertelstunde komme, man fragt nach, ob ich schon einen Fahrschein hätte, was ich denn bezahlt hätte und nickt zustimmend.
 
Der Zug kommt mit nur 10 Minuten Verspätung. Wir laufen zum Sleeper-Wagon der 2. Klasse. Die Plätze sind alle besetzt, aber der Zug ist nicht so voll. Einer der Männer turnt auf die Ablage über den Sitzenden, die man auch als Liegefläche benutzen kann, legt sich dort hin und schläft ein. Ich stehe eine gute Viertelstunde, dann bietet mir ein junger Mann seinen Platz an. Es gibt einige freundliche Blickkontakte mit den Fahrgästen, eine Frau lächelt, als ich ihr zeige, dass ich mir durch den Ventilatorenwind mein schweissnasses Hemd trocknen lasse.
 
Als der Zug die Geschwindigkeit reduziert, vermute ich, dass wir die Hauptstadt schon erreicht haben. Eine junge Dame fragt mich, wo ich hin wolle und klärt mich auf, dass der Zug vorher noch in einem Vorort hält. Ich freue mich, denn dadurch zeigt man mir, dass den Mitreisenden daran gelegen ist, dass es mir gut geht!
 
Dann erreicht der Zug Trivandrum. Ich überlege, ob ich noch in die Stadtmitte gehe, ein Bus steht am Rand, und eine Stimme daraus ruft mich. Es ist mein Freund, der in seiner Heimatstadt noch etwas erledigt und zufällig denselben Zug zurück genommen hat. So fahren wir mit dem Stadtbus zurück zu seinem Haus.
 
Ich denke, das Leben gestalte sich einfach schön, erlebe eine angenehme Leichtigkeit des Seins. Aber auch das hat einmal ein Ende, und ich werde mich wehmütig an diese indischen Tage erinnern!
 
 
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