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BLOG vom 23.05.2014


Begegnungen mit Menschen auf der Reise durch Sri Lanka
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
 
„Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen“. Matthias Claudius hat es schon im 19. Jahrhundert so formuliert. Viele der immer lesenswerten Texte, angeboten auf der Internetseite, die Sie gerade angeklickt haben, handeln davon. Nicht nur sind es die Eindrücke aus der Fremde, von Gesprächen, aus der Natur und von der Umgebung, sondern oft auch die fremden Speisen, die man geniessen konnte, und vor allem die Kontakte, zu denen es gekommen ist, um die es sich dreht.
 
Dabei kann der Bericht je nach dem, was man als Tourist als wichtig ansieht, sehr unterschiedlich ausfallen, etwa was der gedrungene, stämmige Muskelprotz aus der Schweiz mir gleich am ersten Tag im Hotel eines Badeortes an der Westküste von Sri Lanka ans Herz legte, das ich auf keinen Fall verpassen dürfe: nämlich in dem von einem aus der Schweiz stammenden Gastronomen betriebenen Lokal, nur ein paar Hundert Meter entfernt, das riesige, ausgezeichnete Steak nach Schweizer Art zu geniessen. Das entdeckt zu haben, wird er sicherlich zu Hause erzählen.
 
Dabei war es nicht einmal das erste Mal, dass jemand so etwas von einer Reise vorgeschwärmt hat, denn ein deutsches Ehepaar aus Bayern war vor einigen Jahren besonders stolz darauf, mitten in Venedig ein Lokal gefunden zu haben, in dem Eisbein mit Sauerkraut serviert wurde. Dieses Negativbeispiel der Erkundung eines Landes oder einer Stadt erwähnen meine Frau und ich immer mal wieder bei Unterhaltungen.
 
Auf diese Art von Empfehlungen kann ich gerne verzichten. Was für mich viel mitteilungswürdiger ist, sind die Gesprächsinhalte, die ich mit Einheimischen aus den besuchten Ländern, aber auch mit Touristen, geführt habe, die mir wertvolle neue Erkenntnisse gebracht haben.
 
In den letzten Tagen gab es mehrere davon. Ein Singhalese (also Angehöriger des grössten Volksstammes) aus Kandy, der zweitgrössten Stadt in Sri Lanka (der Name ist Programm, die Stadt ist wunderschön!) sprach mich an, hielt mir seine Hand vor, in der ein paar Geldmünzen (also ein geringer Betrag) lagen, ob ich ihm nicht zu einem Mahl verhelfen könne. Er habe nur ein sehr kleines Einkommen. Ich schätzte ihn auf Anfang 60. Er war sauber gekleidet, und ihm fehlten einige Zähne. Er spricht ein ausgezeichnetes Englisch, und da er sehr dezent und nicht einfach fordernd war, lud ich ihn in einem preiswerten Imbiss zu Egg Hoppers ein, die zwar gewöhnlich zum Frühstück verzehrt werden, aber auf die ich einfach Lust hatte. Aus Reismehl, Öl und anderen Zutaten wird eine Art kleine Schale gebildet. Darin wird ein rohes Ei verstrichen, und beides wird gebacken. Der Herr war sehr zurückhaltend, und wir teilten uns 4 Stück, die er mit einer scharfen Currypaste nach Landesart dick und ich leicht bestrich, und die wir dann zu einer Tasse Chai-Tee verzehrten.
 
Er erzählte mir, er sei 1938 geboren, also bald 76 Jahre alt. Er habe erst mit 45 Jahren geheiratet. Er habe im Laufe seines Lebens ein wenig Land gekauft und darauf ein kleines Haus gebaut, in dem er mit seiner Frau lebe. Kinder hätten sie nicht mehr bekommen. (Sonst hätte er nicht betteln müssen, Kinder sorgen für die alten Eltern!) Er spreche deshalb so gut Englisch, weil er es – das Land war noch wie Indien unter britischer Herrschaft ‒ in einer Schule der Kolonialherren gelernt hätte. Mehrmals fragte er mich nach meiner Familie und über Deutschland aus, und immer wieder erzählte er von seiner Eheschliessung im späten Alter. Seine Vergesslichkeit liess mich darauf schliessen, dass er sich möglicherweise im Anfangsstadium von Alzheimer befindet. Gross kann das Grundstück nicht sein, denn viel Landwirtschaft könne er nicht betreiben, wie er mir versicherte. Er habe aber eine Kokospalme. Anschliessend liefen wir noch ein paar Schritte in Richtung Stadtmitte, unterhielten uns noch über die verschiedenen Religionen in Sri Lanka und in Europa, bis sich unsere Wege trennten. Er werde unsere Begegnung nicht vergessen, versicherte er mir, und wünschte mir Glück auf meinem Lebensweg.
 
Die andere Begegnung der besonderen Art begann in einem überfüllten Bus auf dem Weg von Dambulla, der Stadt im sogenannten Kulturdreieck der Insel, etwa in der geografischen Mitte von Sri Lanka, nach Kandy. Eine jüngere Frau und ich mussten 2 Stunden lang stehen, waren die einzigen Ausländer im Bus und hatten beide grosse Koffer dabei. Sie ist aus Hong Kong, also Chinesin, reist viel umher und war vor einigen Jahren nach Thailand gezogen, da es dort preiswerter zu leben sei, denn sie habe ihre Arbeit bei der Stadt aufgegeben und sei Joga-Lehrerin geworden. Obwohl kaum älter als meine Tochter, verfügt sie über ein enormes Mass an Menschen- und Philosophiekenntnissen und hat sehr überlegte Ansichten vom Leben.
 
So entschied ich mich, mit zu dem Hotel zu gehen, das sie über eine Internetplattform zu einem günstigen Preis gebucht hatte, den man mir auch zusprach. Das Hotel, sehr versteckt und von aussen nicht erkennbar, ist relativ neu. Man betritt es durch ein modern gestaltetes Café. Es ist in der Ausstattung vergleichbar mit einem 4-Sterne-Hotel in Deutschland, aber zu einem Drittel des Zimmerpreises zu buchen. Eigentlich hatte ich mir eine noch günstigere Unterkunft ausgesucht, entschied mich aber spontan, zu bleiben. So kam es, dass wir die folgenden 2 Tage gemeinsam den Ort und die Umgebung erkundeten, im Hotel das Frühstück einnahmen und unterwegs die Mahlzeiten.
 
Wir verglichen unsere Auffassungen vom Leben, unsere Weltanschauungen und vieles mehr. Sie hatte sich entschieden, nicht zu heiraten, sondern ein Leben ohne die Bindung an eine eigene Familie zu führen. Sie wehrte sich gegen das Wort „entschieden“, denn für sie war und ist das Leben vorbestimmt. Die wichtigen Entscheidungen im Leben ständen einfach fest, ob das die Eltern sind, die das Kind in die Welt gesetzt haben, die Möglichkeiten, die sich im Leben für jeden ergeben (oder auch nicht), der Ablauf des Lebens und die Grundlagen, nach denen sich der Mensch im Leben richtet. Es ist einfach so, und das meiste davon kann nicht bewusst gewählt werden, sondern ergebe sich, glaubt sie. Denn so wirklich könne man nicht nachvollziehen, warum man diesen und keinen anderen Lebenspartner oder gar keinen gewählt hat, warum eine Beziehung hält oder nicht, usw. Man müsse das nicht „göttlich“ nennen, sondern es gebe eben eine bestimmte Kraft, die nicht zuletzt auch auf das eigene Bewusstsein und das Unbewusste einwirke. Sie empfahl mir, mich mit den Lehren der Sufis zu beschäftigen. Wir tauschten alle möglichen Meinungen aus.
 
Sie schrieb den Bürgern der Länder, die sie selbst schon bereist hatte, bestimmte Farben zu. Deutschland sei „schwarz“, die Menschen sähen, trotz relativ gutem Einkommen, verbissen und brummig aus, China sei „grau“, die Menschen „workaholics“, aber etwas mehr familien- und freizeitorientiert, ähnlich wie Japan. Die südeuropäischen Länder seien „gelb“, lebensfroher und offener. Indien und Sri Lanka seien ebenso mit einer hellen Farbe zu versehen, die Menschen trotz relativer Armut glücklicher Natur.
 
Sie fotografierte alles, was ihr vor das Teleobjektiv kam, und für nähere Objekte benutzte sie ihr iPhone, das sie immer parat hatte, das GPS bei der Ortsbestimmung und Google für die Beantwortung von Fragen, die unsere Gespräche aufwarfen.
 
Sie hatte Humor, wir lachten viel und verstanden ironisch gemeinte Anspielungen im Gespräch sofort. Wir waren, wie man so schön sagt, „auf einer Ebene“.
 
So intim unsere Gespräche auch wurden, wir sprachen etwa über Tabus, wie die Empfängnisverhütung bei der Ein-Kind-Politik in China (durch Sterilisation der Frauen); ausserehelichen Geschlechtsverkehr und Homosexualität, die sie ganz locker sah, gab es eine unausgesprochene klare Grenze zwischen uns. Wir kamen uns körperlich nie nahe, noch nicht einmal ein Handgeben und sogar die Verabschiedung nach 2 Tagen Beisammensein mit einem „hug“, also einer Umarmung, war nur angedeutet.
 
Ob es noch zu einem E-Mail-Kontakt kommen wird, ist noch offen; wir tauschten die Adressen nicht offiziell aus, denn, wenn sie will, weiss sie mich auf dieser Website zu finden.
 
Wie vollkommen anders war die Begegnung mit einem Niederländer, die sich ergab, da wir den See inmitten des Ortes gemeinsam in etwa einer dreiviertel Stunde umrundeten.
 
Die unterschiedliche Sicht auf die Stadt Kandy und auf die kleine Insel inmitten des Sees ist beeindruckend und der Spaziergang angenehm.
 
Der Mann, ich hatte ihn in meinem Alter geschätzt, ist aber erst 55 Jahre alt, kommt aus dem äussersten Südwesten der Niederlande, aus Zeeland, und zeigte sich als Vertreter eines spröden Menschenschlags. Möglich, dass die Naturgewalten dieses Landstriches ihn so geformt haben.
 
Er habe gerade eine Beziehung zu einer Lanka-Frau abgebrochen, die er hier besucht hätte, eine Schwester der Frau eines Bekannten zuhause. Die Mentalität der Asiatinnen sei doch so anders als die der Frauen in Europa und ihm nicht zugänglich. Dabei sei er nicht weltfremd, habe er doch ein Jahrzehnt unverheiratet mit einer Polin zusammengelebt. Er habe dann dem Wunsch einer offiziellen Trauung nachgegeben und anschliessend festgestellt, dass er damit „die ganze Verwandtschaft mit geheiratet hat“, denn diese tauchte immer öfter bei ihm zu Hause auf, bis er die Scheidung eingereicht hätte.
 
Die Armut hier in Sri Lanka, wie er sie sah, sei von den Menschen selbst verschuldet, denn sie faulenzten lieber als das sie arbeiteten. Er sah alle Begegnungen mit den Menschen hier auf der Insel als Bedrohung an, da sie zwar freundlich täten, aber nur an sein Geld wollten.
 
Er beeilte sich, sein Mittagessen warte auf ihn. Wir sahen uns eine gute Stunde später noch einmal in der Stadt, es blieb bei einem kurzen Gruss.
 
Er wird nicht viel Positives von seiner Reise zu berichten haben. Wie unterschiedlich doch die Menschen sind! Ich bin immer wieder erstaunt darüber, zu erfahren, wie Menschen fremde Länder und ihre Kulturen erleben.
 
Sogar in der riesigen Hauptstadt Colombo mit vollen Strassen und vielen Fussgängern kann es zu Begegnungen kommen, die einfach nur Spass machen.
 
Ein junger Mann auf der Strasse sprach mich an, wo ich denn herkäme. Wir kamen ins Gespräch, er hatte gerade seine Nachschicht in einem Mittelklassehotel in Colombo hinter sich, und war aber noch nicht so müde, dass er gleich schlafen gehen wollte. So nahmen wir ein Tuktuk, und er zeigte mir Sehenswürdigkeiten in der Stadt, die Touristen nur selten entdecken. In einem alten Governmentsgebäude öffnete ein Mann eine Tür, man sah einen Tisch, an dem etwa 20 Personen lebensecht sitzen. Es sind geschnitzte Abbildungen einer Versammlung, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts stattgefunden haben soll, mit namentlich benannten Personen, die die Volksstämme der Singhalesen, Tamilen vertraten, ebenso einer für Muslime, die niederländischen Bürger und einen Engländer mit Namen Shakespeare. Man forderte mich auf, mich zur illustren Gruppe zu gesellen, und der junge Mann fotografierte mich dann.
 
Er erzählte mir auf dem Weg durch die Stadt, er komme aus einem Dorf 100 km entfernt, sei noch nicht verheiratet – seine Mutter suche noch - und ich bekam den Eindruck, er fühle sich ausserhalb seines Berufes in der grossen Stadt wohl ein wenig einsam.
 
Er gehöre der singhalesischen Volksgruppe an und sei Buddhist. Das erwähnen Einwohner von Sri Lanka häufig, denn der 2009 glücklicherweise beendete, mit vielen terroristischen Anschlägen geführte Bürgerkrieg, angeführt von tamilischen, muslimischen Rebellen, (den „Tamil Tigers“), ist noch immer in wacher Erinnerung.
 
Wie der Zufall es wollte, denn es passte zum Gespräch über das Heiraten, hatte ich im buddhistischen Tempel noch die Gelegenheit, eine Hochzeitsgruppe in besonders hübschen traditionellen Kostümen zu fotografieren.
 
Er wollte kein Geld für seine Dienste haben und zeigte sich sogar ein wenig schuldig, weil der Tuktukfahrer einen erhöhten Fahrpreis für die Touristenstadtrundfahrt verlangte. Wir trennten uns, denn dann wollte er doch seinen Schlaf haben.
 
Ich empfinde diese Kontakte als wertvoll, auch wenn sich immer wieder die Gespräche mit Einheimischen hauptsächlich um die Familienverhältnisse, die Zahl der Kinder, den Job drehen. Der gegenseitige Wunsch, etwas über den anderen zu erfahren, ist spürbar.
 
Auch die häufigen Fragen der Kinder, wo man herkomme, wie man heisse und ob man das Land mag, sind in keiner Weise belästigend. Die Kinder freuen sich, den Mut zu haben und in der Lage zu sein, „ein Gespräch“ mit einer ihnen so fremd aussehenden Person in einer ihnen fremden Sprache führen zu können und sind stolz darauf.
 
In Indien und Sri Lanka habe ich das ganz besonders erfahren, dass die Menschen aufgeschlossen und offen für Begegnungen sind. Und der Austausch mit anderen Touristen gehört mit dazu. Das macht den Reiz des Reisens aus, und darüber erzähle ich gern, wenn ich wieder zu Hause sein werde.
 
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