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BLOG vom 15.09.2014


Die „gute Frage“ und die Suche nach hilfreicher Antwort
 
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
 
Das Internet hat den früheren „Briefkastenonkel“ oder die „Briefkastentante“, den Dr. Sommer in der Jugendzeitschrift „Bravo“ und andere zwar nicht ganz abgelöst, aber vielfältig ergänzt. Für alle Fragen gibt es inzwischen Foren, in denen sich viele Leser aufgefordert fühlen, Fragen zu stellen bzw. darauf zu antworten, Ratschläge zu geben oder zumindest Anteilnahme zu zeigen. Die Anonymität des Internets erlaubt es, Kommentare aller Art zu „posten“, wie „im Internet veröffentlichen“ in neudeutscher Sprache jetzt genannt wird.
 
Wie die Fragesteller mit den Antworten umgehen, ist schwer zu sagen. Sie haben nämlich das Problem, seriöse von unseriösen Wortmeldungen zu trennen. Nicht überall, aber oft wird eine „beste“, „hilfreiche“ oder „gute“ Antwort nominiert. Wer diese Einstufung festlegt, ist nicht immer durchsichtig.
 
Einer meiner Deutschlernenden machte mich auf folgendes Problem einer Ehefrau, gepostet auf der Website www.gutefrage.de, aufmerksam:
 
Probleme mit meinen Mann
Neulich fuhr ich zur Arbeit, während mein Mann noch wie üblich zu Hause blieb. Ich war gerade mal 5 Kilometer gefahren, als der Automotor seinen Geist aufgab. Ich lief zu Fuss nach Hause zurück, um meinen Mann um Hilfe zu bitten. Als ich zu Hause ankam, konnte ich nicht glauben, was ich sah: Er war mit der Tochter unserer Nachbarn im Schlafzimmer! Ich bin 35 Jahre alt, mein Mann ist 36, und die Nachbartochter ist 18. Wir sind seit 10 Jahren verheiratet.
 
Als ich ihn zur Rede stellte, gestand er, dass die beiden seit 6 Monaten eine Affäre hatten. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn verlassen würde, wenn er diese nicht beenden würde. Er hatte vor 6 Monaten seinen Arbeitsplatz verloren und sagt, dass er sich nutzlos vorkomme und deprimiert sei. Ich liebe ihn wirklich, aber seit meinem Ultimatum scheint er sich nur noch mehr von mir zurückzuziehen. Eine Eheberatung lehnt er ab, und meine verzweifelten Gesprächsversuche dringen nicht mehr zu ihm durch.
 
Könnt ihr mir bitte einen Rat geben?
 
Bevor ich zur „hilfreichsten Antwort“ komme, versuche ich eine Analyse des Texts: Eine Ehefrau schildert, wie sie unvorbereitet infolge einer unerwarteten Autopanne entdeckt, dass ihr Ehemann fremdgeht, und zwar mit einer jungen Frau, die etwa halb so alt ist wie er. Sie findet heraus, dass das kein einmaliger Vorgang war, sondern dass diese Beziehung schon ein halbes Jahr andauert. Dieses halbe Jahr korrespondiert mit der Tatsache, dass der Ehemann in dieser Zeit keine Arbeit mehr hat.
 
Dann wird die psychische Situation des Ehemanns beleuchtet. Als Grund für sein Fremdgehen gibt er an, sein Selbstwertgefühl habe durch die Arbeitslosigkeit gelitten. Es kann also vermutet werden, dass er dies durch seine Affäre kompensiert.
 
Das Ultimatum, das die Ehefrau stellt, lässt den Ehemann noch tiefer in seine Depression versinken, denn ein Scheitern der Ehe würde ihm einen letzten Lebenshalt nehmen.
 
Wie könnte ein Rat mitfühlender Zeitgenossinnen aussehen? Es könnten Wege aufgezeigt werden, den Ehemann darin zu unterstützen, aus seiner Lebenskrise herauszukommen. Der Mann benötigt etwas, was ihn als Mann, so wie er sich einen Mann eben vorstellt, aufwertet. Das könnte eine Auffrischung der Liebesbeziehung zur Ehefrau sein. Das könnte die Einsicht sein, dass das Leben auch ausserhalb einer bezahlten und geregelten Arbeitszeit sinnvoll gestaltet werden kann. Das könnte darin bestehen, dass die Ehefrau Vorschläge macht, was er machen könne, sei es in der Wohnung hinsichtlich einer Renovierung, der Beschäftigung mit einem Hobby, ein soziales Engagement oder anderes. Das könnten Überlegungen dazu sein, eine neue Arbeit zu finden, vielleicht sogar durch eine Umschulung oder aus der Idee bestehen, sich in seinem Beruf selbstständig zu machen oder Ähnliches.
 
Hilfreich wäre also ein Rat, der darauf hinaufläuft, die Ehe mittels Gesprächen unter den Ehepartnern zu retten, und darauf zu achten, dass Schuldzuweisungen nicht überhand nehmen, also sowohl zu verzeihen als auch durch gegenseitiges Verständnis.
 
Schliesslich schreibt die Ehefrau, dass sie ihren Mann „wirklich liebe“.
 
Natürlich wäre auch ein Rat möglich, die Beziehung zu beenden, aber wäre das eine „Beratung“, also „jemanden in helfender Absicht Ratschläge zu erteilen“, wie Wikipedia definiert?
 
Wie oben bereits erwähnt, firmiert die Website unter der Bezeichnung „Gute Frage“. Das intendiert nicht unbedingt auch eine „gute Antwort“!
 
Welche Antwort wurde als die „hilfreichste“ gegeben? Lesen Sie selbst:
 
Liebe Steffi ,
Wenn ein Motor bereits nach 5 Kilometern abschaltet, kann das eine ganze Reihe von Ursachen haben. Stelle zunächst sicher, dass die Benzinleitung frei und sauber ist. Überprüfe die Funktionsfähigkeit der Einspritzdüse und auch den Sicherungskasten, dessen Position in der Betriebsanleitung beschrieben ist. Wenn dies alles nicht die Ursache ist, ist wahrscheinlich die Benzinpumpe defekt, weshalb die Einspritzdüsen unterversorgt sind und darum nicht den notwendigen Druck aufbauen können.
Ich hoffe, Dir geholfen zu haben.
 
Es waren die „Einspritzdüsen!“
 
Quelle
 
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