Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     17. Dezember 2018, 00:14 Uhr
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 
BLOGs nach Datum sortiert Alle BLOGS zum Zurückblättern
BLOG vom 09.12.2014


Lebensende. Düstere Selbstgespräche im Seniorenheim
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
 
Für alles ist eine Zeit, auch für das berühmte Loch im Eimer, das jetzt aber im Körper ist, aus der das Leben rinnt. Arzt und Pfleger wollen es stopfen, verhindern, dass der Körper leer wird. Am Leben weiter festhalten. Womit denn, ihr Tölpel, womit? Die Alten wollen es nicht mehr verhindern, sie sind weise geworden. Weisheit ist Wissen ums Ende.
 
Warum befällt ein Virus einen Körper, so lange, bis das Leben aus beiden, Täter wie Opfer, herausrinnt? Ist es die Sehnsucht des Virus nach dem Nichts, die Sehnsucht nach dem Zerfall? Viren sind suizidal. Leben strebt dem Ende entgegen.
 
Im Altenheim läuft der Fernseher, doch die Bilder erreichen das Gehirn der Zuschauer nicht. Hinter ihren Augen ist ein löchriger Spiegel, der sie wieder zurückwirft, nur bruchstückhaft durchlässt, und der Ton endet am Trommelfell. Die Werkzeuge der Sinne werden stumpf.
 
Ich kann die kleinen Buchstaben nicht mehr lesen, aber was soll’s! Warum soll ich mich überhaupt noch damit abquälen?“ „Soll ich dir vorlesen?“, schreit der Besuch ihr ins Ohr. „Ist doch eh’ alles uninteressant, ich will kein Gequatsche, und lass’ das Radio aus, ist doch nur Gejaule, keine Musik.“ „Ein Hörgerät will ich nicht! Ich will meine Ruhe!“
 
„Ich höre in mich hinein; aber viel ist es nicht mehr. Vergangen, vergessen, vorüber! Nicht: und das soll es gewesen sein, sondern: das war’s. Da beisst die Maus den Faden ab – oder wie das heisst!“ „Keinen Faden heisst das!“ „Und was ist mit dem Lebensfaden?“
 
Weniges wird noch als wichtig erfahren. Bereits eine Dreiviertelstunde vor der Essensausgabe sitzen die Alten vor dem noch geschlossenen Speisesaal und warten. Sterben ist nicht das Übel, nur der Hungertod muss nicht sein. Es schmeckt zwar nicht mehr, auch der Sinn ist fast abgestorben, aber das Gefühl des vollen Magens gibt es noch. Der Stoffwechsel hält bis zuletzt durch. Und: Altersschwäche ist schöner, wenn man satt ist.
 
Nur wenige unterhalten sich. Worüber auch? Es gibt nichts Neues, nichts Bewegendes; etwas, das sie „vom Stuhl haut“, schon gar nicht. Und wenn etwas kippt, ist’s die plötzliche Leere im Kopf.
 
„Satt, sauber, sicher“, ist die Devise. Die Kritik geht an die Heimleitung. Sie sorgt für Angebote, nicht nur für Seniorenteller; organisiert Bingo, gemeinsames Singen, ein wenig Körperertüchtigung. „Gehst du dahin?“ „Nee, was soll ich da?“
 
Eine lange Weile ist die Langeweile. Warten auf das Ende. Schrittweise alles verringern, was von aussen eindringt, von Tag zu Tag. „Will ich nicht, ohne mich, lass’ mich in Ruhe damit!“
 
„Hat deine Tochter in dieser Woche schon angerufen?“ „Ja, hat sie, aber wir haben uns nichts zu sagen. Wir schweigen uns durch das Telefon an.“ „Das kann man auch ohne das Telefon.“ „Das kann man auch ohne!“
 
Die Freunde der letzten Jahre sind gestorben oder sie melden sich nicht. Ob sie auch nicht mehr können oder nicht mehr wollen? Worüber reden? Es wird über alles so viel geredet, Unnützes. Wichtig ist nichts mehr. Das meiste ist gesagt. Das, was noch kommt, ist Wiederholung, Geschwätz.
 
Der Doktor macht seine Runde. „Wie geht es uns?“ Keine Antwort. „Der will ja nur schnell Geld verdienen“, denkt sie. Der Arzt misst den Puls und den Blutdruck. „Zu schnell, zu hoch!“, sagt er. „Wie fühlen Sie sich?“ Keine Antwort. „Altersdement!“, stellt der Arzt fest und verabschiedet sich. „Was wollte der?“, fragt sich die Alte.
 
„Was soll’s!“
 
Der Geistliche taucht auf. „Sollen wir gemeinsam beten?“, schlägt er vor. Keine Reaktion. Der Geistliche leiert das Vaterunser herunter. Die Alte schaut stur vor sich hin. „Der glaubt doch selbst nicht daran“, denkt sie verächtlich.
 
Die Alten fühlen sich voll bis zum Rand, randvoll. Wie ein Gefäss, in das nichts mehr hinein geht. Alles, was noch hinein soll, fällt wieder herunter, wird nicht aufgenommen, passt nicht mehr. Genug gelebt.
 
Soll der Tod doch kommen. Lust am Leben? Was ist Leben: etwa das, was hier abläuft? Die Gedanken, die kommen. Ist das ein Hineinhorchen ins Ich? Ob noch etwas zu erfühlen ist? Gedanken an früher? War nicht wichtig. Es lief ab, so wie es ablief, egal was. Hätte man etwas anders machen können? Konnte man nicht.
 
Die Tischnachbarin hat sich entschieden. Ab morgen komme sie nicht mehr hinunter. Sie wolle nichts mehr essen. Sie will nicht mehr. Sie will sterben, es soll vorbei sein. Keine Lust mehr, zu nichts mehr. Der Antrieb ist ausgekuppelt, die Räder greifen nicht mehr ineinander.
 
Warten auf den Tod. Das Leben ist gelebt, genug ist genug. Diese 6 „E“-Wörter sind ausgereizt: Ehrgeiz, Energie, Erlebnis, Emotion, Ereignis, Erinnerung. Nur noch eins bleibt: das Ende. E wie endgültig. Ach ja, noch eins: Evolution. Geboren werden zur Fortpflanzung, es soll weitergehen, das Leben. Auftrag erfüllt. Ich kann, ich darf, ich soll, Unsinn: ich muss gehen! Frage nicht Wozu, das ist eine falsche Frage, auf die es keine Antwort gibt.
 
„Sie müssen doch essen und trinken!“ drängt die Pflegerin. „Müssen muss ich gar nichts“, denkt die Alte, und: „Lass’ mich im Frieden!“
 
„Und wenn ich dann mal aufs Klo will, dann braucht sie eine halbe Stunde, bis sie wieder auftaucht!“
 
Ins Altenheim abgeschoben, lautet der Vorwurf. „Als ob es bei schreienden Enkeln und sich streitenden Kindern besser dran wäre: Hier hat man seine Ruhe. Zugegeben, manchmal ein wenig zu viel davon. Gut, dass nicht mehr die Minuten zählen, dösen, ab und zu mal einschlafen, lässt die Zeit schneller vorangehen.“
 
„Nach mir die Sintflut!“ Eine seltsame Aussage. „Was nach mir kommt, ist mir schnurzegal. Soll sich doch die nächste Generation darum kümmern! Die werden schon sehen, was sie aus der Misère machen. Ich habe damit nichts mehr zu schaffen!“
 
Nichts. Das ist es, wenn ich nicht mehr bin. Ein tiefer Schlaf, aus dem ich nicht mehr aufwache, weil ich pinkeln muss. Aus dem ich nicht mehr aufwache, um nicht wieder einschlafen zu können, was die Leute die „senile Bettflucht“ nennen. Senile Flucht, das ist es. „Flüchten im Dämmerzustand. Mehr will ich nicht!“
 
Neid, purer Neid. Die E wie Else im Nachbarzimmer hat es hinter sich. Sie wurde nicht mehr wach, heute Morgen. Keine Weigerung, unfähig, weil weg. Abgehakt. Mal sehen, wer das Zimmer belegen wird, morgen oder übermorgen.
 
„Bloss kein Grab! Wie habe ich sie gehasst, die Grabpflege, das dauernde Pilgern zum Friedhof mit Harke, Schüppchen und Giesskanne und Blumen zum Einpflanzen.
 
Wie gerne hätte ich darauf verzichtet. Aber er sagte immer: ‚Das bist du deinen Eltern schuldig!’ So’n Quatsch, nix bin ich schuldig! Eher umgekehrt, haben sie mich doch in diese Welt gebracht. Im Nachhinein weiss ich, ich wäre besser dran gewesen, überhaupt nicht erst geboren zu werden. ‚Das darfst du gar nicht erst denken!’
 
Was ich denke, geht dich einen Dreck an!“
 
„Weisst du was! Ich freu’ mich auf das letzte Feuer. Ich meine jenes im Krematorium. Zum letzten Mal es richtig warm haben. S' war immer so kalt, sogar im Sommer habe ich gefroren. Hat mir keiner geglaubt, haben alle behauptet, ich stell’ mich an! – Ich denke nur Unsinn. Da wird doch nichts draus, bin ich ja dann schon abgetreten.“
 
„Und meine Asche sollen sie irgendwo verstreuen, am besten in einen Fluss, dann ist sie weg. Kein Ort. Nirgends. Dann bin ich komplett im Nichts. Soll die Natur doch mit den Krümeln und dem Staub, von den Flammen verschmäht, machen, was sie will. Evolutionär gesprochen. Und ein paar Jahre später bin ich nur noch Erinnerung, ganz weit weg.“
 
„Und dann das endgültige Vergessen. Als ob ich nicht existiert hätte. Fast so wie nicht geboren worden zu sein.“
 
Ein Grinsen geht über ihr Gesicht, bevor sie eindöst.
 
„Ob sie glücklich ist?“ fragt sich die Tochter, die zu Besuch gekommen ist.
 
Oh heilige Einfalt!
 
Denn um der Offenbarung der Gleichgültigkeit zu entgehen, dürfen wir nicht in der Geborgenheit der Liebe oder einer sonnendurchfluteten Waldlichtung verharren. Wir müssen hinauf auf die aschigen Hügel, um das Meer der Knochen zu schauen, die alle längst zu Staub geworden sind. Das Schweigen des Mythos ist der Hymnus des Staubs.“
(Peter Strasser)
 
Zu entgehen? Entgegen zu gehen! Abgang! (Den Vorhang fallen lassen!)
 
 
Quelle
Strasser, Peter: „Ratlosigkeit - Ein Stimmungsbericht“, Wilhelm Fink Verlag, München 2013.
 
Hinweise auf weitere Blogs zum Thema Alter
 
Ihre Meinung dazu?

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier