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BLOG vom 16.02.2015


Sprachlich-geographische Reise bis nach Kreolien (2)
 
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
 
Im 1. Teil meiner Abhandlung habe ich eine Sprache vorgestellt, die neben den beiden Kolonialsprachen in dem relativ neuen Inselstaat Vanuatu, östlich von Australien gelegen, entstanden ist. Bei der Beschäftigung mit dieser Thematik habe ich mich gefragt, ob Bislama eine Pidgin- oder Kreolsprache sei. Wie es zu dieser Sprache kam, dürfte klar sein. Die Kolonialherren wollten nicht eine oder mehrere der Eingeborenensprachen lernen, aber dennoch verstanden werden. Deshalb kommunizierten sie mit ihnen in einer reduzierten Sprache – vergleichbar mit der Babysprache, die Mütter manchmal benutzen –, da sie der Meinung waren, die Intelligenz der Bewohner reiche nicht weit, und diese wiederholten das, was ihnen die Kolonialherren vorsprachen.
 
Die erste Sprache, die Kinder lernen, ist die Muttersprache. Kommen die Eltern aus Dörfern, in denen unterschiedliche Sprachen gesprochen werden, was in Vanuatu bei 100 verschiedenen gesprochenen Sprachen nicht ungewöhnlich ist, lernen die Kinder direkt nach der Geburt bereits mindestens 2 Sprachen. Heutzutage sind die Möglichkeiten, nicht nur das direkte Nachbardorf oder die Nachbarinsel zu erreichen, einfacher geworden als früher. Dort erwarten die Besucher aber wiederum Mitbürger, die ihre Sprache nicht sprechen. Einige Fremdsprachen werden sie zwar nicht sprechen können, sondern nur verstehen, und so verhält es sich auch bei den anderen. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, jeweils in der eigenen Sprache zu sprechen und sich so dennoch miteinander verständigen zu können, weil das Gegenüber zwar nicht in derselben Sprache antworten kann, aber seine eigene auch verstanden wird. Für alltägliche Kontakte reicht also Hörverständnis oft aus.
 
Wenn aber auch das nicht gewährleistet ist, gibt es die Möglichkeit, auf eine weitere Sprache auszuweichen, entweder die Sprache der früheren Kolonialherren oder eine daraus entstandene. Das ist dann ein Pidgin, das zur Muttersprache einer Gemeinschaft werden kann, die dann Kreolsprache genannt wird.
 
„Der Übergang vom Pidgin zur Kreolsprache erfordert eine umfassende Erweiterung der vorhandenen sprachlichen Ressourcen – vor allem in Wortschatz, Grammatik und Stil, die nun den täglichen Anforderungen gerecht werden müssen, die an die Mutter- (bzw. Amtssprache, d. V.) gestellt werden“(David Crystal).
 
So ist Pidgin typisch für Handelsbeziehungen: Die Verkäuferin spricht mit einem fremdländischen Kunden: „Du wollen?“ und zeigt dabei auf ein Produkt und meint: „Möchten Sie das kaufen?“, reduziert also die Grammatik und die Ansprache auf die unhöfliche „Du“-Form, weil sie der Meinung ist, der Kunde könne die beiden Formen nicht unterscheiden.
 
Im Pidgin-Englisch ist der „Banana boot song“ (gesungen von Harry Belafonte) abgefasst:
 
„Hey Mista Tallyman, tally me banana!” – auf Englisch: „Hey, Boss, count and pay for my bananas which I have brought aboard.“
 
Der Tallyman ist nämlich für das Zählen der Bananenbündel verantwortlich, die von einem Schiff gelöscht werden. „Me“ kann sowohl „ich“ als auch „mein“ bedeuten, „tally“ die Verben zählen und bezahlen, eine Pluralform wird nicht benutzt.
 
Ein Franzose sagt aus ähnlichen Beweggründen mit Gesten zu einem amerikanischen Touristen: „Moi, beaucoup aimer les Américans.“ Und nicht das korrekte: „J’aime bien les Américans.“ Der sprachunbegabte Amerikaner übernimmt dann möglicherweise die Pidgin-Form.
 
Kreolsprachen sind „basiert“, leiten sich also von einer Basissprache ab, die nicht immer eine europäische Sprache sein muss, wie Englisch, Französisch, Portugiesisch, Niederländisch oder Spanisch.
 
Interessant besonders für Sprachwissenschaftler ist, dass zwischen europäisch-basierten Kreolsprachen über Kontinente hinweg verblüffende Gemeinsamkeiten auftauchen, beispielsweise das oben angeführte „moi“ oder auch „mo“ und für Englisch „I“ oft „a“.
 
Die 3. Amtssprache Bislama, auch Bichelamar, Bêche-de-mer, Beach-la-mar genannt, in Vanuatu ist eine Kreolsprache. Der Name der Sprache geht auf „Seegurke“ zurück, ein Meerestier, das die Arbeiter für die Kolonialherren „ernten“ und bearbeiten mussten.
 
Eine Zeile in der unten abgedruckten Nationalhymne von Vanuatu lautet: „Plante vasin blong tedei.“ Es ist ein Hinweis darauf, dass neue Wege gefunden wurden und werden.
 
Bislama ist zur gemeinsamen Sprache geworden, wenn sich beispielsweise die Bewohner einer der südlichen Inseln, Tanna, mit Menschen aus der Hauptstadt auf der Insel Efate treffen.
 
Bislama wird von immer mehr Einwohnern auf Vanuatu gelernt und gesprochen. Ja, sogar:
 
„Bislama kriecht langsam in ihre eigenen Sprachen. Und das ist logisch. Wenn aus einer modernen Welt kommend allerlei neue Dinge im Leben eine Rolle spielen, dann braucht man dafür Wörter, und es ist einfach, die Wörter aus einer Sprache zu nehmen, in denen es sie gibt“ (Jeremy Hammond).
 
Es wird befürchtet, dass Bislama die herkömmlichen Sprachen verdrängen könnte, weil sie auch in den Haushalten Einzug hält.
 
Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich auf Erakor Island und möchten von einer zur anderen Insel fahren. Dazu sind Sie auf eine Fähre angewiesen. Am Strand finden Sie ein Schild mit folgender Schrift:
 
„Sipos yu wantem ferry yu kilem gong“, statt “kilem” kann man auch “kilim“ finden.
 
Ihre Englischkenntnisse helfen Ihnen: „Suppose you want a ferry you (?) gong“, Wenn Sie eine Fähre brauchen, betätigen Sie den Gong!“
 
Sie stehen vor einer geschlossenen Tür einem Schild:
Pablik Laebri Blong Port Vila“.
 
Das Wort „blong“ weist auf „belong“ hin, also „gehört zu“, oder auch „von“ oder „zu“: Public Library belongs to Port Vila“ = Öffentliche Bibliothek von Port Vila“.
 
Und falls Sie einmal zur Toilette müssen, suchen Sie nach einem Gebäude mit folgender Aufschrift: „Ples Blong Pis Pis Toilets“, und damit erhalten Sie auch durch die Verdoppelung einen Hinweis darauf, dass es sich nur um ein einziges „Örtchen“ handelt!
 
Neben „blong“ gibt es noch ein Wort, „long“, das für viele Präpositionen steht und deshalb häufig vorkommt, also für „an, aus, bei, für, in, neben, zu“.
 
Wenn der Buchstabe (das kleine Wort) „i“ vor einem Verb steht, bedeutet es nicht viel mehr, als dass man aufpassen muss, denn es folgt die Personalform, z. B. „Hem i wok long eapot“ bedeutet: „Er arbeitet auf dem Flughafen.“
 
Es ist ein Versuch wert, die Nationalhymne von Vanuatu zu verstehen:
 
Bislama words
 
CHORUS:
Yumi, Yumi, yumi i glad long talem se
Yumi, yumi, yumi ol man blong Vanuatu
God i givim ples ya long yumi,
Yumi glat tumas long hem,
Yumi strong mo yumi fri long hem,
Yumi brata evriwan!
 
CHORUS
Plante fasin blong bifo i stap,
Plante fasin blong tedei,
Be yumi i olsem wan nomo,
Hemia fasin blong yumi!
 
CHORUS
Yumi save plante wok i stap,
Long ol aelan blong yumi,
God i helpem yumi evriwan,
Hem i papa blong yumi.
 
CHORUS
 
English Translation (Übersetzung ins Englische)
CHORUS:
We (We, We) are happy to proclaim
We (We, We) are the People of Vanuatu!
God has given us this land;
This gives us great cause for rejoicing.
We are strong, we are free in this land;
We are all brothers.
 
CHORUS
We have many traditions
And we are finding new ways.
But we are all one
We shall be united forever.
 
CHORUS
We know there is much work to be done
On all our islands.
God helps all of us,
He is our father.
CHORUS 
Bei beiden Texten kann man Ähnlichkeiten sehen, aber Bislama ist eine Sprache mit eigener Grammatik und eigenen Regeln.
 
Ich versuche mich an einem eigenen Text in Bislama:
„Mi blong Germany. Germanys i kaontri long Europe. Kapital blong hem Berlin. Mi usum lanwis German.“ Alles verstanden?
 
95 % der Sprache ist englischen Ursprungs, aber die Grammatik ist „ozeanisch“, eine Sprache, die zur austronesischen Sprachenfamilie gehört.
 
Wilhelm von Humboldt führt auf, welche Mittel zur grammatischen Form der Sprache gehören:
 
Anfügung, oder Einschaltung bedeutsamer Silben, die sonst eigene Wörter ausgemacht haben oder noch ausmachen;
Anfügung oder Einschaltung bedeutungsloser Buchstaben oder Silben, bloss zum Zweck der Andeutung der grammatischen Verhältnisse;
Umwandlung der Vokale durch Übergang eines in den anderen oder durch Veränderung der Quantität oder Betonung;
Umänderung von Konsonanten im Innern des Worts;
Stellung der voneinander abhängigen Wörter nach unveränderlichen Gesetzen und
Silbenwiederholung.
 
Wenn Sie Bislama studieren, werden Sie viele dieser Faktoren wiedererkennen. Man kann der Sprache nicht absprechen, sich zu einer unabhängigen Sprache zu entwickeln, trotz der Bezüge zur englischen.
 
Humboldt: „Je mehr sich eine Sprache von ihrem Ursprung entfernt, desto mehr gewinnt sie, unter übrigens gleichen Umständen, an Form.“
 
Es dürfte nicht nur für Sprachwissenschaftler spannend sein, wie schnell sich diese neue Sprache über die 65 Inseln verbreiten wird und vor allem, wie sie sich an die neuen Entwicklungen aller Art anpassen wird.
 
Sie fragen sich vielleicht, wozu und warum diese Informationen nützlich sein könnten?
Vielleicht haben Sie schon einmal von der Heilpflanze Kava gehört.
 
In dem Buch von Christopher Kilham, „Kava: Medicine Hunting in Paradise: The Pursuit of a Natural Alternative to Anti-Anxiety Drugs and Sleeping Pills” wird beschrieben, dass Kava eine Pflanze aus der Familie der Pfeffergewächse ist, bei der man Pyrone aus dem Wurzelstock gewinnen kann, die helfen können, Druck, Angst, Spannungen, Schlaflosigkeit und Beschwerden der Wechseljahre zu beseitigen. Sie wächst auf Vanuatu.
 
Mit diesem Hinweis möchte ich meine kleine geographische und sprachliche Reise beenden.
 
Es könnte sein, dass Sie Lust bekommen haben, sich einmal näher mit der Inselgruppe zu beschäftigen und vielleicht sogar eine Reise dorthin unternehmen wollen! Touristikinformationen finden Sie auf der unten angegebenen Website.
 
 
Quellen
Crystal, David, „Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache“, Studienausgabe – Frankfurt/Main; New York: Campus Verlag 1995.
Von Humboldt, Wilhelm, „Über die Sprache“, dtv, München 1985, S. 56.
Bodmer, Frederick, „Die Sprachen der Welt“, Kiepenheuer & Witsch, Köln, Berlin,
5. Auflage, o. J.
Von Maris, Berthold, „Vanuatu: 65 bewoonde eilanden en 110 talen“, NRC-Handelsblad, Deel Wetenschap, Saterdag 7 februari & Zondag 8 februari 2015, pg. W8 und W9.
 
 
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