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BLOG vom 23.05.2015


Hielt Till Eulenspiegel den Mächtigen den Spiegel vor?
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
 
Als ich mich auf die Spuren von Till Eulenspiegel, auch Dil oder Dijl Ulenspegel genannt, begab, konnte ich feststellen, dass es sich hier wieder einmal um eine Person, eine Lebensgeschichte und ein Volksbuch dreht, bei dem man letztendlich nicht mehr genau feststellen kann, was wahr ist und was nicht. Ich bin der Meinung, dass diese Unsicherheit bei den meisten Quellen besteht, die über längere Zeit mangels der Fähigkeit, das Schreiben und Lesen zu beherrschen, mangels Originaldokumenten und durch die Tatsache, dass die Erzählungen oft über Jahrhunderte hinweg mündlich in der knappen arbeitsfreien Zeit der Menschen sich durch begabte oder weniger begabte, durch genaue und durch phantasievoll ausgeschmückte Weitergabe entwickelt und verändert haben. Sogar bei der Medienflut und der Festschreibung der Dinge heutzutage stellen wir immer wieder fest, dass die Wahrnehmung individuell verschieden ist, dass der Weitergabe würdig empfundener Inhalte von Mensch zu Mensch variieren, dass die Fakten dadurch, wenn nicht ganz verdreht, so doch unterschiedlich gesehen und verändert werden.
 
So finde ich um den Namen Eulenspiegel herum Drucker, Herausgeber, Kupferstecher, Künstler, Literaturforscher, Abbildungen, einen anderen Schriftsteller und letztendlich ein „Volksbuch“, das das Leben des Mannes näher beleuchten will und soll.
 
Till Eulenspiegel selbst hat nichts hinterlassen. Ja, es ist anzunehmen, dass er nicht des Lesens und Schreibens mächtig war, wenn er überhaupt gelebt hat und nicht eine Phantasiegestalt ist, erfunden von einem genialen Erzählertalent. Dann wäre die Gestalt über die Zeit und die Bewunderungen hinweg „zum Leben erweckt“ worden, etwa so, wie viele der heutigen und früheren Zeitgenossen der festen Überzeugung sind, Romeo und Julia hätten wirklich gelebt, schliesslich ist in Verona der berühmte Balkon ja auch zu bewundern!
 
Falls Till also wirklich gelebt hat, wird sich bei der Darstellung seines Lebens und seiner Erscheinung in den 200 Jahren zwischen seiner vermuteten Lebenszeit und der Niederschrift des Volksbuchs viel verändert haben. Wir werden nie erfahren, ob, wer und was er wirklich war.
 
Im Gedächtnis der Generationen verbleiben hauptsächlich solche Charaktere und damit verbundene Geschichten, die sich aus dem Einerlei des damals noch kurzen, oft nur wenige Jahrzehnte dauernden Lebens hervorgehoben haben, denen das Besondere anhaftet. Das müssen nicht unbedingt Menschen sein, die real existiert haben, es können auch erfundene Protagonisten sein, deren Geschichten die Zuhörer in ihren Bann schlagen, über die man reden und die man weitergeben kann. In ihnen werden als wahr erachtete bemerkenswerte Vorstellungen gesehen, die sich in den Köpfen der Menschen breit machen, die die Phantasie und das Vorstellungsvermögen anregen, die ins Unterbewusste gelangen und in die Träume der Menschen Eingang finden. Alle Religionen gehen so vor, und sie erweitern die Volksmythen, Märchen und Sagen durch Göttergeschichten, Legenden und angebliche Wahrheiten.
 
Seit Johannes Gensfleisch Gutenberg und der Entwicklung der Druckerkunst werden, wie wir heutzutage immer noch in dem Idiom sagen, die Geschichten „in Blei gegossen“. Sie sind „festgezurrt", und nur durch die Forschung und durch neue archäologische Funde wird der Inhalt noch verändert oder durch eine neue Übersetzung des Originals dem heutigen Sprachgebrauch angepasst. Auch Theaterstücke und Verfilmungen verändern die ursprünglichen Inhalte, verformen oder verkürzen sie.
 
Hinzu kommt, dass der Konsument von heute nicht anders kann, als durch Inkulturation die Inhalte durch die „heutige Brille“ zu sehen mit ihren Auffassungen von Recht und Gesetz, Tradition, Glaube, Erziehung und Erfahrung der Umwelt und nicht mit jener der damaligen Entstehungszeit. Wenn die ursprünglichen Geschichten trotz dieser modernen Sichtweise immer noch als lesens-, nachdenkenswert und erlebenswürdig angesehen werden, etwa die alten griechischen Theaterstücke, die Erzählungen Homers und vieles andere, dann berühren sie ursprüngliche, archaische Gefühls- und Gedankenwelten in uns, die sich über die vielen Generationen hinweg nur wenig verändert haben.
 
Irgendeinen Anhaltspunkt, einen Orientierungspunkt, möchte man doch haben. Also: Wenn Eulenspiegel wirklich gelebt haben sollte, was wissen wir von ihm?
 
Er soll um das Jahr 1300 in Kneitlingen, einem kleinen Ort bei Schöppenstedt am Höhenzug Elm in der Nähe von Braunschweig/D geboren worden sein. Sein Vater hiess Claus Eulenspiegel und seine Mutter Ann Wibcken. Sein Taufpate soll ein berüchtigter Raubritter gewesen sein, Till von Ütze, und der kleine Till wurde im Nachbarort Ampleben in der Kapelle seines Paten getauft. Bereits über den Ablauf der Tauffeierlichkeiten gibt es eine Geschichte. Die Taufe wurde damals gebührend gefeiert, und auch der Alkohol floss in Strömen. So fiel die das Kind tragende Patin schwankend aufgrund des Biergenusses bei der Überquerung vom Steg in den Dorfbach, der stark verschmutzt war und vermutlich für die Abwässer benutzt wurde. Die Patin und das Baby waren also über und über beschmutzt und mussten in Kneitlingen in einem Kessel mit warmen Wasser gereinigt werden. So wurde Till „dreimal getauft“, in der Kirche, im Bach und zu Hause.
 
Wer so in das Leben „hineinstolpert“, dem ist kein wie üblich ablaufendes Leben beschert, sondern es kann nur aussergewöhnlich werden!
 
Er muss erst 3 Jahre alt gewesen sein, und er entwickelte sich zu einem echten Lausbengel, der nicht nur seinen Eltern, sondern auch den Nachbarn eine Last wurde. Bei seinem Vater stritt er alles ab, und er wollte gar beweisen, dass die Nachbarn Unrecht hatten und bat seinen Vater, mit ihm durchs Dorf zu reiten. Er sass hinter dem Vater und zeigte, ohne dass dieser es bemerkte, den Nachbarn seinen blanken Hintern. Die Nachbarn riefen ihm zu, er solle sich schämen, der sei ein kleiner Narr. Damit irritierte er den Vater, der sich nicht erklären konnte, warum die Nachbarn so reagierten. Er ritt noch einmal durchs Dorf und dieses Mal streckte der Bub den Nachbarn die Zunge heraus. Die Nachbarn bezeichneten ihn als Schalk. Er aber wurde von seinem Vater bemitleidet, er sei in einer unglücklichen Stunde geboren worden.
 
Und so eckte er durch seine Streiche, bei denen auch Fäkalien und die entsprechenden Körperteile eine Rolle spielten, überall an. Er hatte ein bewegtes Leben. Mit 50 Jahren wurde er krank und starb alsbald, ohne seiner armen Mutter bis auf seine, die Notdurft betreffenden Sprüche etwas hinterlassen zu können.
 
Um 1500 erschienen die erste und weitere Druckausgaben des Volksbuchs: „Ein kurzweilig Lesen von Till Eulenspiegel – geboren aus dem Land zu Braunschweig. Wie er sein Leben vollbracht hat – fünf und neunzig seiner Geschichten.“
 
Die ältesten Ausgaben, 1515 und 1519 bei Johannes Grieninger in Strassburg/Elsass gedruckt, von denen nur ein Exemplar erhalten ist, dürften nicht die ersten Drucke sein, und sie mögen auf einen früheren um 1510 zurückgehen. Ein niederdeutsches ‚Dyl Ulenspiegel’, zu Antwerpen/Belgien erschienen, benutzt die Strassburger Drucke. Die darin enthaltenen Holzschnitte gehen teilweise auf Hans Baldung Grien zurück, so lese ich in dem Buch „Deutsche Volksbücher“, herausgegeben von Richard Benz aus dem Jahre 1942.
 
Er soll, so ist auch in den „Historien“ genannten kurzen Geschichten mit seinen Schelmereien zu lesen, den Mächtigen seiner Welt den Spiegel vorgehalten und sie auf ihre eigenen Schwächen hingewiesen haben, nie ängstlich und verzagt, sondern immer forsch und frech.
 
Wie sein ganzes Leben ungeregelt abgelaufen war, so auch seine Beerdigung. Ein Seil, das dafür über das Grab gespannt war, riss, und so rutschte der Sarg hinein und mit ihm kam der Leichnam stehend zur Ruhe. Man vereinbarte, ihn so stehen zu lassen, denn so wunderlich er in seinem Leben war, so wunderlich soll er auch im Tode sein. Er soll in Mölln, im Lauenburgischen (in der Nähe von Lüneburg/D) begraben worden sein. Auf dem Grabstein steht:
 
„Diesen Stein soll niemand erhaben; hier steht Eulenspiegel begraben. Anno Domini MCCCL Jahr.“
 
Der Grabstein wurde erst zum Ende des 16. Jahrhunderts beschrieben und Jahrhunderte lang, so wird erzählt, pilgerten Handwerksburschen zum Grab und nahmen sich vom Grabzaun kleine Steinchen und Splitter als Heilmittel gegen Zahnweh mit. Dies soll Johann Friedrich Fischart (um 1546–1590) beschrieben haben, ein deutscher Jurist, Zeitkritiker und Satiriker.
 
Im Jahrgang 1914 der „Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens“ wird allerdings, angeblich auf den Chronisten Dreyer um 1631 zurückgehend, berichtet, dass man in Damme bei Brüggen in Flandern/Belgien ein Grab gefunden habe, das Tills Namen und die Jahreszahl 1301 und folgende Inschrift trägt:
 
„Sta stil ghy die hier voorby gaet, siet hier Thyl Ulenspiegel geseten, en bidt God voor de we lugert des snaeck en guichelaar; gestorben 1301“, der Bitte also, zu Gott zu beten, dem Toten seine Schwänke und Schelmenstreiche zu verzeihen. Die Beschreibung im Jahrbuch endet damit, dass das vielleicht sein bester Schalksstreich gewesen sei:
 
„Denn zwei Gräber zu haben, den Witz kann sich nur Eulenspiegel leisten.“
 
Wenn die Angabe stimmt, denn nachprüfen konnte ich das nicht, ist wahrscheinlich das 2. Grab später, etwa im 17. Jahrhundert, entstanden.
 
Aus dieser Zeit wird auch ein Kupferstich von Jan Mythens (1614–1670) vom Helden sein, das die obige Grabinschrift am unteren Rand mit einbezogen hat. Es zeigt einen in einem Stuhl sitzenden Mann im mittleren Lebensalter, mit Vollbart und lockigem Haar, das unter einer Pelzmütze hervorlugt. Er ist gekleidet im Stil der beginnenden Neuzeit mit einem gewiss teuer gewesenen Gewand mit Pelzbeschlag. Er trägt eine Halskette und Armreifen und blättert in einer Schrift. Nach den Darstellungen und Beschreibungen seines Lebens kann er nicht reich gewesen sein, so wird der Kupferstich eine Idealvorstellung des Künstlers zeigen!
 
Der belgische Schriftsteller Charles de Coster (1827‒1879) hat sein Buch „Ulenspiegel – Die Legende und die heldenhaften, fröhlichen und ruhmreichen Abenteuer von Ulenspiegel und Lamme Goedzak im flandrischen Lande und anderswo“ im Jahre 1867 veröffentlicht. Er übertrug die Abenteuer in die Zeit des 80-jährigen Spanisch-Niederländischen Kriegs (1568‒1648), in dem die Niederlande die Unabhängigkeit von Spanien erlangten. Im Vorwort des Romans und auch zu Beginn des 1. Kapitels schreibt er, dass Eulenspiegel in Damme zur Welt gekommen sei:
 
„Zu Damme in Flandern ward Ulenspiegel, Sohn des Claes, geboren, als der Mai die Blüten des Weissdorns aufblühen liess. – Man nannte zu Damme Ulenspiegels Vater Claes den Kohlenträger. Claes hatte schwarze Haare, blitzende Augen, seine Haut war schwarz wie seine Ware.“
 
Die Hebamme entdeckte, so erzählt de Coster, auf dem Kopf des Säuglings ein Häutchen, dass sie „Glückshaube“ nannte, und er sei unter einem guten Stern geboren. Die Mutter wird Soetkin genannt.
 
Charles de Coster beschreibt übrigens, dass Ulenspiegel sogar 6× getauft worden sei: Auf dem Weg zur Kirche hatte es geregnet, über dem Taufbecken war ein Loch, durch das der Maurer, hoch oben arbeitend, einen Kübel Wasser ausgoss. Danach kam die eigentliche Taufe. Anschliessend in der Wirtschaft bekam der Säugling noch Bier mit ab, „denn das ist die echte Art in Flandern, durchnässte Leute zu trocknen. So ward er zum vierten Mal getauft.“ Danach kommt der Fehltritt in den Bach, die de Coster hier „Pfütze“ nennt, und das Waschen mit warmem Wasser.
 
Es ist ein langer Roman, mehr als 700 Seiten lang, in dem die Zeit des Kriegs geschildert wird, mit Verbrechen, Inquisition, Folter, Liebe und vielem anderen mehr.
 
Auf Wikipedia wird noch über die Herkunft des Namens spekuliert. Till leitet sich von Dietrich ab, und Ulenspiegel von Eule und Spiegel, die Eule weist auf den griechischen Ursprung der Weisheit hin, und auf den Ausspruch „jemandem den Spiegel vorhalten“. Der Hinweis auf die Jägersprache, in der das helle Fell am Hinterteil von Reh und Hirsch „Spiegel“ genannt wird, könnte auch darauf hindeuten, dass er seine derben Aussprüche mit seinem Namen rechtfertigt. So bedeutet der schwäbische Ausruf „Ul’n Spegel“ letztlich nichts anderes als „Wisch mir den Hintern“ und erinnert an den Ausspruch des Götz von Berlichingen im Stück von J.W.v.Goethe: „Leck mich am Arsch!“ Nun ja, das sind Spekulationen, und andere Forschungen sehen in Till Eulenspiegel einen Strassenräuber und jemanden, der Menschen hintergangen, belogen und betrogen haben soll.
 
Und das beweist einmal wieder, dass in dem Ausdruck, bei dem die doppelte Verneinung nicht – wie üblich – eine Bejahung bedeutet, sondern eher scherzhaft gemeint ist, nicht nur ein Körnchen Wahrheit steckt: „Nichts Genaues weiss man nicht!“
 
 
Quellen
Benz, Richard, Hrsg.: „Deutsche Volksbücher“, Verlag Lambert Schweizer, Heidelberg, o.J. (vermutlich 1942).
Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1914, 4. Band, Union Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, 1913, S. 231ff.
De Coster, Charles: „Ulenspiegel“, Parkland Verlag, Stuttgart, 1974
 
Hinweis auf weitere Berichte über Till Eulenspiegel aus dem Textatelier.com
 
 
 
 
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