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BLOG vom 27.05.2015


Recherchen (22): Leberschäden durch Pestwurz-Präparate?
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
 
Eine Schweizerin bekam von ihrer Ärztin ein Phytotherapeutikum (Entspannungs- Dragées), verschrieben. Der Ehemann studierte den Beipackzettel und stiess auf folgende Hinweise:
 
„Sehr seltene, aber teils schwerwiegende Leberschädigungen wurden in Verbindung mit einem Präparat beobachtet, welches einen bestimmten Pestwurzwurzel-Extrakt enthielt (CO2-Extrakt). Eine leberschädigende Wirkung kann jedoch auch für den in den ‚Entspannungs Dragées’ verwendeten alkoholischen Pestwurzwurzel-Extrakt nicht ausgeschlossen werden. Bei vorbestehender Leberschädigung wurde deshalb grundsätzlich von der Einnahme von pestwurzhaltigen Arzneimitteln abgeraten.“
 
Der Leser des Beipackzettels machte sich so seine Gedanken. Er wollte darüber Näheres wissen und schrieb ans Textatelier (www.textatelier.com):
 
„Man kann nur den Kopf schütteln, was da zusammengemixt und verschrieben wird. Das erwähnte Präparat enthält im Übrigen Passionsblumenkraut, Baldrianwurzeln und Melissenblätter. Das würde doch genügen. Warum wurde noch der Pestwurzwurzel-Extrakt hinzugefügt? Wie sieht es mit den Nebenwirkungen aus?“
H. P., aus dem Kanton Aargau (Schweiz).
 
Hier meine Recherchen: In dem verordneten Präparat sind 90 mg Trockenextrakt aus Pestwurzwurzeln pro Dragées vorhanden. Die Inhaltsstoffe der Pestwurz entfalten einen entkrampfenden Effekt, während die anderen Heilpflanzen beruhigend wirken. Die Ärztin hatte wohl das richtige Präparat verschrieben, wenn die Frau des Schreibers mit Krämpfen zu tun hat.
 
Schäden durch Pyrrolizidinalkaloide
Leberschäden werden durch die Pyrrolizidinalkaloide (PA) ausgelöst. Diese Stoffe waren auch in anderen Heilpflanzen wie Huflattich und Beinwell vorhanden. Im Rechercheblog 7 wies ich auf diese Pflanzen hin. Hier ein Auszug:
 
Früher kam auch der Beinwell in Verruf. Gut wirkende Produkte wie eine Salbe gegen Muskel- und Gelenkbeschwerden mussten vom Markt genommen werden. Zum Glück gibt es jetzt Züchtungen mit PA-armen oder PA-freien Pflanzen, so dass die erwähnten Produkte wieder in den Handel kamen.
 
Verdienste bei der In-vitro-Kultivierung und Selektionszüchtung bei Huflattich erwarben sich die Universitäten Wien und Bonn sowie die Firma Schoenenberger, die aus über 100 Pflanzen nur wenige selektierten. Diese enthalten keine PA, jedoch alle anderen wichtigen Inhaltsstoffe des Huflattichs.
 
Die Hersteller gingen auch bei der Pestwurz daran, PA-arme Varietäten anzubauen. PA-Restmengen werden durch spezielle Extraktionsverfahren weitgehend entfernt.
 
Unter www.petasites.eu wird berichtet, dass in sehr seltenen Fällen (weniger als 0,001 %) ein wahrscheinlicher Zusammenhang mit der Anwendung von Pestwurz über mehr als 5 Wochen eine dosisabhängige Leberentzündung mit Gelbsucht auftritt. Die Entzündung bildete sich nach Absetzen vollständig zurück.
 
In der „Apotheken-Umschau” vom 15.05.2015 ist ein kleiner Artikel über die Pestwurz zu lesen:
 
“Studien haben gezeigt, dass Pestwurzwurzel-Extrakte die Attackenhäufigkeit bei Migräne reduzieren können. Das Problem: Weil der Extrakt der Pflanze mit einem anderen, moderneren Verfahren gewonnen wird, ist die Zulassung in Deutschland erloschen. Er kann jedoch aus dem Ausland importiert werden.”
 
Apotheker Frank Hiepe (Co-Autor unseres Heilpflanzenbuches „Arnika und Frauenwohl“) teilte mir auf Anfrage dies mit:
 
„Ich habe früher Migränepatienten gerne Petasites-Präparaten wie Petadolor empfohlen und auch gute Wirkungen erzielt. Das Leberschaden-Risiko war noch nicht bekannt.
 
Vielleicht sind die an Pest Erkrankten im Mittelalter nicht an der Pest, sondern an Leberschäden gestorben. Aber sie hatten zuvor wenigstens weniger Schmerzen.“
 
Nun, damals waren noch keine PA-arme oder PA-freie Varietäten bekannt. Auf jeden Fall diente die Pestwurz im Mittelalter den an Pest Erkrankten.
 
 
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