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BLOG vom 01.06.2015


Das Geschlecht der Engel. Besuch in Tongeren (Belgien)
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
 
Im Dezember 2014 konnten Sie an dieser Stelle eine Abhandlung über Angelologie lesen. Darin stand, wo überall Engel eine Rolle spielen, welche religiösen und historischen Ursprünge es gibt und dass heutzutage diese Wesen immer noch in der Überzeugung mancher Zeitgenossen schützende Nothelfer spielen.
 
Worüber ich mir damals keine Gedanken gemacht habe, war, welches Geschlecht die Engel haben. Sie werden zwar Geistwesen genannt, aber die Bibel sagt etwas anderes. Für mich war das klar, Engel sind männlich! („Der Engel“; auch der Duden propagiert die männliche Form.) Aber so einfach kann ich mir es nicht machen, auch wenn ich mich an die christlichen Götterboten gehalten habe. In deren Hierarchie stehen die Erzengel Gabriel, Michael, Raphael, Uriel, Jehudiel, Barachiel, Salathiel und Jeremiel als Erzengel an der Spitze, jedenfalls im Alten Testament und in der Ostkirche. Die ersten 4 Namen waren mir jedenfalls schon einmal begegnet, den anderen noch nie oder nur vereinzelt.
 
Vor einigen Tagen besuchten wir in Ostbelgien die Stadt Tongeren. Die dortige Kirche nennt sich Onze-Lieve-Vrouwe-Geboorte-Basiliek, ist also Marias Geburt geweiht. Sie gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Sie wird als Höhepunkt der Maasgotik angesehen. Die Maas ist der Fluss, der durch die Stadt fliesst. Die Entstehung der Kirche wird mit 1240 angegeben, jedoch gab es schon vorher Gebäudeteile, genannt wird das Kapitell, das bereits einige Jahrhunderte eher urkundlich erwähnt wurde. Allerdings wurde das Kapitell im 18. Jahrhundert abgeschafft. Der heute 64 m hohe Turm, der, wie üblich in diesem Stil, keine Spitze trägt, wurde im 16. Jahrhundert fertig gestellt.
 
Die Kirche ist mit vielen Heiligenfiguren und Abbildungen von Engeln ausgestattet. Eine dieser Engelsfiguren ist hoch oben auf einem Sockel in der Nähe der Decke zu sehen. Sie steht aufrecht und trägt auf ihren ausgebreiteten Armen einen langen schmalen, mit Borden versehenen vergoldeten Schal. Der Engel ist klar als Frau erkennbar, das schwarzgelockte Haar umgibt ein schmales Gesicht. Das Gewand lässt einen Grossteil des Oberkörpers frei. Man sieht eine Brust. Auf dem Rücken trägt die Figur grosse, den Körper überragende Flügel, welche an die eines Adlers erinnern. Die Entstehung der Figur schätze ich auf den Beginn des 19. Jahrhunderts, vielleicht auch etwas später.
 
Die hübsch geformte kleine linke Brust ist als Abbildung des Körperteils einer Frau erkennbar. Gibt es also doch weibliche Engel? In modernen Abbildungen von Engeln sind diese in der Regel weiblich. Männer reden ihre Partnerinnen nicht selten mit „mein Engel“ an. Nur Putten, den kleinen Barockengeln nachempfunden, haben oft angedeutete männliche Geschlechtsteile.
 
Gibt es einen Hinweis in der Bibel, im „Alten Testament“? Im Buch Zacharias (Sacharja) werden „Nachtgesichter“ beschrieben. Die 6. und 7. bilden ein Kapitel. Im 6. wird von einer gestohlenen Schriftrolle berichtet, und jeder Dieb und Meineidige werde durch einen Fluch „weggeräumt“ und das Haus, in dem er wohnt, soll vernichtet werden.  Im 7. Nachtgesicht mit der Bezeichnung „Die Frau im Epha-Mass“ werde ich fündig.
 
Der Engel, der zu mir redete, trat hervor und sprach zu mir: ‚Erhebe diene Augen und sieh, was da zum Vorschein kommt!’ Ich fragte: ‚Was ist das?’ Er erwiderte: ‚Das ist das Epha-Mass, welches zum Vorschein kommt.’ Dann sprach er: ‚Das ist ihr Sündenmass im ganzen Land.’ Und siehe, der Bleideckel hob sich, und ich sah eine Frau im Epha-Mass sitzen. Er sprach: ‚Das ist die Schlechtigkeit’, und er stiess sie ins Epha-Mass zurück und warf die Bleiplatte auf seine Öffnung. Als ich meine Augen erhob und schaute, sah ich zwei Frauen herankommen, und Wind erfasste ihre Flügel. Sie hatten nämlich Flügel wie Storchenflügel. Sie trugen das Epha-Mass zwischen Himmel und Erde dahin."
 
Diese weiblichen Engel, so lese ich weiter, wollen dem „Epha-Mass“ einen Tempel bauen.
 
Mit „Epha-Mass“ ist eine Tonne, ein Fass gemeint. Darin sitzt eine Frau; das ist „die Schlechtigkeit“. Der Dialog findet zwischen Zacharias und einem männlichen Engel statt. Die weiblichen Engel dagegen werden negativ dargestellt.
 
Im Neuen Testament werden auch Engel beschrieben, und ein Engel ist ein Gesandter von Jesus, als Mittler zwischen Jesus und den Menschen und geschlechtlos.
 
Die Bibel mit ihren Geschichten ist verwirrend. Ist mit dem weiblichen Engel in der Basilika das Böse gemeint? Den Eindruck habe ich nicht, eher von einer stolzen Person.
 
Das Geschlecht der Engel ist also nicht genau feststellbar. Explizit weibliche Engel sind erst seit der Renaissance bekannt, die Kunstrichtung, die sich auf die antike griechische Mythologie beruft, mit der Göttin Nike, den Musen und den Nymphen.
 
Der Pfarrer der Kirchengemeinde Münchenbuchsee-Moossedorf /Schweiz und Künstler Martin Stüdeli bieten auf ihrer Website einen „Engelkurs“ an: Der Pfarrer schreibt:
 
„Wenn nämlich ein Beitrag zur Aufgabe, das Verhältnis von Rationalität und Religion zu klären, erbracht werden soll, darf gerade jener Bereich nicht ausgelassen werden, wo ‚geforscht’ und ‚untersucht’ wird.“
 
So weit, so gut. Nur den folgenden Satz kann ich ganz und gar nicht nachvollziehen:
 
„Eine Grenze des Erkennens und Denkens darf nicht vor einer überlieferten Grenze zum Jenseitigen oder Metaphysischen stehen bleiben, sonst wären weder Kritik noch eine Art Verifizierung möglich.
 
Welche Kritik meint er, die vor der „überlieferten Grenze“ oder die danach? Er schreibt weiter:
 
“Wahrscheinlich wird ja weniger die Grenze der Erkenntnis erreicht, sondern die Grenze des Alltäglichen. Mit Rücksicht auf die Berichte, die Menschen aus der Begegnung mit Engeln machen, könnte vielmehr von einer Grenze kollektiver Erfahrung und Wahrnehmung gesprochen werden.“
 
Mir bleibt da nur noch, Georg Wilhelm Friedrich Hegel zu zitieren:
 
„Alles, was in einem theoretischen oder praktischen Gefühl wahr oder gut ist, kommt vom Geist. Ausser dem vernünftigen Inhalt gibt es im moralischen, rechtlichen oder religiösen Gefühl nicht Gutes, das eigentümlich für das Fühlen wäre.“
 
 
Quellen:
Die heilige Schrift des alten und neuen Testaments, Vollständige Ausgabe von Prof. Dr. Vinzenz Hamp, et al., Pattloch Verlag, Aschaffenburg, o.J.
 
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