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BLOG vom 19.08.2016


Die Tücken des Objekts: Wie man ihnen beikommt

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London


Mit der rasanten Fortentwicklung der Informations-Technologie wird mir das Leben zunehmend vergällt: Der Drucker spukt unaufhaltsam Makulatur aus. Immerhin kann ich noch immer Texte schreiben und ans Textatelier weiterleiten. Die Software-Spezialisten fordern mich laufend auf, alte Programme durch neue zu ersetzen. Das ist entsetzlich, denn die Neuerungen komplizieren die eingespielte Handhabe. So lasse ich es, so weit als möglich, bei den alten bewenden. Im Notfall suche ich Rat bei meinen Söhnen. Für sie ist die IT ein Kinderspiel.

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Es kommt noch schlimmer: Produkte aller Art werden laufend verändert, verbessert sagen die Hersteller, seien es Lebensmittel oder Artikel für den Hobbybedarf. In einem alten Laden lasse ich mich von einem alten Mann bedienen und beraten. Er weiss Bescheid und guten Rat.

Die Ware wird heute immer komplizierter verpackt. Aufreisspackungen herrschen vor. Sogar das Obst und Gemüse liegt in Schalen auf, die mit zähem Plastik umwickelt sind. Den Spruch “mit der Schere lesen” habe ich “mit der Schere entpacken” erweitert.

Gleich um die Ecke der Bibliothek in Wimbledon hat es einen Obst- und Gemüsehändler. Bei ihm decken wir unseren Tages- oder Wochenbedarf ein – von der Waage abgewogen. Hausfrauen schleppen ihre vollgestopften Einkaufswägelchen zur Warteschlange bei der Kasse. Ihre Einkäufe von Frischware enden vergessen im Eisschrank ... Ich mag Steaks und Fische und kaufe gutgelagertes Fleisch und frische Fische beim Metzger oder Fischhändler, die ihre Stände in Selbstbedienungsläden, wie etwa in den Morrissons Supermärken, für anspruchsvolle Kunden vorbehalten.

Dank seinem Buch “Richtig gut Einkaufen” hat mein Textatelierkollege Heinz Scholz mich auf die richtige Fährte gewiesen und mir dabei viele Enttäuschungen erspart.

Warum werden die Verkaufsgestelle immer wieder umgekrempelt? Damit werden Kunden auf ihrer Such nach einem Produkt zu Impulskäufen verführt.

Alleinstehenden Leuten fehlen die Kleinpackungen. Sie sind gezwungen, Grosspackungen zu kaufen, die viel Platz in ihren engen Wohnungen rauben.

In kleinen Läden werden meine Frau und ich besser bedient als in Grossgeschäften. Die Inhaber haben ihren bescheidenen Aufpreis verdient.

Es mangelt in England allgemein an gutgeschultem Verkaufspersonal. Eine Blumenverkäuferin sichtete ich im Optikerladen, wo sie Brillen anpasst. Immerhin bleiben Brillengläser von der Optikerin bestimmt. Dazu braucht sie heute die Beihilfe von einem ausgeklügelten eigens dafür geschaffenen IT-Programm. Ihrer Vorgängerin genügte eine Wandtafel mit Buchstaben in variablen Grössen. Ich hatte mich dummerweise auf meine 15-jährige Brille gesetzt. “Sehen Sie so oder so besser”, fragte sie mich immer wieder, wie sie das Programm abspielte. Ich war gezwungen, ihr ausweichend zu antworten, wie sie meine Sehschärfe in der Dunkelkammer grell bestrahlt untersuchte. Heute kann ich die Brille abholen. Ich werde die Optik mit einem kleingedruckten Text überprüfen, denn ich traue solcher Technologie nicht blindlings.

So bin ich wieder in der Technologie gelandet … Auf die Brille bin ich beim Schreiben und Lesen angewiesen. Auf die “Apps” und Computerspiele hingegen kann ich verzichten. Hingegen sind Google Recherchen oft behilflich. Gedruckte Fachliteratur – und Literatur – bevorzuge ich, soweit sie meine besonderen Interessensbereiche betreffen. Als ein kritischer Zeitgeist habe ich meine eigenen Nachschlagewerke in der Vorratskammer gestapelt.

Die Literatur, mitsamt Kunstliteratur, hat ihren Ehrenplatz in meiner Hausbibliothek. Dort entkomme ich vielen Tücken des Objekts. Auch der Sommergarten ist mir eine Oase, die ich gerne aufsuche und mit meiner Frau, Freunden und Hummeln, Bienen und Libellen teile.

So möge jeder sein eigenes Refugium gegen die Tücken des Objekts erschliessen und frohe Stunden gewinnen.

 


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