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BLOG vom 15.12.2016


Weihnachten kann mir gestohlen bleiben!

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland

 

Wir kamen auf Weihnachten zu sprechen. Die üblichen Fragen. Etwa, ob schon alle Geschenke beisammen seien, was selbst gewünscht würde und ob er sich auf das Fest freue.

Er sah auf, zog ein griesgrämiges Gesicht und schien schlechtgelaunt.

"Ich muss dir etwas gestehen", sagte er. "Ich hege eine abgrundtiefe Abneigung gegen dieses Fest und gegen alles, was damit zusammenhängt." Dabei sprach er das "abgrundtief" langsam aus und betonte Silbe für Silbe.

Ich schaute erstaunt auf. "Wieso das denn? Es ist doch ein Familienfest, ein Fest der Freude!"

"Es ist vor allem ein Fest des Zwanges", erwiderte er.

"Das musst du mir erklären", bat ich ihn.

"Nicht nur für die Wirtschaft und die Läden", sagte er. "Sie müssen Umsatz machen, oft macht er mehr als Zweidrittel des Jahresumsatzes aus."

"Aber Schenken und die Überlegung, womit man den Liebsten eine Freude macht, ist doch etwas, was Spass macht!"

"Unsinn, es ist purer Konsumzwang! Weil alle es tun, wagen diejenigen, die es eigentlich ablehnen, nicht, gegen den Strom zu schwimmen. Sie hetzen lieber von Läden zu Läden."

"Für mich ist es eine Art Vorfreude! Schenken ist doch Geben, und das ist bekanntlich seliger als Nehmen", erwiderte ich.

"Ich fühle mich verpflichtetet und unter Druck gesetzt. Meine Stimmung ist in den Dezemberwochen regelmässig auf einem absoluten Tiefpunkt. "

"Jetzt übertreibst du aber", entrüstete ich mich.

"Geben funktioniert angeblich nur, wenn auch etwas zurück kommt. Also ethisch ist Geben nur deshalb seliger, weil auch genommen wird. Ich will aber nichts geschenkt haben! Ich will nicht dauernd sagen müssen, was ich haben möchte! Was mich interessiert, kaufe ich mir selber!"

"Aber das ist doch der eigentliche Sinn des Festes. Weil das Christkind als Sohn Gottes sich den Menschen geschenkt hat, schenken sich die Menschen gegenseitig auch etwas."

"Komm' mir bloss nicht damit", seine Stimme wurde laut und gleichzeitig gequält. "Die ganze Geschichte ist doch durch und durch eine Erfindung, erstunken und erlogen! Nichts ist davon wahr oder beruht auf Fakten."

"Es ist Glaube, den kann man nicht beweisen", entgegnete ich.

"Es ist nicht nur Glaube, es sind unbewiesene, ja sogar falsche Darstellungen, Verdrehungen."

"Jetzt übertreibst du aber", sagte ich.

"Ganz und gar nicht!", rief er. "Ein Beispiel: der Kindesmord, angeblich angeordnet durch Herodes, ist eine reine Erfindung, das ist historisch einwandfrei nachgewiesen! Und was erzählen sie den Menschen zu Weihnachten in der Kirche? Diese Phantasterei! Reine Propaganda!"

"Es soll doch nur hervorgehoben werden, welche Bedeutung diese Geburt für uns Menschen hat!", sagte ich kleinlaut.

"Wenn es ihn denn wirklich gäbe, diesen Gottes Sohn und er so allmächtig wäre, wie immer behauptet wird, hätte er eine Geschichtsfälschung nicht nötig! Und dieser Erlösungsgedanke, hat er wirklich etwas gebracht? Krieg, Mord, Totschlag, Unterdrückung, Elend wo immer du hinschaust!"

Ich schwieg. Das Thema regte meinen Freund auf, er steigerte sich geradezu hinein.

"Und hierzulande, überall, wohin man blickt, nur Heuchelei! Das Weihnachtsmärchen spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, wenn überhaupt! Um des lieben Friedens Willen tuen so viele Menschen so, als würden sie sich freuen! Zu Weihnachten spielen sie alle Theater und reissen sich zusammen. Tage, an denen aller Zwist unter den Teppich gekehrt wird. Es soll ja harmonisch werden, das Familienfest. Und dann diese ewige Beschallung, wochenlang. Es ist fast so, als würden die Menschen das Weihnachtsgedudel wirklich als schön empfinden, dabei ist es so nervtötend. Harmoniezwang, nichts weiter! Wie ich das hasse, dieses 'Friede-Freude-Eierkuchen' Getue!"

"Und der Glühwein auf den Weihnachtsmärkten?"

"Nichts als gepantscht! Und alle lassen sich das gefallen! Und kaufen auch noch diesen  Weihnachtskitsch!"

"Die Kinder freuen sich jedenfalls", wagte ich zu entgegnen.

"Die Gören kriegen in unserer Konsumwelt den Hals nie voll. Sie erleben es ja, die Mitschüler, die alles haben, schauen abschätzig zu denen hinunter, deren Eltern sich nicht alles leisten können. Und so fängt der Unfrieden schon an, wenn sie ihre Geschenke bekommen! Entweder ist es nicht die ersehnte Toppmarke oder das Ding langweilt schon nach kurzer Zeit."

"Das liegt aber dann an der Erziehung!"

"Das liegt vor allem an diesem blödsinnigen Konsumzwang, 'Haben, haben, haben' ist die Devise! Und das soll glücklich machen?"

Mein Freund schnaubte verächtlich. "Welches Kind ist denn noch mit einer Kleinigkeit zufrieden? Ob sie von Herzen kommt, spielt doch keine Rolle mehr, wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden!"

"Ich freue mich jedenfalls auf das Weihnachtsessen! Ein leckerer Braten mit Kartoffeln und Gemüse und als Nachtisch Bratäpfel!" Mir lief das Wasser im Mund zusammen.

"Ja, ja, das grosse Weihnachtsfressen", lästerte mein Freund und betonte das 'f'. "Gesundheitsfördernd, mit anschliessendem Sodbrennen, Völlegefühl und danach mit einigen Kilos mehr auf der Waage."

"Dir kann man es aber überhaupt nicht recht machen!", ärgerte ich mich. "Gibt es eigentlich etwas, was du als positiv empfindest?"

"Ja, die Vorfreude auf die Tage nach Weihnachten, wenn der ganze Spuk vorbei ist!" antwortete er.

"Und an den Weihnachtstagen selbst?", bohrte ich weiter.

"Der eine oder andere wirklich sehenswerte Film auf den guten Fernsehkanälen, 'Arte' und ein paar andere!", antwortete er. "Manchmal lassen sich die Programmmacher ja wirklich etwas einfallen, nicht nur das Weihnachtsgesülze oder die ewigen Wiederholungen und Tatort-Krimis wie an den anderen Abenden im Jahr."

"Da hast du doch etwas, worauf du dich freuen kannst", triumphierte ich.

"Das ganze Spektakel drumherum, darauf könnte ich gerne verzichten. Eine gute Miene zum bösen Spiel zu machen liegt mir einfach nicht!"

"Alter Spielverderber!"- "Heuchler!" - "Miesepeter!"- "Märchenonkel!" - "Ungläubiger!" "Leichtgläubiger!" - "Nihilist!" - "Mitläufer!" - "Freudeverderber!" - Schauspieler!" - "Antitraditionalist!" - "Traumtänzer!" - "Rebell!" - Schmierenkömodiant!"- "Tretmine!"

Das letzte Argument:
Die Tochter einer Bekannten hat in ihrem Brief an den Weihnachtsmann am Ende vermerkt:
" P.S. Meine Mama hasst Weihnachten."

Und so ging es weiter, bis alles gesagt war. Gut, dass noch eine Flasche Rotwein bereit stand!

 


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