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BLOG vom 26.02.2017


Die konstruierte Realität

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland


Die Kernaussage des radikalen Konstruktivismus ist, dass eine Wahrnehmung kein Abbild einer bewusstseinsunabhängigen Realität liefert, sondern dass Realität für jedes Individuum immer eine Konstruktion aus Sinnesreizen und Gedächtnisleistung darstellt.

Charakterschwäche, um das inflationär benutzte Wort "Sucht" zu vermeiden, ist also eine Konstruktion. Was ist ein Charakter? Die eine Definition ist, das sei eine Wesens- oder Eigenart, die kennzeichnend für eine bestimmt Person ist; eine andere, das sei ein Mensch, der ein ausgeprägtes Wesen besitzt.

Ich charakterisiere eine Person:
Sie hat einen festen Willen. Diesen festen Willen nutzt sie, um das zu bekommen, was sie glaubt, das ihr zusteht. Ihr steht eine soziale Beziehung zu einem Mann zu. Diese soziale Beziehung beinhaltet, dass dieser Mann in vielfältiger Weise abhängig von ihr wird. Da sie aber dem Mann ebenso eine Wesensart unterstellt, nämlich nicht nur an einer einzigen Frau interessiert zu sein, ist ihr erster Schritt, ihn verliebt zu machen. Der zweite Schritt ist, ihn mit ihrer sexuellen Anziehungskraft und ihrem unbändigen Wunsch nach täglich mehrmaligem Verlangen nach Geschlechtsverkehr zu ködern.

Ihre angebliche Liebe offenbart sie durch ihre krankhafte Eifersucht. Sie will den Mann Tag und Nacht kontrollieren. Dabei unterstellt sie ihm bei jedem Blick, bei jedem, sei es noch so kleinen menschlichen Kontakt, sexuelle Absichten zu dieser Person zu hegen und diese Absichten auch in die Tat umzusetzen.

Die Kontrolle übt sie durch pausenlosen Telefonkontakt, den man durchaus schon als Telefonterror bezeichnen kann, und durch wiederholtes, beharrliches Verfolgen und Belästigen (auch im deutschen Sprachgebrauch mit der englischen Bezeichnung "stalking" bekannt) aus.

Jedes noch so kleine in ihren Augen begangene angebliche Fehlverhalten wird dem Mann vorgeworfen. Da der Mann inzwischen psychisch und sexuell abhängig von ihr geworden ist, lässt er sich, obwohl das Gefühl der Verliebtheit inzwischen nachgelassen hat, das Verhalten gefallen.

Seine Psyche beginnt aber, dagegen zu rebellieren, und der Mann entwickelt psychosomatische Beschwerden, wie etwa Bluthochdruck, Nervösität und Depressionen.

Die Frau fühlt so etwas und wendet eine andere Strategie an. Sie hat viele Probleme mit ihren aus früheren Beziehungen abstammenden Kindern, der eine Junge pubertierend, der andere alle Regeln und Ziele, wie etwa eine Berufsausbildung zu machen, ablehnend. Sie verwöhnt beide dennoch und akzeptiert ihr Verhalten. Damit macht sie sich von ihren Kindern emotional und finanziell abhängig. Sie benutzt ihre Kinder aber gegenüber dem Mann, indem sie ihm Schulgefühle einredet, falls er die Absicht hat, sie mit ihren Problemen allein zu lassen.

Schliesslich glaubt sie selbst an ihr Gefühl, nicht ohne ihn auskommen zu können. Nicht ihre Abhängigkeit steht zur Debatte, sondern die des Mannes und anderer. Sie ist von ihrer "Normalität" überzeugt, denn nur so, wie sie sich verhält, ist es richtig, wenn an einer Beziehung täglich "gearbeitet" werden muss.

So befindet sich der Mann in einem unlösbaren Dilemma. Hinzu kommt noch die Angst vor der Einsamkeit, die aus einem schwachen Selbstbewusstsein entstandene Angst, keine Frau interessiere sich nach dieser Trennung mehr für ihn. Er fürchtet auch ihre Rache, ihre üble Nachrede, ihre Wut, ja sogar mögliche Gewaltexzesse, für die er sie durchaus für fähig hält.

Deshalb gibt er ihr nach, schiebt die wegen seiner Gesundheit eigentliche notwendige Trennung immer weiter hinaus. Dabei ignoriert er die Meinung seiner (männlichen) Freunde und seiner Familie, ein Ende mit Schrecken sei immer besser als ein Schrecken ohne Ende. Ja, er nimmt sogar in Kauf, dass Freundschaften wegen seiner Beziehung zu ihr in die Brüche gehen, denn sie akzeptiert niemanden neben sich, der Einfluss auf ihn ausüben könnte.

So konstruieren sich beide ihre Realität und sind sich dessen in keinster Weise bewusst.

Es ist ein Konstrukt aus Macht und Ohnmacht, aus Abhängigkeit und Unterwerfung.
Viabilität = Gangbarkeit; Gültigkeit von Wirklichkeitskonstruktionen bzw. der ausgewählten Alternative, solange sich diese im praktischen Handeln bewähren bzw. nützlich sind. Sie ist ein wichtiges Relevanzkriterium für Wirklichkeitskonstruktionen neben der Anschlussfähigkeit und der Zieldienlichkeit. (Wikipedia)

Gibt es eine Alternative?

„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und frass sie. Franz Kafka

Wer ist im obigen Beispiel die Katze, wer die Maus? Eine Konstruktion!

 


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