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BLOG vom 09.05.2018


Essays „Nach der Natur“ (4): Feuer

Autor: Wernfried Hübschmann, Schriftsteller, Hausen i. Wiesental (D)


In diesen Wochen veröffentlicht der Schriftsteller Wernfried Hübschmann unter dem Titel „Nach der Natur“ vier literarische Essays zu den vier Elementen. Den Anfang machten die Essays zu WASSER, LUFT und ERDE. Heute beschliessen wir die kleine Reihe mit dem Aufsatz zum Thema FEUER.

Nicht nur die Vulkane beeindrucken und beunruhigen uns, wenn sie ihre Magmaströme wie Eingeweide der Erde aus sich drängen und übereinander schieben und immer weiter wälzen und sich ineinander gedreht und geknetet talwärts ergiessen, nicht die grässlichen Waldbrände, von achtlosen Wanderern verursacht, sie sind riesig und schrecklich und sie verleiden uns dieses Element, und ebenso sind die qualmenden Reifen in Kalkutta, Kapstadt oder Kingston Town allzu sehr ein Schauspiel, doch ach, ein Schauspiel nur. Nicht die brennenden Ölfelder in Kuwait, die im ersten Golfkrieg, von den Satelliten fotografiert, aussahen wie durch Brandbomben entflammte Häuser. Und selbst die kleineren Feuer, die abends entfacht werden an den Lagern, auf den Zelt- und Campingplätzen und in den Gärten, obgleich uralte Rituale, die uns zusammenbinden, sind nicht die tieferen Berührungen, zumal oft von ihnen nicht mehr blieb als der Kugelgrill, das Barbecue oder der ins Zimmer gemauerte Kamin für lange Winterabende.

Nein, es sind die winzigen Entzündungen des Feuers, wenn es noch kaum ein echtes Feuer genannt werden kann, bevor es lodert oder lichterloh brennt. Das Aufflackern eines Feuerzeugs am Ende der nächtlichen Strasse, die Signalfeuer der Positionsschiffe in der Nordsee, die blinkenden Pseudofeuer der Leuchttürme – früher waren es echte Holzfeuer in grossen, gusseisernen Körben, bevor die Technik auch hier einen leichten Sieg davontrug und den Beruf des Leuchtturmwärters gleich mit sich nahm.

Am weitesten zurück reicht das Streichholz, dessen rotes Schwefelköpfchen an die allerersten Feuer erinnert. Es gab einen Jungen, er mochte sieben oder acht Jahre alt gewesen sein, der im schuldlosen Spiel mit der Nachbarsenkelin, am Rande des Sandkastens sitzend, ein Päckchen WELTHÖLZER aus der Tasche zog, eines dann mit übertriebener Geste entzündete und, um zu imponieren, es im geschlossenen Mund erstickte. Der giftige Dampf quoll ihm aus Mund und Nase. Und das einige Male, bis er, einer Laune folgend, das schwarze und scheinbar leblose Ascheknöchelchen, um zu beweisen, dass alles ganz harmlos sei, der Freundin gegen den Unterarm drückte. Die schaute ihn einen Moment lang entgeistert an, bis der Schmerz zu einer Art Gedanke sich umgeformt hatte, dann stiegen ihr Tränen in die Augen, vermischt mit Enttäuschung und Entsetzen, dann stand sie wortlos auf und ging langsam, gar nicht hastig, davon und verschwand hinter der mit Stroh verkleideten Gartentür. Die Kinder sahen sich nicht wieder, und vielleicht wären sie ohne diesen aus Dummheit begangenen Fehler und die äussere und mehr noch die innere Verletzung später füreinander bestimmt gewesen. Viele Jahre danach hörte er von ihrer Grossmutter, dass sie drei Kinder hatte, ihr Mann war Geschäftsführer eines Möbelhauses – das Übrige zerfällt im Gedächtnis zu Asche.

Alles, was wir sind, sind wir durchs Feuer, für das wir durchs Feuer gehen oder springen, wie wir es früher zur Sommersonnwende getan haben, als Zeichen innerer Reinigung, Verwandlung und als Eintritt in die nächste Phase des Jahres und des eigenen Lebens. Das Feuer ist ein Geschenk des Himmels. „Wohltätig ist des Feuers Macht, / wenn es der Mensch bezähmt, bewacht“, heisst es in Schillers „Glocke“. Der im Mythos gefasste Ausgangspunkt ist ein krimineller Akt, ein Raub, denn Prometheus, „der Vorausdenkende“, hat Zeus „hinters Licht geführt“. Muss man sich Prometheus vorstellen wie einen windigen Gauner, einen Verräter, der Zeus getäuscht hat (was unmöglich ist; Zeus hat nur gespielt, die Täuschung nicht zu bemerken, hat also selbst Prometheus wiederum getäuscht, um den Anlass für die Strafe nicht zu verlieren,  denn die Tat des Titanen ist wahrlich in flagranti zu nennen!) Im Hohlstengel eines Riesenfenchels, so geht die Sage, entführt er das Feuer aus dem Olymp und bringt es seinen Geschöpfen, den Menschen, und erst jetzt beginnt, was wir Zivilisation nennen, noch vor den Städten und Dörfern. Die Urszene freilich ist das abendliche Feuer irgendwo in der westafrikanischen Steppe, sind die Erzählungen der Jäger, das Murmeln und magische Beschwören, das Singen und Tanzen, das Trommeln und Flöten, und vor allem die Verständigung über Wanderwege, Jagdgründe, wilde Tiere, Wetter, Gefahren und Gefährten. Die Geschichte vor der Geschichte. Vor allem war das gemeinsame Essen ein Stiftungsakt der Gemeinschaft, und alle, mit denen man sass und speiste, nämlich das, was durchs Feuer erst geniessbar wurde, konnten keine Feinde sein, und wo man singt, da lass dich ruhig nieder. So entstand, aus der melodischen Mitteilung, aus dem prosodisch-semantischen Motiv, seiner Wiederholung und Variation in Refrain und Litanei, seiner Befestigung durch mündliche Weitergabe und durch das Privileg, am Feuer zuhören zu dürfen und dadurch dazuzugehören, Poesie, Gespräch und dichterische Praxis.

Und noch immer pflegen wir diese Rituale, verehren und besingen das Wetterleuchten am nächtlichen Horizont, entzünden Kerzen an Heiligabend, illuminieren Kirchen und Familienfeste, unsere Städte und Stuben und sind erschüttert von den Entflammungen des eigenen Herzens und dem Entbrennen der Liebe, erschauern beim Lesen des „Feuerreiters“ und setzen uns jener Hitze aus, die von der Sonne ihren Ausgang nimmt und die noch im verglimmenden Streichholzkopf wie ein Echo immer schwächere Glut gibt und Schmerzen frühester Schuld.

www.wernfried-huebschmann.de

Essays „Nach der Natur“ von Wernfried Hübschmann
13.04.2018: Essays „Nach der Natur“ (3): Erde 
15.03.2018: Essays „Nach der Natur“ (2): Luft 
08.02.2018: Essays „Nach der Natur“ (1): Wasser

 


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