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BLOG vom 28.06.2020


Schlierbach LU – Glücksfall einer selbständigen Gemeinde

Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Aesch/LU


(Der Text ist die der Presse abgegebene Zusammenfassung einer Festansprache, welche noch vor der «Corona»-Zeit gehalten werden durfte, im örtlichen Gemeindezentrum)

«Nicht ausgeschlossen sein vom Höchsten, gehalten im Kleinen, das ist der Weg Gottes»: Unter dieses Hölderlin- Motto möchte ich meine Ansprache zur 175-Jahrfeier «Selbständige Gemeinde Schlierbach» stellen. Ich beglückwünsche Sie als eine Luzerner Dorfschaft mit immer noch hochaktivem einheimischen Kulturschaffen, so einer Theatertruppe, einem der blühendsten Jodelclubs des Kantons und auf gediegenem Niveau musizierend sogar noch mit einer eigenen Musikgesellschaft. Dies zu einer Zeit, da zum Beispiel ein Kurort wie etwa Bad Zurzach über solche Institutionen nicht mehr verfügt, und wo kleinere Gemeinden allgemein mit grösseren fusionieren. Gehört haben wir soeben Klänge aus Beethovens Oper «Fidelio»: «O welche Lust, in freier Luft zu atmen.»  Es ist für mich fast nicht zu glauben, dass und wie Sie die Selbständigkeit Ihrer Kleingemeinde von kaum tausend Seelen noch zu feiern wissen!

Die vor 175 Jahren vorgenommene Trennung der Korporationen Schlierbach, Etzelwil und Wetzwil von der Gemeinde Büron hatte, wie die fast gleichzeitige Abtrennung von Wilihof und Kulmerau von Triengen, mit dem in der Schweiz bedeutsamen Gegensatz Berg und Tal zu tun.

Wobei die genannten Berggemeinden im Mittelalter (1455) auch deshalb zu Luzern gelangt seien, weil man ihnen im Vergleich zu den früheren Herren von Aarburg mehr Selbstbestimmung versprochen hatte. Was Schlierbach betraf, so fühlte man sich von der damals stark verarmten Gemeinde Büron, wo es zur Zeit der Trennung nicht wenige Konkurse gab, steuerlich und im Hinblick auf die Verteilung der Armenlasten ausgenützt. «Die vom Berg sind die Arbeitsbienen, im Tal leben die Drohnen», polemisierte man zur Zeit noch vor der Eisenbahn, da Gemeinden im Suhrental miteinander äusserst zerstritten waren. Bei der Petition für die Trennung führte man ins Feld, dass kleine Gemeinden nach dem Milizprinzip günstiger zu verwalten seien. Der erste Gemeindepräsident von Schlierbach, Josef Steiger, Küfers, übernahm dann gleich das Amt des Gemeindeschreibers noch mit dazu. Über eine eigene Schulpflege, eigene Feuerwehr verfügt man schon vor der Trennung.

Ein Viehbestand von über 200 Einheiten (mit Käseproduktion)  signalisierte sodann einen gewissen bäuerlichen Wohlstand. Zu den Ideen der freiheitsdurstigen Berggemeinde gehörte um die Jahrhundertwende (1904) sogar das Bestreben, ein «Luftkurort» zu werden, wie es zu jener Zeit die in der Nähe des Rütli gelegene Gemeinde Seelisberg bereits vorgemacht hatte. Das Kurhotel Gschweich brannte aber bereits 1912 ab. Die Gemeinde musste in jener Zeit, wie das gesamte Michelsamt, mit nicht kleiner Abwanderung rechnen, vermochte jedoch bis heute eine rege Gemeindekultur, z.B. mit Musikgesellschaft, Chören, Trachten, Theater, reges Fasnachtstreiben usw. aufrechtzuerhalten. Das Milizprinzip konnte bis heute vorbildlich aufrechterhalten werden.

Beim Rückblick auf die Jahre seit der Trennung, als man im Gegensatz zur heutigen Fusionitis auf kleinräumige Selbstbestimmung pochte , sprach der Referent eine verbreitete Krise des Gemeindelebens an. Wenn in den Kantonen Aargau und Luzern 2019 gegen 400 Personen in den Nationalrat kandidieren wollen, man aber in den Gemeinden kaum genügend Bürgerinnen und Bürger für die Behörden finde, dann seien nach den Prinzipien der Marktwirtschaft die Bundesbehörden wohl überbewertet und überbezahlt, die Gemeindebehörden nicht nur unterbezahlt, sondern offensichtlich zu wenig geschätzt. Allzusehr würden sie als unterstes Glied in der Kette mehr und mehr mit zum Teil unerwünschten Aufgaben behelligt, die ihnen vom Kanton und vom Bund zugewiesen werden. Diese Entwicklung mache den Gedanken der Gemeindeautonomie wenig attraktiv. Dass allerdings Schlierbach seine Selbständigkeit feiere, während Kulmerau und Wiliberg 2005 sich wieder mit ihrer Ursprungsgemeinde Triengen «retourfusioniert» hätten, sei aussergewöhnlich und spreche für den Sonderfall einer Gemeinde mit hohem Identitätsbewusstsein. Dazu trüge auch die Verbundenheit im Dorf bei: Hier kenne fast jeder noch jeden, und die diversen Arnold, Steiger, Hartmann, Troxler würden mit immer noch lebendigen Zunamen charakterisiert wie «Harzers». «Kasis», «Badjoggis»,»Martlis»m »Chlihänsli», «Tann-Vite», «Pauli-Friedels» und viele andere. Ein Reigen von Generationen jenseits von Anonymität, was jedoch Anpassung an Veränderungen und massvolle Zuwanderung nicht ausschliesse.

Zu denken gab dem Referenten, dass zur Zeit der Gemeindetrennung sowohl die Petition der Berggemeinden wie auch der im zweiten Anlauf endlich genehmigte Trennungsbeschluss des Grossen Rates als höchster Behörde des Kantons im Amtsblatt nicht veröffentlicht worden sei. Dies zur Zeit der konservativen Herrschaft von Constantin Siegwart-Müller und Staatsschreiber Bernhard Meyer, die damals fast alle ausserkantonalen Zeitungen verboten hätten. Über die Gemeindetrennungen sei offenbar deshalb nicht berichtet worden, weil man in dieser Sache keine «Werbung» machen wollte. Umso häufiger waren im Kantonsblatt Signalemente von gesuchten fast ausschliesslich einheimischen Kriminellen, die es als schwarze Schafe fast in jeder Familie gegeben habe. Vom Frauenstreik auf 1844 zurückblickend verwies Pirmin Meier noch auf einen Prozess gegen eine Magd aus dem Entlebuch, die ihr uneheliches Kind offenbar umgebracht hat und dafür 10 Jahr Zuchthaus kassierte, was übrigens wenige Generationen zuvor noch mit Hinrichtung geahndet worden wäre.

Abschliessend gab der Referent noch dem Dorfheiligen Rochus die Ehre, einem Gotthardheiligen, der auch im Zusammenhang mit den vielen fremden Kriegsdiensten der Bergler und im Zusammenhang mit der Pest gewürdigt werden müsse. Und bei aller Würdigung der Jagd-Tradition mit der schönen Hubertusmesse seien Schlierbach, Etzelwil und Wetzwil keineswegs nur Orte, «wo Hase und Fuchs einander Gute Nacht sagen».

Nicht ausgeschlossen sein vom Höchsten, dennoch aber gehalten werden im Kleinen, das ist der Weg der Gemeinde Schlierbach, deren Weiterexistenz mit blühender Gemeindekultur als eine Sensation des Guten zu würdigen ist. Die Segnung des Salzes am Dreifaltigkeitsfest sei in diesem Sinn auch symbolisch für ein Gemeindeleben, das weiterhin als das Salz unseres politischen Lebens zu würdigen sei. Neben dem Prinzip «Sal» gebe es allerdings nach alter Medizinlehre von Paracelsus noch das Prinzip Sulphur, was mit Investition und Unternehmergeist gleichzusetzen sei, und Merkur, was Flexibilität bedeute, gab und gibt es doch nicht nur in Schlierbach, sondern in der ganzen Schweiz wie sogar auch in Amerika Gemeindebürger, welche, wie der 1911 verstorbene Professor Engelbert Arnold für ihre Bürgergemeinde auch ausserhalb ihrer Gemarkungen Ehre eingelegt haben. In diesem Sinn sei der Gemeinde als einer noch gesunden, auf Miliz aufgebauten Struktur mit hoher Lebensqualität auch für eine gedeihliche Zukunft von Herzen zu gratulieren.

 


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