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BLOG vom 26.08.2020


Rückblick auf den Autor Siegfried Lenz

Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Aesch/LU


Zu den grossartigen Literaturvermittlern, welche mich, wie Josef Rennhard (1933 – 2010), schon vor 42 Jahren auf Siegfried Lenz aufmerksam machten, gehört auch der ehemalige Gymnasiallehrer, Buchautor und einstige Kämpfer für eine vernünftige Orthographiereform, Friedrich Denk. Letzterer erfreut sich mit seiner Frau Gerda nach wie vor eines hoffnungsfrohen Lebenslichtes.

Siegfried Lenz, geboren am Tag von St. Patrick (17. März) 1926 in Lyck (Ostpreussen), verstorben am 7. Oktober 2014 in Hamburg, war einer der erfolgreichsten zeitgenössischen deutschen Nachkriegsautoren aus dem Umfeld der Gruppe 47. Lenz gehörte dieser Kampfgruppe der literarisch-politischen Moderne über die längste Zeit ihres Bestehens an. Wie stark der gern als Pfeifenraucher ins Bild gebrachte Autor auch bei einem jüngeren Publikum ankam und wie wichtig seine Beiträge für das Deutschland der Nachkriegszeit geblieben waren, beweist der ihm 2001 überreichte Weilheimer Literaturpreis, der von einer aus Gymnasialschülern gebildeten Jury zugesprochen wird. Die Idee geht auf den bekannten Literaturförderer Friedrich Denk zurück, jahrzehntelang Herausgeber der bekannten Weilheimer Hefte zur Leseförderung.

Der berühmte Autor Lenz erhielt bedeutende Literaturpreise, etwa den in seinem Todesjahr an meinen Doktorvater Peter von Matt und einst sogar Ernst Jünger vergebenen Frankfurter Goethepreis, auch den Friedenspreis des deutschen Buchhandels, den Jean-Paul-Preis. Derselbe kam u.a Friedrich Dürrenmatt und Thomas Hürlimann zu. In seinen jüngeren Jahren wurde Lenz mit dem Kulturpreis der Landsmannschaft Ostpreussen ausgezeichnet, einer Hommage an seine Herkunft.

Als in den siebziger Jahren und achtziger Jahren das Motiv Heimat wieder vorurteilsfrei darstellbar wurde, veröffentlichte Lenz einen seiner drei bis vier bedeutendsten Romane: „Heimatmuseum“. Das Motiv hatte er schon in den fünfziger Jahren aufgenommen, ein Porträt der Masuren mit einem Titel, bei dem man das nicht erwartet hätte: „So zärtlich war Suleyken.“ Die romanhafte Erzählung schaffte es, wie die meisten wichtigen Werke von Lenz, auf die deutsche Bestsellerliste. Auch in der Schweiz und in Oesterreich gehörte er zu Lebzeiten zu den bestgelesenen Schulautoren.

Als seine Vorbilder bezeichnete Lenz gelegentlich Tolstoi und Jean Paul; der Art seines Schaffens standen Wolfgang Koeppen und Heinrich Böll näher. Wie Böll, um den es seltsam ruhig geworden ist nach dessen Tod, war auch Lenz in den vergangenen Jahren nicht mehr der Mann der Stunde, wiewohl sein 85. Geburtstag am Fernsehen eindrücklich stattfand. Trotzdem mutet seinerzeit die Todesmeldung des 88Jährigen nach einer Nachricht an, als würde man vermuten, dass dieser für die fünfziger bis achtziger Jahre bedeutende Autor sich selbst überlebt haben könnte, ein Schicksal, das unter den Berühmten etwa Franz Grillparzer nachgesagt wurde. Im Februar 2014 hatte er sein Archiv und seinen Nachlass fürs Literaturarchiv in Marbach fertig gemacht. Es war offensichtlich hohe Zeit.

Am bekanntesten wurde Siegfried Lenz durch seinen Bestseller „Deutschstunde“, bei dem er sich in der Tradition des „Untertan“ von Heinrich Mann eines falschen Pflichtbegriffs annahm, ausgehend von einem läppischen, 1951 von einem jungen Mann zu schreibenden Strafaufsatz mit dem Titel „Die Freuden der Pflicht“. Auch in der Schweiz mussten in jenem Jahrzehnt noch Strafaufsätze wie „Eine verdiente Ohrfeige“ geschrieben werden. Über den bei Lenz genannten Aufsatz wurde Kants Thema „Pflicht“ auf den Nationalsozialismus reprojiziert, ein Klischee, das in sechziger Jahren bis 1968 in allerdings fehlerhafter Analyse zur Kritik an den sogenannten Sekundärtugenden führte. Pflichtbewusstsein, Pünktlichkeit, Genauigkeit usw. sind Tugenden, an deren Propagierung der Nationalsozialismus nicht „schuld“ war; deren Missbrauch gab aber dann Anlass zu einer antiautoritären und chaotischen Debatte, worüber man in der DDR nur den Kopf geschüttelt hätte. Siegfried Lenz ist die Ausuferung dieser Debatte jedoch nicht anzulasten. Gegen das Schlechtmachen der sog. Sekundärtugenden hat sich alsbald der Philosoph Hermann Lübbe verwahrt, der wie Siegfried Lenz von sich behauptete, über seine Karteimitgliedschaft bei der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter-Partei nicht informiert gewesen zu sein beziehungsweise sich nicht daran zu erinnern. Was den Kantschen Pflichtbegriff betrifft, auf den sich noch auf fragwürdiger Begründungsbasis Adolf Eichmann bei seinem Prozess in Jerusalem berief (1960), so bleibt für die neuere deutsche Literatur des Hauptwerk des Schweizers E.Y. Meyer «Im Trubschachen» (1973) von Relevanz.

„Deutschstunde“ bleibt nichtsdestotrotz einer der bedeutenden Romane seiner Zeit, mit vielfältiger Längs- und Seitenwirkung, obwohl die Behauptung nicht zutrifft, die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands habe mit diesem Roman begonnen. Reinhold Schneider, Wolfgang Borchert und viele andere haben schon kurz nach Kriegsende höchst eindrücklich und zum Teil nachhaltiger als die Gruppe 47 gesagt, was Sache ist.

Ein Stück handfester Erzählkunst ist Siegfried Lenz‘ Roman „Das Vorbild“, worüber der Pädagoge und Journalist Josef Rennhard, Redaktor des Beobachter, 1978 bei einer internen Schulweiterbildung an der Bezirksschule Leuggern ein hervorragendes Referat hielt. Rennhard hatte sich damit auseinandergesetzt, weil er für die Schullesebücher der Kantone Aargau, Solothurn, Zürich usw. damals massgebliche Auswahlverantwortung trug. Rennhards Vortrag über Lenz wurde ein Beispiel, wie man durch eine glänzende Vorstellung eines literarischen Werkes zum Lesen animieren kann; zumal aufzeigen, dass Romane und Erzählungen in pädagogischer Hinsicht oftmals mehr bringen können als mit Fremdwörtern gespickte didaktische Lehrbücher. Siegfried Lenz, der in den siebziger Jahren wie Günter Grass vor allem als Propagandist der SPD aufgefallen war, erschien mir zuvor lange als ein Durchschnittsautor für Gleichgesinnte, wiewohl er sich anfangs der fünfziger Jahre mit einem Buch über den Mau-Mau-Aufstand in Kenia hervorgetan hatte; ein Thema, das mich damals mehr interessierte als deutsche Innenpolitik aus der Sicht der SPD.

„Das Vorbild“ ist aus meiner Sicht noch heute der bedeutendste Roman von Lenz. Er thematisiert die generationenlange Prägung von Mentalitäten durch Schullesebücher, was heute freilich bei weitem nicht mehr so gilt wie den Generationen ab 1850 bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts. So ist zum Beispiel in der Schweiz der Bauernschriftsteller Alfred Huggenberger (1867 – 1960) in seiner später deutschnationalen wie auch schweizerisch-patriotischen Haltung wesentlich durch die im Thurgau gängigen Lesebücher nach 1870 mitgeformt worden, was dann auf seine und seiner Generation Einstellung zum 1.Weltkrieg Einfluss gewann. Bei Lenz ging es um die Frage, was heute in ein Lesebuch kommen sollte, was von den Protagonisten, einem Lehrer alter Schule, einem neueren Lehrer und einer Lektorin, abgehandelt wird. Darüber hinaus geht es, wie Josef Rennhard auszuführen verstand, noch ganz generell um die „Vorbildlichkeit“ nicht nur von Texten, auch um die von Menschen. Zuletzt stellte sich die heikle Frage, wie weit heute ein Lehrer, eine Lehrerin, noch als Vorbild „dienen“ kann. Der Einfluss, den man hat, ist, wie ich aus fast lebenslanger Lehrerfahrung sagen darf, grösser, als man als Lehrer im Moment, wo man sich oft ärgern muss, denkt.

Ich wundere mich nicht, dass einer der besten Gymnasiallehrer Deutschlands, Friedrich Denk, später wie Lenz gegen die Orthographiereform engagiert, diesen Autor zu den guten und lesenswerten Schriftstellern der modernen deutschen Literatur zählte. Auch bei Mario Andreotti, dem führenden Literaturdidaktiker der Schweiz, ist in der demnächst erscheinenden 6. Auflage von „Die Struktur der modernen Literatur“ (Verlag Haupt) Lenz nach wie vor ein Repräsentant literarischer Modernität. Der Begriff wird nach präzisen und nachvollziehbaren Kriterien aufgearbeitet.

Siegfried Lenz war ein mit dem deutschen Schicksal verbundener Autor, der zu allen Zeiten seines Schaffens sich seiner Zeit gestellt hat und zu den Fragen dieser seiner Zeit Antworten vorgeschlagen hat. Wie weit seine Romane künftigen Generationen von Schülerinnen und Schülern noch zumutbar sind, muss offen bleiben. An Substanz übertreffen sie die Kolportage eines Bernhard Schlink („Der Vorleser“) wohl bei weitem, doch zog ich in den letzten Jahren meiner Lehrtätigkeit  „Jakob der Lügner“ von Jurek Becker vor. Für die literarische Darstellung des Totalitarismus des 20. Jahrhunderts bilden George Orwell, Alexander Solschenizyn und Imre Kertesz wohl das Hochgebirge mit den stärksten Aussichten, nicht zu unterschätzen Friedrich Dürrenmatt mit „Der Sturz“ und Max Frisch mit „Biedermann und die Brandstifter“. Weil es in Deutschland in den letzten Jahrzehnten wenige sichere Werte unter den Autoren gab (immerhin unter den Lebenden Hansjörg Schneider und Arnold Stadler) verblieb Siegfried Lenz klar als einer der überdurchschnittlich glaubwürdigen Autoren einer abgetretenen Generation.

 


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