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BLOG vom 12.09.2020


Glosse: Zum Abschied tote Fische *

Autor: Wernfried Hübschmann, Lyriker, Essayist, Hausen i. W.

 

Zum Frühstück tote Fische oder: *Abschied vom Händedruck Auf manches, was sich in Corona-Zeiten verflüchtigt, können wir getrost verzichten: den abendlichen Fluglärm, das Grölen betrunkener Fußballfans, all jene kollektiven und leeren Vergnügungen, die nur dazu da sind, etwas zu überdecken: die Langeweile, die innere Leere, die Rat- und Sinn- und Orientierungslosigkeit in einem Leben, das sich der Konsumdiktatur unterworfen hat und sich dabei selbst verbraucht. In der modernen Warenwelt sind wir nicht nur Kunden, sondern auch Produkte mit Tendenz zur Serienreife, geformt von raffinierter Werbung, medialer Manipulation und Pränataldiagnostik. Der Todestag eines Menschen wird irgendwann als Verfallsdatum bezeichnet werden. Das wäre nur konsequent. Anderes fehlt uns in einem Gemeinwesen, in dem eine Umarmung schon eine Ordnungswidrigkeit sein kann. Zum Beispiel das Ritual des Händedrucks. Sich die Hand zu geben, ist eine uralte Geste, die Friedfertigkeit signalisiert: schau, ich bin nicht bewaffnet!, gepaart mit einem freundlichen Blickkontakt, der die guten Absichten beglaubigt. Üblicherweise folgt der Begrüßung ein Gespräch, eine gemeinsame Mahlzeit, eine Arbeitssitzung oder eine andere Variante ritualisierter Kooperation. An der Art des Händedrucks lässt sich einiges über den Charakter eines Menschen ablesen. Jedenfalls erlaube ich mir, eine Hand, die ohne muskuläre Spannung wie ein toter Fisch in meine Hand gelegt wird, für befremdlich zu halten. Nun sind Händedruck und die 1,5-Meter-Abstandsregel schwer vereinbar. Wir müssen uns nah kommen, um uns näher zu kommen. Um mit einer Berührung der Handflächen etwas über den anderen zu erfahren, das aussagekräftiger sein kann als die Worte, diese ewige Quelle von Missverständnissen, die schon der kleine Prinz in jenem berühmten Buch beklagt. Zu diesem Füllhorn des Fühlens, das im Moment fehlt, gehört auch der Händedruck. Das kurze Aneinanderstoßen der Ellbogen ist da kein adäquater Ersatz und im Einzelfall, je nach Aufprallgeschwindigkeit, sogar schmerzhaft. „Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen!“, heißt es bei Goethe. Wohl wahr. Kein Wunder, dass in einer Zeit, in der Nähe gefährlich zu werden scheint, das „Fern-Sehen“ einen Beliebtheitsschub verzeichnen kann. Vor einem TV-Gerät ist die 3 Ansteckungsgefahr nachweislich gering. Obwohl Nachrichtensprecher gar keine Masken tragen! Nun ja: Distanz ist das Gegenteil von Tanz. Wir werden einmal auf diese Tage zurückschauen mit dem Stoßseufzer: Weißt du noch, damals, als wir uns noch die Hand gegeben haben! Wohl wissend, dass wir mit einem ehrlichen Händedruck mehr von uns zeigen und geben als uns bisweilen lieb ist. Wie muss sich unser Sehen, Schauen und Anschauen verändern, um das Fehlen des Händedrucks auszugleichen? Wie können wir das Hören und Zuhören als Seismograph der Zugehörigkeit so verfeinern, dass es uns sagt, wo wir hingehören und zu wem wir gehören?

 


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