Textatelier
BLOG vom: 12.09.2021

Akrobaten der Lüfte, die im Flug „schlafen“

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim

 


Mauersegler im Flug (Foto Elisabeth Faber)
 

Wer an dem Giebel eines Hauses in Schopfheim in die Höhe sieht, bemerkt einen Nistkasten mit 4 Einflugöffnungen. Es sind Nistplätze, die Gerhard Hornung 2005 für Mauersegler geschaffen hat. Die Vögel kommen Ende April/Anfang Mai aus ihren Winterquartieren aus Afrika zurück.

Michael Schaad von der Schweizerischen Vogelwarte in Sempach teilte mir mit, dass in der Schweiz 40 000 bis 60 000 Mauersegler brüten. Viele davon besiedeln Nistplätze.

Elegante Luftakrobaten
Die Mauersegler sind elegante Akrobaten der Lüfte. Oft veranstalten die Vögel mit den sichelförmigen Flügeln abendliche soziale Flugspiele („Screaming Parties“). Sie machen sich dann mit schrillen Schreien bemerkbar. Da sausen sie oft im Pulk um die Häuser. Ihr Leben ist in der Luft angepasst. Außerhalb der Brutzeit halten sie sich ohne Unterbrechung in der Luft auf. Während der Dämmerung sieht man sie bei Steigflügen, die in Höhen von 2000 bis 3000 Metern reichen. Bei Sturzflügen sind mehr als 200 km/h möglich. Nicht brütende Vögel übernachten in der Luft. Ornithologen vermuten einen abwechselnden Halbhirnschlaf. So wurden in Südschweden zwischen 2013 und 2014 Mauersegler mit Bewegungssensoren und Datenloggern versehen. Bei 13 Vögeln außerhalb der Brutzeit war eine Auswertung möglich. Bei einem Vogel wurde während 314 Tagen lediglich eine inaktive Phase von 2 Stunden registriert. Andere waren die ganze Zeit in der Luft. Einige ruhten sich in der Nacht aus, aber nur 2 Stunden.

Ich hatte kürzlich die Gelegenheit mit Gerhard Hornung und Friedrich Adolph von der VGS („Vogelschutz, Ornithologischen Gemeinschaft, Schopfheim e.V.) über diese Flugakrobaten zu sprechen. Die Vogelfreunde wussten Erstaunliches über die Mauersegler zu berichten.  Zunächst berichtete Gerhard Hornung Näheres zu seinen 4 Nistplätzen und 4 Einzelplätze unter den Dachpfetten: „Durch Renovierungen an der Fassade wurden bisherige Nistplätze über den Dachpfetten verschlossen. Ersatz habe ich durch selbstgefertigte Nistkästen geschaffen.“

Auf die Frage, ob rückkehrende Mauersegler aus Afrika ihre heimischen Nistplätze finden, konnte Gerhard Hornung diese bejahen. Eines Tages verschloss er die seitlichen Schlitze der Nistkästen, um Spatzen abzuhalten. Die ankommenden Mauersegler wollten an den Schlitzen vorbei in das Innere gelangen. Sie waren es gewohnt, immer dort hineinzukommen. Sie brauchten dann einige Zeit, bis sie den anderen Eingang fanden.

 


Jungvogel (Foto Gerhard Hornung)
 

Gerhard Hornung kann durch Aufklappen des Nistkastendeckels gut hineinsehen und Eier zählen und die jungen Vögel beobachten. Einmal fand er einen Mauersegler, der durch die Öffnung eines nicht benutzten Kamins bis in den Keller fiel. Er bemerkte unterhalb der geschlossenen Klappe am sonst sauberen Boden Erde, Staub und Rußteile. Er öffnete die Klappe und sah einen Mauersegler liegen. Er befreite den unverletzten Vogel, fütterte ihn und ließ ihn wieder fliegen.

Friedrich Adolph erwähnte, dass die Vögel 2-3 Eier legen, die bis zu 25 Tage bebrütet werden. Die Weibchen werden dann von den Männchen mit Insekten gefüttert. Adolph hat auch schon Mauersegler beim Trinken im Durchflug beobachtet. Sie flogen an einer Stelle der gestauten Wiese auf die Wasseroberfläche herab, tranken mit weit geöffnetem Schnabel das Wasser und schon sausten sie weiter.

Gefahr durch Renovierungen: Naturschutzverbände weisen immer wieder auf Gefahren hin. Mauersegler sind ausschließlich Insektenfresser, sie finden durch den dramatischen Schwund an Fluginsekten nicht immer ausreichend Nahrung. Da die Mauersegler auch in Hohlräumen von Gebäuden, unter Dachgauben, hinter Regenrohren oder unter Dachziegeln ihre Jungen aufziehen, gehen durch Gebäudesanierungen oder beim Abriss alter Häuser Brutplätze verloren. Klaus Böttger, Vorsitzender der BUND-Ortsgruppe Schopfheim plädiert für den Erhalt von Brutplätzen. Sollte dies nicht möglich sein, zum Beispiel bei Verschluss von Spalten beim Auftragen von Verputz, sollen spezielle Nistkästen aufgestellt werden. Dies hat Gerhard Hornung vorbildlich in die Tat umgesetzt.

Gefahr auch in der Schweiz: In der Schweiz gibt es 1,8 Millionen Bauten. Die Gebäudebrüter leiden unter Wohnungsnot. Iris Scholl, Biologin aus Uster, setzt sich für Mauer- und Alpensegler ein und engagiert sich für die Erhaltung bestehender Kolonien und die Schaffung neuer Brutmöglichkeiten. Ihr Wissen hat sie in der Broschüre „Nistplätze für Mauer- und Alpensegler“ zusammengefasst. Sie ist bei der Schweizerischen Vogelwarte Sempach zu bekommen.

 

Internet
www.vogelwarte.ch
www.bund.net
https://www.vogelwarte.ch/de/voegel/voegel-der-schweiz/mauersegler

https://www.vogelwarte.ch/de/vogelwarte/news/avinews/april-2016/erkenntnisse-zum-seglerschutz-zusammengefasst

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