Textatelier
BLOG vom: 17.01.2022

Fledermäuse – Faszinierend und bedroht

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim

 


Fledermäuse hängen kopfüber an Balken
 

In der Schweiz wurden 30 und in Deutschland 25 Fledermausarten nachgewiesen. Die Fledermäuse sind bedroht. In der Schweiz gelten laut Roter Liste 3 als “vom Aussterben bedroht“, 5 als „stark gefährdet“, 7 als „verletzlich“, 7 als „potentiell gefährdet“ und 4 als „nicht gefährdet“. In Deutschland gelten derzeit nur 2 Arten als ungefährdet. Sehr wichtig ist, dass man die Fledermäuse schützt.

Wie der Bundesverband für Fledermauskunde (BVF) und der Naturschutzbund Deutschland (NABU) berichten, sind einheimische Fledermäuse keine Träger des neuartigen Coronavirus SARS-CoV 2.

Sie haben ein Ortsgedächtnis
Bei einbrechender Dunkelheit verlassen die Fledermäuse ihre Quartiere und machen Jagd auf Insekten. Durch ihre Ortungslaute im Ultraschallbereich haben auch kleinste Beutetiere keine Chance. Die Fledermäuse sind laut dem Fledermausspezialisten Jürgen Gebhard sogar in der Lage bei absoluter Dunkelheit die Distanz, die Richtung, die Form, die Größe, die Struktur und die Eigenbewegung der Insekten wahrnehmen. Sie haben ein Ortsgedächtnis und finden immer in ihr Quartier zurück.

„Batman“ von Basel
Jürgen Gebhard richtete vor vielen Jahren eine Pflegestation auf dem Dach des Naturhistorischen Museums in Basel ein. Im Turmzimmer einer Trafostation unterhielt er die mittlerweile international bekannte Fledermausstation „Hofmatt“. Er wurde für seine Forschungen mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet. Der „Spiegel“ bezeichnete ihn als „Batman von Basel“. Olaf Stampf schrieb: „Bei den promovierten Verhaltensforschern genießt der Autodidakt hohes Ansehen. Er widerlegte eine Reihe von Legenden, die über die fliegenden Säugetiere noch immer in den Lehrbüchern stehen.“
Fledermäuse legen bei ihrer Jagd nach Insekten kilometerlange Flugrouten zurück. Sie suchen sich Winterquartiere in Bergwerksstollen, morschen Baumstämmen, Gebäuden, Felswände mit Spalten, ehemalige Eiskeller (Bierkeller), Höhlen und Tunnels.

Soziales Verhalten
Anlässlich einer Führung vor vielen Jahren in der Kirche der Gemeinde Hasel (Kreis Lörrach) durch Dieter Spinoli, sah ich im Dachgebälk des Kirchenschiffs eine Fledermauskolonie. Es handelte sich um Exemplare des Großen Mausohres. Es ist eine typische Kirchenfledermaus. Sie ist mit gut 40 Zentimeter Flügelspannweite unsere größte heimische Fledermausart. Alle hingen kopfüber an den Dachbalken. „Sie zeigen ein soziales Verhalten. So kuscheln sich in der Wochenstube eng aneinander. Das dient zur Thermoregulation“, wusste Spinoli zu berichten. Während des Besuchs im Sommer rangelten einige Fledermausweibchen in ihrer Wochenstube, die dort ihre Jungen zur Welt brachten, um die besten Hangplätze.

Mausohren in einer Kirche
Jochen Hüttl, Fledermausschützer bei NABU in Lörrach, berichtet von einer großen Anzahl der Nachtschwärmer in der Hasler Kirche. Im Mai 2021 wurden 1284 Tiere gezählt. Wie das Zählen vor sich geht, erklärte Hüttl so: „Mittels Lichtschranken werden die Fledermäuse beim Ab- und Einflug gezählt.“ Die Jagdgebiete der Mausohren liegen 5 bis 15 km im Umkreis der Quartiere. „Jagdgebietsbeobachtungen der Hasler Mausohren gibt es keine. Vor vielen Jahren wurden im Zusammenhang mit der A98-Trasse und naturschutzrechtlichen Fragen Netzfänge gemacht. Dabei wurde ein Hasler Mausohr in der Gegend von Schwörstadt gefangen, das sind Luftlinie 9 km“, berichtete Jochen Hüttl.

 


Fahrnauer Tunnel
 

Fledermäuse im Tunnel
In den 1980er Jahren waren im stillgelegten Hasel-Fahrnauer-Tunnel (Gr0ßherzog-Friedrich-Tunnel) bei Schopfheim 2o Brandversuche geplant. Das Forschungsministerium wollte Erkenntnisse für den Katastrophenfall gewinnen. Es sollten Eisenbahnwaggons, LkWs und Holzkrippen in Flammen aufgehen. Als dies bekannt wurde, gab es massive Proteste verschiedener Naturschutz-Organisationen. Sie fürchteten Gefahren durch Giftstoffe in der Luft und im Grundwasser. Auch wurden Fledermäuse im Tunnel entdeckt, die wohl von der großen Fledermauskolonie in der Hasler Kirche stammten. Die Fledermäuse nutzen ihren Lebensraum im Tunnel als Winter-, Wander- und Zwischenquartier. 1989 wurden die Brandversuche von den Umweltschützern erfolgreich verhindert. 

Infos: Der 3169 Hasler-Tunnel war damals der längste Eisenbahntunnel Deutschlands. Er war Teil der Wehratalbahn Schopfheim – Bad Säckingen. Der Eisenbahnverkehr wurde leider 1977 stillgelegt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Wehratalbahn

Fledermäuse in Nistkästen
Friedrich Adolph von der Vogelschutz-Ornithologische Gemeinschaft Schopfheim hatte kürzlich einen Einsatz an einem frisch renovierten Haus in Schofpheim. 2 Fledermäuse unter einer äußeren Fensterbank hatten einen Ruheplatz gefunden. Als Adolph den Ort inspizierte, war die eine schon davongeflogen. Die andere nahm er in die Hand und fütterte die Fledermaus mit einem geteilten Mehlwurm. Dann flog auch diese davon. Friedrich Adolph hat schon regelmäßig Langohrfledermäuse in Nistkästen in seinem Wald entdeckt.

Hilfen für die Fledermäuse
Fledermäuse haben kaum natürliche Feinde. Aber ihre Bestände sind durch Vernichtung ihrer natürlichen Lebensräume und Reduzierung von Nahrungsquellen bedroht.  Sie kämpfen mit den negativen Folgen einer intensiven Land- und Forstwirtschaft, deren Pestizide ihre Nahrungsgrundlage vernichtet. Klaus Böttger, Vorsitzender der BUND-Ortsgruppe Schopfheim weist eindrücklich darauf hin, dass auch durch Besiedlung, Gebäudesanierungen mit giftigen Holzschutzmitteln und durch den Klimawandel Lebensräume der Fledermäuse verloren gehen. Gartenbesitzer können für Fledermäuse gehörig etwas tun, so z.B. den Garten giftfrei halten, einen Teich anlegen und nektarreiche und nachtblühende Pflanzen anpflanzen. Insekten werden angelockt. Sie stellen die Lieblingsspeise vieler Fledermausarten dar.
Wenn Fledermausquartiere bedroht, die Nachtschwärmer geschwächt und verunglückt sind, sollte man eine Naturschutzbehörde oder einen Fledermausschützer kontaktieren.

 

Internet
https://agf-bw.de/clubdesk/fileservlet?id=1000139
www.fledermausschutz.ch
NABU (Infos zum Thema Fledermaus und Corona – Fledermaus-Telefon):
https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/saeugetiere/fledermaeuse/18829.html
Gefährdete Fledermäuse in der Schweiz (Stiftung Fledermausschutz, Zürich):
https://fledermausschutz.ch/gefaehrdung

Literatur
Gebhard, Jürgen: „Fledermäuse“, Birkhäuser Verlag, Basel 1997.
Scholz, Heinz: „Fledermäuse leben mitten unter uns“, „Badische Zeitung“ vom 29.12.2021.
Stampf, Olaf: „Der Batman von Basel“, „Der Spiegel“, Nr. 38/1997.

 

Hinweis auf weitere Blogs von Heinz Scholz
Genussvolle Plätzchen sind immer beliebt
Wodanseiche: Sie fiel einem Unwetter zum Opfer
Pilz des Jahres 2022: Glücksymbol und Symbiosepartner
Herbstliche Frühlingsgefühle eines Apfelbaums
Vor 100 Jahren wanderte Hemingway im Schwarzwald
Trompetenbaum beeindruckt mit schönen Blüten
Der Tulpenbaum von Elsbeth Stoiber am Albis
Blütenreiche Wiesen mit Teufelskralle und Klappertopf
Gänseblümchen: Tausendschön und Margrittli
Sie war einst die grösste Tanne Westeuropas
Baumpilze schön anzusehen, für Bäume eine Gefahr
Ein Speisepilz, der auch Bäume zerstört
Haareis – ein seltenes Naturphänomen
Die Rote Bete verbessert nicht nur die Ausdauer
Fledermäuse – Faszinierend und bedroht