Textatelier
BLOG vom: 28.10.2022

FRAGESTUNDE

Autor: Wernfried Hübschmann, Lyriker, Essayist, Hausen im Wiesental

 

„Nie sollst Du mich befragen!“, singt Lohengrin. Schade eigentlich. Und Parsifal versemmelt es auch erstmal, in dem er NICHT fragt. Die Kunst des Fragens gehört sicher zu den wichtigsten Fähigkeiten und Fertigkeiten in unserem Leben. Der Schriftsteller Wernfried Hübschmann legt hier einen besonders kniffligen und witzigen Fragebogen in acht Sequenzen vor, der provoziert und zugleich inspiriert. Tja, bisweilen führt das Leben seltsame Interviews mit uns.

Nehmen Sie sich diese „Fragestunde“ – Sie werden es nicht bereuen!

 

I
Bist du überschaubar? Kann man erkennen, wo du anfängst und wo du aufhörst? Bist du vorhersagbar? Kann ich vorhersehen, was du im nächsten Moment tun oder sagen wirst? Ist deine Lieblingsfarbe zufällig Blau? Wenn ja, warum? Wenn nicht, warum? Woran erkennst du im Aufwachen, wer da gerade aufwacht? Mit welcher Hand denkst du, mit der linken oder mit der rechten? Mit welcher Hand spürst du? Mit welchem Finger berührst du etwas Kostbares zuerst? Kann es sein, dass du dir manchmal etwas vormachst, weil du zu viel nachmachst? Wie lautet deine Lebensmethode? Hast du überhaupt eine „Methode“ (also einen Weg)? Welchen Vornamen hättest du gerne? Wo möchtest du begraben sein?

 

II
Kannst du etwas mit dem Wort „Glück“ anfangen? Welches Instrument würdest du gerne spielen können? Ist dir klar, dass du gerade dein nächstes Leben skizzierst? Glaubst du daran, dass es ein „nächstes Leben“ geben wird? Welche Wolkenformationen kennst du? Sind dir auch die Fachbegriffe geläufig: Zirrhus, Cumulus etc.? Welche Figur aus der Ilias steht dir am nächsten? Kanntest du deine Eltern? Kannten deine Eltern dich? Oder haben sie dich nur großgezogen? Welche Länder hast du in deinem Leben bereist? Wie hoch ist der höchste Berg, den du erklommen hast (Achtung: Seilbahnen gelten nicht!) Wie heißt dieses Gebirge? Was hast du gesehen vom Gipfel des Berges aus?

 

III
Welche Sprache sprichst du am besten? Wie viele Blumen kennst du mit Namen? Redest du mit Bäumen? Reden die Bäume mit Dir? Was sagen sie? Glaubst du an Feen, Elfen und Zwerge? Wie oft hast du dir als Kind das Knie aufgeschürft? Sieht man die Narben noch? Bringe die vier Elemente in eine Reihenfolge deiner Wahl! Was ist für dich das „fünfte Element“? Welche Vorstellungen vom Himmel hast du, unabhängig davon, ob du an einen Himmel glaubst? Welche Sternbilder kennst du? Kennst du den Sinn deines Lebens? (Dein Einspruch bei diesem Thema wird vermutlich abgelehnt werden; s. Protokoll S.17 oben) Mit wie vielen ‚m“ schreibt man das Wort „Kummer“? Was war deine Lieblingsenttäuschung?

 

IV
Wie weit in deinem Leben kannst du dich zurückerinnern? Achtung: Ohne zu erfinden oder zu projizieren! Welches ist dein Lieblingsgefühl? Kannst du dein Lieblingsgefühl sachlich beschreiben? Wie viele Tage bist du schon auf der Welt? Bist du schon angekommen? Wie viele Tage möchtest du noch bleiben? Trage deine Wunschzahl hier ein ______ Wenn du zwischen Sein und Bewusstsein entscheiden müsstest … wie würdest du dich entschieden? Kannst du den Unterschied zwischen „dramatisch“ und „tragisch“ erklären? Welches Theaterstück würdest du als Beispiel heranziehen? Welche Planeten interessieren dich am meisten? Und was ist mit der Erde?

 

V
Angenommen, jemand erkläre dich für „verrückt“, was erwiderst du ihm? In welchem Fluss würdest du gerne ertrinken? Gut, ich ziehe die Frage zurück. Ist dir klar, wieviel Leid Freud in die Welt gebracht hat? Bist du bereit, ihm zu verzeihen? Erfinde eine Schulart, die es noch nicht gibt, z.B. eine „Schule der Erinnerung“, eine „Schule des Schweigens“, eine „Schule für soziale Gerechtigkeit“ usf.! Nun, wie lautet dein Vorschlag? Wie heißt dein Lieblingswort? (Achtung: Das Wort „Waldeinsamkeit“ ist schon vergeben, an die Deutschen!) Was ist für dich „Teufelszeug“? Und was „Engelszeug“? Kannst du das bitte etwas näher erläutern? Danke! Wie viele Stellen deines Körpers kannst du gleichzeitig berühren? Mehr als zehn?

 

VI
Hältst du auch die Zahl 42 für die Antwort auf alle Fragen? Hast du das Buch „Per Anhalter durch die Galaxis“ gelesen? Hat es dir gefallen? Welche Abiturfragen würde es in der von Dir gegründeten Schule geben? Gäbe es überhaupt eine Prüfung? Kennst du den Unterschied zwischen „Mediation“ und „Meditation“? Worüber würdest du sprechen, wenn du 15 Minuten Redezeit vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen zur Verfügung hättest? Welches Ereignis in deinem Leben würdest du am liebsten vergessen, schaffst es aber nicht? Falls du ein Buch schreiben würdest, wie wäre sein Titel? Ist dir klar, dass es einen Vornamen gibt, der die dritte und die erste Person Einzahl enthält? (Antwort: ERICH) Welche Blumen machen dich aggressiv? Primeln? Seerosen? Orchideen?

 

VII
Hast du die Kathedrale von Chartres besucht? Falls ja, wie lange ist das her? Hast du schon einmal, die Sicherheitsbestimmungen ignorierend, eine Nacht in der Kathedrale verbracht? Bedeutet Liebe, jemandem dabei zu helfen, sich selbst zu finden oder erfinden? Wie ist es bestellt um deine Fähigkeit zu trauern? Wie lange kannst du ohne Rast wandern? Hast du den „Kleinen Prinzen“ von Saint-Exupéry gelesen? Wie oft? Wie hießen deine Urgroßeltern mit Vornamen? Was ist deine Lieblingstorte? Wieviele Tätigkeiten gibt es, mit denen du sofort aufhören könntest? Was hindert dich? Glaubst du daran, dass die Sterne irgendetwas mit deinem Leben zu tun haben? Was hält dich davon ab, jetzt sofort ans Meer zu fahren?

 

VIII
Bist du dafür, ein “Ministerium für unerfüllbare Träume“ einzurichten? Ist dir auch schon einmal ein komischer „Versprecher“ wie FOLTERKAFFEE rausgerutscht? Wenn du zwischen Gerechtigkeit und Ehrlichkeit entscheiden müsstest, wie würdest du dich entscheiden? Was fällt dir leichter: Jasagen oder Neinsagen? Kannst du Schachspielen? Welche Schachfigur ist dir am sympathischsten? Warum? Ist dir klar, dass dieses Interview live im Radio übertragen wird? Auf welches Konto dürfen wir das Honorar überweisen? (Formular liegt bei) Hältst du es für erstrebenswert, Fragen loszuwerden? Gibt es auch Fragen, die du unbedingt behalten möchtest? Welche? Bitte erstelle selbst weitere Fragelisten!
Ich bedanke mich für deinen Besuch im Fragezelt, deine Zeit und die interessanten Antworten und gebe zurück ins Studio!
(wh 2022)

 

 

Und hier der begleitende Essay Wernfried Hübschmanns:
Kollege Yorrick antwortet nicht
Notizen zur „Fragestunde I-VIII“
Alas, Yorrick! (Shakespeare, Hamlet)

Ob der vorliegende Text ein Essay sein will, ein therapeutischer Fragenkatalog ist oder als verkapptes Gedicht daherkommt, mag gerne offenbleiben. So wie viele der hier gestellten Fragen nicht leicht oder gar unbeantwortbar sind. Jedenfalls nicht in schlichter Kreuzworträtsel-Logik: Fluss in Paris mit fünf Buchstaben. Das ändert nichts am Sinn des Frage-Gestus, dem wir bei Sokrates als Hebammenkunst des Gedankens begegnen, als Frageverdikt in „Parsifal“ und „Lohengrin“ und als phänomenologische Seinsanalyse bei Heinrich Rombach in seiner Freiburger Philosophie-Dissertation „Über Ursprung und Wesen der Frage“ (Alber Verlag) aus dem Jahr 1948.

Die Situation des Fragens ist durch drei Merkmale gekennzeichnet: Erstens gibt es einen Fragenden und einen Befragten (der prinzipiell auch personalidentisch mit dem Fragenden sein kann), zweitens eine geschlossene (mit Ja oder Nein zu beantworten) oder offene Frage (die W-Fragen) und drittens einen Antworthorizont, in den hinein die möglichen Antworten gestellt werden, als Entwürfe und Versuche oder heuristische Interventionen, um weitere Fragen zu generieren. Dabei ist klar: Wer fragt, führt. Der Fragende ist aktiv, steuert als Interviewer den Prozess und treibt ihn mit Nachfragen und investigativem Interesse voran. Der Frager „will es genau wissen“. Oder zieht im Einzelfall eine unangemessene Frage zurück.

Humoristische oder satirische Brech(t)ung der Fragesituation ist dabei hilfreich, damit der existenzielle Ernst nicht zu gewichtig wird wie in Hamlets berühmter „rhetorischer“ Frage an den Schädel des Narren nach Sein oder Nichtsein. Fragen ist nicht nur Mittel zum Zweck. Fragen sind nicht dazu da, sog. „Probleme“ zu lösen. Der Weg vom drängenden Problem zur Lösung führt fast immer über den Zwischenschritt der Frage. Wer in der Lage ist zu fragen, befindet sich bereits im lösungsaffinen und kreativen „Antwortraum“. Die Frage ist ein Erkenntnisinstrument. Wenn das weinende Kind oder der unzufriedene Mitarbeiter auf die Frage „Was ist denn los?“ mit einem Erlebnis und in subjektiver Erzählung antworten kann, sind Entlastung oder Erlösung nicht fern. Und das Prinzip Selbstverantwortung ist nah.

Berühmte Fragebögen kennen wir von Max Frisch, der ein wahrer Fragebogen-Fetischist war. Und natürlich auch über den berühmten FAZ-Fragebogen, den angeblich Marcel Proust zweimal in seinem Leben ausgefüllt hat. Der FAZ-Fragebogen ist noch immer ein famoses Gesellschaftsspiel und Garant für tiefschürfende, scherz- und schmerzhafte Gesprächsverläufe im Freundeskreis.
Das Fragen ist eine „Geste“ im Sinne Vilém Flussers. Sie initiiert einen sozialen Prozess, sie bietet etwas sehr Persönliches an. Das gilt auch für die schriftliche oder symbolische Version des Dialogischen. Yorrick kann nicht mehr antworten. Sein Schädel, den Hamlet ausgebuddelt hat, ist ein stummer und zugleich unerbittlicher Gesprächspartner neben dunklen Erdhaufen. Die in der „Fragestunde“ auf einen Haufen geworfenen Fragen verlangen und verdienen fast alle auch eine Antwort, die Möglichkeit einer Antwort. Und sei es heiteres Erschrecken.

Wir haben die Freiheit, die Antworten morgen wieder über den Haufen zu werfen und den kühlen Tempel der Selbstbefragung erneut zu betreten.

(wh, im April 2022)

Hinweis auf weitere Blogs von Hübschmann Wernfried
FRAGESTUNDE
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DER KRIEG, DAS SIND WIR SELBST
Kolumnen: Neues aus der Hebelstraße, Folge V
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