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BLOG vom 14.08.2019


Die Wegwarte ist Heilpflanze des Jahres 2020

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D

 


Wegwarte
 

Die Wegwarte (Cichorium intybus) war als Heilpflanze fast vergessen. Es ist der Verdienst des Vereins zur Förderung der naturgemässen Heilweise nach Theophrastus Bombastus von Hohenheim (Paracelsus), dass die Wegwarte als Heilpflanze wieder publik wird. Deshalb wurde sie jetzt zur Heilpflanze des Jahres 2020 gekürt. 2009 wurde sie schon als die „Blume des Jahres“ ausgezeichnet.
Am 28.06.2012 wies ich in einem Blog (Heilpflanzen in der Stadt 2: Wegwarte und Zichorienkaffee) auf die Wegwarte hin. Einige Auszüge werde ich in diesem Blog bringen. In unserem Buch „Arnika und Frauenwohl“ (mit Co-Autor Frank Hiepe) widmeten wir der Pflanze ein ganzes Kapitel.

„Die blaue Sonnenbraut“ ist eine schöne Bezeichnung in der Schweiz. Das kommt daher, weil die Wegwarte im Sommer mit einem bezaubernden Blau blüht. Ich bin immer wieder erfreut, wenn ich die auffällige Wegwarte an Wegrändern, Bahndämmen und Ödland erblicke. Sogar an Strassenbegrenzungen und auf Mittelstreifen von Autobahnen findet man die robuste Pflanze. Auch das haben wir als Kinder schon bemerkt: Die Blütenköpfchen sind oft bei Sonnenschein offen. Die mausezähnchenartig gezackten Blüten wenden sich stets der Sonne zu.

Ins Essen gestreut
Im Volksglauben und in Volksbräuchen hatte die Wegwarte einen Stellenwert. So streuten früher Ehefrauen dem Gatten gepulverte Wegwarte ins Essen, um ihn vor Fehltritten zu bewahren. Die Pflanze half auch bei bereits Fremdgegangenen, sie brachte wieder die Liebe des Ehemannes zurück. Werdende Mütter bekamen die Wurzel unters Leintuch, um die Geburt zu erleichtern. Diebe mussten sich vor der Wegwarte ins acht nehmen. Sobald ein Bestohlener eine Wurzel der Wegwarte unters Kopfkissen legte, erschien der Dieb im Traum. In etlichen Märchen tauchte die Pflanze als verzauberte Jungfrau auf, die vergeblich auf ihren Geliebten wartet.

Heilkräftige Wirkungen
„Die Wegwarte wartet auf den, der ihn in seine Hausapotheke einheimsen will, auf jedem Wege“, schreibt Sebastian Kneipp in seinem Buch „Meine Wasserkur“. Er empfahl den Tee bei verdorbenem Magen und Auflagen von Blüten oder Kraut bei Magendrücken und schmerzhaften Entzündungen.
Alfred Vogel empfiehlt in seinem Leberbuch Bittersalate mit Zichorie, Endivie und Löwenzahn für die Leberdiät.
Über 2 Jahrhunderte vorher waren ein Wegwartenblumenwasser bei Augenbeschwerden und „Conservenzucker“ mit Wegwartenblüten zur Herz-, Leber- und Magenstärkung die „Renner“.

Innerliche Anwendung: Tee aus Kraut und Wurzel: Appetitlosigkeit, Galle- und Leberstörungen, Blähungen, Völlegefühl.

Sonstige Anwendung: Die jungen Blätter geben einen vorzüglichen Salat; frisch gehackte Blätter auf Butterbrot gestreut, sind eine Köstlichkeit. Ausserdem lassen sich aus den Wegwartenblättern Gelee und Wegwartenwein herstellen. Aus der Wurzel noch etwas anderes, wie wir sehen werden.

Inhaltsstoffe: Wurzel: Inulin (Ballaststoff, der die gesunde Darmflora stärkt), Bitterstoff Intybin, Gerbstoffe, Harz, Cholin, Chochorin. Die Stoffe wirken verdauungsfördernd, stoffwechselanregend, harntreibend, leberstärkend, galletreibend und appetitanregend.

Wir mussten „Muckefuck“ trinken 
Die Wegwarte erreichte schon während der Kontinentalsperre durch Napoleon I. als Pseudokaffee eine grosse Bedeutung. Da der beliebte Kaffee nicht mehr zur Verfügung stand, hatten einige findige Köpfe nach einem Ersatz gesucht. Diesen fanden sie in den Zichorienwurzeln (Wegwartenwurzel). Durch Röstung entstand der Zichorienkaffee, der natürlich ohne Koffein war und bei weitem nicht an den Geschmack des Kaffees herankam. Aber in Notzeiten – auch während der beiden Weltkriege – wurde er reichlich getrunken. In Gaststätten stand damals oft die Bezeichnung „Deutscher Kaffee“. Es war eine elegante Umschreibung und Tarnung für Ersatzkaffee.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1950er-Jahre konsumierten wir immer wieder den Zichorien- oder Malzkaffee, den wir „Muckefuck“ (franz. „Mocca faux“, „falscher Kaffee“) nannten. Meist wurde der Kaffeeersatz aus Gerste, Malz, Roggen, Eicheln, Bucheckern, Feigen oder den Wurzeln der Wegwarte oder den Wurzeln des Löwenzahns gewonnen. Die bekanntesten Produkte nach dem letzten Krieg waren „Linde´s Kaffee-Ersatz-Mischung“, „Kathreiner Malzkaffee“ und „Caro-Kaffee“(letzterer ist ein Instant-Ersatzkaffeegetränk). Caro-Kaffee, der 1954 auf den Markt kam, wurde aus Gerste, Malz, Zichorie und Roggen hergestellt.

„Erichs Krönung“ 
1976 war Bohnenkaffee in der DDR als Importprodukt kaum zu bekommen. Als dann eine Mischkaffeesorte mit hohem Getreidekaffee-Anteil auf den Markt kam, hagelte es Proteste. Das Produkt wurde spöttisch nach Erich Honecker als „Erichs Krönung“ bezeichnet.

Heute ist der Ersatzkaffee wieder im Kommen. In Naturkostläden und Reformhäusern wird ein solches Produkt angeboten, weil er bekömmlicher ist und kein Koffein enthält. Wir trinken heute gerne ab und zu den sehr schmackhaften A. Vogel Früchte- und Getreidekaffee aus Zichorie, Feigen und Getreide von Bioforce AG (Bambu).

Anmerkung: Von der Wegwarte gibt es 2 Zuchtformen: die Variante „sativum“, die Kaffeezichorie und die Variante „foliosum“ mit den Unterarten Chicorée, Radicchio und Zuckerhut.

 


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