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BLOG vom: 24.02.2010

Brown: Impfstoff gegen Tyrannen, ob klein oder gross

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
In den letzten Tagen hat Gordon Brown, Englands Prime Minister, wiederum eine Pressepanne erlitten. Er sei ein Wüterich und Tyrann – auf Englisch ein „bully“ –, der seine Untergebenen, in Stress versetze, wurde behauptet. Christine Pratt, die Leiterin der „National Bullying Helpline“, soll eine Handvoll Klagen von Browns Angestellten in seinem Sekretariat an der 10 Downing Street erhalten haben. Dies geschah ausgerechnet kurz nach seinem Fernsehauftritt, worin er seine „menschliche Seite“ offenbarte. Jetzt, wo die Wahlen in England näher rücken, werden politische Hiebe rechts und links ausgeteilt. Die Opposition weidet dieses Thema aus. Es ist nicht das 1. Mal, dass dem Premier Wutanfälle angekreidet werden, wonach er Geschosse, seien es Schreibgeräte, Zeitungsstapeln u. a. m., um sich werfe und sein Personal anfauche. Brown habe ein ausgesprochen tumultuöses Temperament, heisst es. Das ziemt sich nicht für den Premierminister, der einen kühlen Kopf bewahren sollte, selbst und dies besonders bei widrigen Umständen. Die meisten Wutanfälle werden von Bagatellen ausgelöst. Selbst eine dumme oder ungeschickte Frage kann solche auslösen.
 
Die einst anerkannt guten Manieren in England verflüchtigen sich wie aufgescheuchte Tauben. Aber das beschränkt sich keineswegs auf England: Kleine und grosse Tyrannen gibt es überall – in Schulen, Büros, im Strassenverkehr. Die Tyrannen haben ein Arsenal von Einschüchterungstaktiken, womit sie auf ihre vermeintliche oder angemasste Vormachtstellung pochen, begonnen mit Fluchen und Beschimpfung von Untergebenen. Schlimmstenfalls erfasst der Tyrann seinen Widersacher beim Kragen, wird tätlich. Solche Leute bekritteln ihre Angestellten gern öffentlich, stellen sie bloss. Nicht jedermann erduldet solchen Missbrauch. Es kommt zum Bumerang-Effekt. Oft verpuffen solche Tobsuchtanfälle nach kurzer Zeit, wenn immer sich die Vernunft mit Spätzündung meldet.
 
Wir alle sind solchen Tyrannen immer wieder ausgesetzt. Es gibt einen Impfstoff gegen solche Aggression: Ihr die kalte Schulter zeigen, entschärft sie leicht. Damit wird der Tyrann wortlos kalt gestellt. Wer ihn mitleidig belächelt, bestraft ihn. Er wird nicht ernst genommen. Wer sich hingegen heftig empört, liefert dem Tyrannen eine vergrösserte Angriffsfläche. Er wird beim nächsten Angriff noch gröber beleidigt. Was tun, wenn der Tyrann gleichzeitig der Vorgesetzte ist? Sollte das Opfer klein beigeben? Mir ist es versagt – genauer: mein Stolz verhindert es –, Beleidigungen mit zerknirschter und reumütiger Miene einzustecken. Schon während der Schulzeit vermochte ich dies nicht. Gegen ungerechtfertigte Zornesausbrüche zücke ich die Grobfeile des Sarkasmus, die auch sonst – etwa beim Anprangern von Missständen – sehr nützlich sind. Die Feinfeile – die Ironie – ist ebenfalls ein taugliches  Instrument, aber nur wirksam, wenn der Gegner kein dickes Fell hat.
 
Ich gestehe: Auch ich habe ein kräftiges Temperament und gerate leicht in Aufruhr. Aber über die Jahre habe ich gelernt, mein Temperament zu drosseln. Ich zwinge mich zu Gleichmut und lasse mir nicht mehr anmerken, wie es in mir brodelt. Und noch etwas: das Temperament ist mein Ventil zur Begeisterung geworden, begonnen mit Gaumenfreuden, Barockmusik u. a. m. Kein „Bully“ verdirbt mir die Freude. Ich glaube, solche Genüsse bleiben ihm fremd. Das ist meine Genugtuung und hält mir manchen Rüpel vom Leib.
 
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