Geist über Materie?
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
Die englische Redensart “mind over matter” kann behelfsmässig mit “Geist über Materie” übersetzt werden. Wieweit kann der Geist im Alltagsleben die Materie beeinflussen? Der Geist allein genügt nicht. Zu ihm muss sich der Wille gesellen. Der Bildhauer muss dem Geist mit dem Meissel nachhelfen. Sein Geist durchdringt die Materie, will sagen den Marmor, woraus er sein Werk schöpft und verwirklicht.
Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass die Materie störrisch und tückisch ist. Sie lässt sich nicht einfach vom Geist bezwingen. Mit Starrsinn kommt man ihr nicht bei. Wer das einsieht, wechsle diese Materie mit einer gefügigeren aus, die seinen Geist nicht überfordert. Der Geist ohne vertiefte Kenntnisse der Materie, gekoppelt mit Talent, ist zweck- und sinnlos.
Jahrelang übte ich mein Geigenspiel und plagte mich mit Jacques Féréol Mazas und Rodolphe Kreuzer Etüden, bis ich meine Grenzen erkannte. Erst dann erweckten einfachere und für mich spielbare Kompositionen meine Freude am Violinspiel im Kreis von Amateuren. Am liebsten spielte ich für mich allein, ohne Zuhörer.
Wer im Spielfeld seiner prioren Fähigkeiten bleibt, was ich immer wieder in meinem Umfeld beobachtete, vermehrt seine Lebensfreude. So sage ich, “Schuster bleib bei deinen Leisten”. Das Leder ist seine Materie. Die Grundmaterie ist in allen Berufen zugegen und zugänglich. Dieses Wissen erspart viel Frust im beruflichen Werdegang. Wen es zum Höhenflug des Geistes drängt, soll seinem Drang folgen, bis ihm die Flügel wachsen. Nur sollte er sich dabei nicht zermartern. Jeder ist der Meister seines Geschicks. Wenn ihn ein fähiger Lehrmeister dabei unterstützt, hat er Glück.
Dieses Glück verdanke ich zwei meiner Deutschlehrer, die mich zum Schreiben ermunterten. Das beschäftigt mich bis auf den heutigen Tag. Die Materie regt und stupft den Geist. Beide sind gleichberechtigte Zwillinge und bedingen einander, wenigstens für mich.
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