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5. Ausgabe www.textatelier.com 27. 01. 2003

Deutschsprachiger Ghostwriter

"Den Textatelier-Rundbrief Nr. 4 finde ich wiederum sehr informativ und ausgezeichnet (...). Auch für das Wort Ghostwriter könnte man eine deutsche Bezeichnung suchen. Dies wird schwierig sein, weil sich das Wort etabliert hat und es jedermann versteht", schrieb uns Heinz Scholz aus D-79650 Schopfheim [1]. Er fügte noch bei: "In den meisten Publikationen benutzen die Autoren Fremdwörter. Entweder wollen die Autoren damit kundtun, wie hochgebildet sie sind oder machen sich nicht die Mühe, ein deutsches Wort zu finden. Und ob die Leser die Anglizismen verstehen, steht auf einem anderen Blatt." Und wenige Stunden später reagierte Rita Lorenzetti, CH-8005 Zürich, auf unsere Umbenennung des "Newsletters" in "Rundbrief" ähnlich: "Wann findest Du einen neuen Begriff für Ghostwriter??".

Die Anregungen sind berechtigt, begründet: Da haben wir bereits viel Anglizismen-Schrott unter der Löschtaste begraben, aber der Ghostwriter hält sich hartnäckig. Diesbezüglich scheiden sich unsere Geister also nicht. Tatsächlich hatte ich schon von Anfang an nach einem deutschen Ausdruck gefahndet und den englischen Ausdruck wörtlich übersetzt: Geisterschreiber. Aber das geht nun mit dem besten Willen nicht, und ich habe den Geist bald einmal aufgegeben...

Wahrscheinlich besteht das Problem darin, dass man das englische Wort nicht mit Geistschreiber, sondern eben mit Geisterschreiber übersetzt; dies tut jedenfalls auch des neue "Deutsche Universalwörterbuch" von Duden. Die Übersetzung wird mit dieser Erläuterung garniert: "Autor, der für eine andere Person, meist eine bekannte Persönlichkeit, schreibt und nicht als Verfasser genannt wird." Selbstverständlich wäre auch die erwähnte Übersetzung im Singular möglich und korrekt: Geistschreiber. Aber beide Formen haben ihre Tücken:

Geisterschreiber erinnert an Geister im Sinne von Gespenstern. Solch ein fliegendes, schmunzelndes Gespenst mit Federhalter und Feder, von der Tinte verspritzt wird, hat Sonja Burger dynamisch für unsere Textatelier-Einstiegsseite im Internet geschaffen (man beachte, dass ich das Wort Homepage elegant vermieden habe). Bei dieser Art von Geistern dominiert das Spukhafte, was zwar ein lustiger und keineswegs unangenehmer Nebeneffekt ist, die Sache am Rande sehr wohl, aber doch nicht exakt genug trifft.

Geistschreiber wiederum hat allein einen Bezug zum denkenden Bewusstsein, zur Verstandeskraft, die ja beim Schreiben immer vertreten sein sollten, ob man es für sich selber oder andere tut. Das Wort sagt fast nichts aus.

Zwar hat das englische Ghost genau wie das deutsche Geist eine Doppelbedeutung: Geist (im Sinn von Gehirn-Inhalt) und Gespenst, aber weil man die englische Form im Zusammenhang mit dem Ausdruck Ghostwriter im der Einzahlform stehen lassen kann, bleibt die doppelte Bedeutung ohne weiteres erhalten, und damit ist es gegenüber den beiden möglichen deutschen Übersetzungen eindeutig im Vorteil. Die letzteren gibt es im Prinzip gar nicht, ebenso existiert kein deutsches Wort für Wortkünstler, die für andere formulieren: Das "Oxford-Duden Grosswörterbuch Englisch" übersetzt "Ghostwriter"schlicht und richtig mit "Ghostwriter" in die deutsche Sprache.

Zwar ist das Ghostwriting keine US-amerikanische Erfindung. Wie in unserem erläuternden Text "Ghostwriter: Schreiber im Schatten" ausgeführt, gab es Schreiber in allen Kulturen, schon im Alten Ägypten. Aber in den USA ist das Ghostwriting wesentlich verbreiteter als bei uns; die Schreiber sind angesehen und sehr gut bezahlt. Deshalb ist auch der englische Ausdruck besser eingeführt. Sogar berühmte Bestseller-Autoren wie der Kriminalroman-Spezialist Tom Clancy ("Die Jagd auf Roter Oktober", "Das Echo aller Furcht" [2], von Phil A. Robinson unter dem Titel "Der Anschlag" verfilmt) lassen schreiben, um die übergrosse Nachfrage befriedigen zu können; einer von Clancys "Ko-Autoren"ist der Psychiater Steve Pieczenik. Clancy liefert seinen Wortschmieden bloss den Handlungsverlauf und liest hinterher das Manuskript, bringt allenfalls noch Änderungen an und setzt seinen Namen dazu, der dann Millionenverkäufe garantiert. Darin liegt die Erklärung für die unwahrscheinliche, ja übermenschliche Produktion, die einige Erfolgsautoren an den Tag legen.

Dies geht manchmal so weit, dass Autoren über den eigenen Tod hinaus schriftstellerisch tätig sind. Das ist zum Beispiel beim Bestsellerautor Robert Ludlum der Fall, der im Frühjahr 2001 gestorben ist. Sein Verleger (Matthew Shear von St. Martin's Press) lässt seit unter Ludlums Namen weiterschreiben, und die Leser sind begeistert, dass immer weitere Werke wie "Paris Option" zum Vorschein kommen. Schon zu Lebzeiten hatte Ludlum für sich schreiben lassen; so ist "sein" Werk "Hades-Faktor" in Tat und Wahrheit jenes von Gayle Lynds.

Die Weiterführung der englischen Ausdrücke Ghostwriting (und Ghostwriter) drängt sich fürs Textatelier auch deshalb geradezu auf, weil wir häufig von Suchmaschinen gefunden werden (in England findet man uns unter "Ghostwriting in German language"), weil Internetnutzer in der Regel nach diesen suchen. Wir würden die Trefferquote also drastisch reduzieren, würden wir diese etablierten Ausdrücke vermeiden. Damit kann das Denglisch (diesmal im Sinne eines englischen Wortes, das in die deutsche Sprache Einlass fand) einen weiteren Punkt für sich buchen. Manchmal gibt es kein Entrinnen. Wir gratulieren und kapitulieren.

In all sincerity and sincerely

Walter Hess, text workshop

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[1] Ein Anglizismen-Beispiel aus dem Scholz-Brief: "Als kürzlich unser 2 ¼ Jahre alter Enkel Manuele einen Katalog durchsah, zeigte er auf einen Jungen mit einem Skateboard. 'Das ist ein Skateboard', bemerkte meine Frau. Der Kleine wusste es besser und sagte: 'Das ist ein Rollbrett'. Schliesslich hat er diesen Begriff von seinem Opa bekommen, ebenfalls die Bezeichnung Rollschuhe. Heute kennt er beide Begriffe, denn sein leistungsfähiger 'Computer', sprich Gehirn, speichert blitzschnell alles auf , und das Gespeicherte ist jederzeit abrufbar. Er wächst übrigens zweisprachig auf (sein Vater ist Italiener). – Im Katalog für Kinderspielzeug sind unglaublich viele Anglizismen wie beispielsweise Barbie Plüsch Pose-me Pets, Fashon Polly Hip & Schick Laufsteg, Springseil Swirly, Gowi Giant Truck, Sprungball Super Rainbow, New Sports Sicherheitsdartspiel, Step-Fun, Super Soaker XP-Backfire (eine Wasserpistole), Trac-Liner Serri Soft, mit ABEC 5 Kugellager, Bold-Buddys-Rollen (Rollschuhe).
[2] Im Krimi "Das Echo aller Furcht"“ geht es um die Frage, ob Terroristen auf amerikanischen Boden eine Massenvernichtungswaffe zum Einsatz bringen könnten, die mit Ja beantwortet wird.

* * *

"Lächerliche sprachliche Anbiederung"

Die Sprache ist ein "Kulturheiligtum", schrieb Dr. Gisela Spiess (Hurstbrunnenstrasse 15, D-79117 Freiburg i. Br.) in der "Badischen Heimat" 2-2001, und sie apostrophiert darin in markanter Art die "unverständliche Anbiederung an die grosse Weltmacht Amerika". Damit mache man sich nicht nur lächerlich, sondern es geschehe noch etwas viel Schwerwiegenderes: "Wir tragen auf diese Weise dazu bei, dass es sich für Ausländer bald nicht mehr lohnt, Deutsch zu lernen". Sie fügt bei, den Deutschen scheine jede Selbstachtung abhanden gekommen zu sein, eine Entwicklung, welche die Sprachwissenschaftlerin treffend als "dumm und zugleich beschämend" bezeichnet. Ausländische Touristen, welche das deutsche Denken und die deutsche Kultur kennen lernen wollten, schüttelten nur den Kopf. In England oder Amerika begrüsse kein Hotel einen Deutschsprachigen mit "Willkommen".

Zwar gebe es Fremdwörter, griechische, römische, französische usw. und nun auch englische, gegen deren Gebrauch absolut nichts einzuwenden sei, wenn sie etwas prägnanter und knapper ausdrücken als wir es mit einem deutschen Wort könnten (siehe Ghostwriter): "Aber muss man einen Schwarzwald unbedingt 'black forest' nennen, Kinder 'kids', eine Fahrkarte 'ticket'usw.?" Andere Kulturräume seien sprachbewusster: "Für die Franzosen ist der Computer ein ordinateur, die Schweden sagen data (dator), die Isländer tölva, was übersetzt eine Zahlenhexe wäre. Alle europäischen Völker, ob Franzosen, Spanier, Isländer, Finnen, Norweger usw., bemühen sich darum, ihre Sprache zu bewahren, indem sie neu auftauchende Begriffe nicht blindlings übernehmen, sondern versuchen, griffige Bezeichnungen in ihrer Sprache zu finden – mit Ausnahme der Deutschen (und vielleicht noch der Italiener, den beiden Verlierern des 2. Weltkrieges): Fehlt es den Deutschen bereits an geistiger Wendigkeit und Schöpferkraft?"

In der deutschsprachigen Schweiz ist es leider nicht anders, muss man beifügen. Aus den Milchverarbeitungsbetrieben "Toni" und "Säntis" wurde "Swiss Dairy Food" (Schweizer Molkerei Futter). Solch idiotische Namen sind eine aktive Sterbehilfe für ganze Unternehmen.

Das gebildete Volk der Isländer galt lange als ein Vorbild in Bezug auf die Erhaltung der Landessprache. So gibt es dort ein spezielles Institut, das fremdsprachige Wörter sammelt, um isländische Entsprechungen z.B. für neu entwickelte Gegenstände und Ideen zu finden. Doch im Geschäftsleben und im Alltag ausser Hause nimmt das Amerikanische seit einiger Zeit auch in Island überhand, ein Identitätsverlust auch dort. Die Sprache des Geldes, des Handels und der Kinderkultur überlagert und vernichtet immer mehr lokale Eigenarten. Das wird durch die Globalisierung beschleunigt, dieser neuen Form von Kolonialisierung und einfältiger Unterwerfung.

Walter Hess

Hollywald

Auf einer Wanderung von Niederlehen (Gemeinde Bernau) zum Blössling im südlichen Schwarzwald bemerkte ich eine unglaubliche Landschaftsverschandelung: Auf einer Hangwiese wurde das mit riesigen weissen Buchstaben zusammengesetzte Wort BLACKWOOD à la HOLLYWOOD installiert. Für jeden Naturfreund dürfte dieses Schild ein Ärgernis ersten Ranges gewesen sein und bei jedem US-Amerikaner wahre Freudenschauer hervorgerufen haben. Aber einen Vorteil hatte ein solches Wortgebilde: Nun wusste jeder englischkundige Gast, dass er sich im Schwarzwald befand. Auch Fotofreunde dürften Freudensprünge gemacht haben, wenn sie ihre Liebsten mit einem solchen ausgefallenen Hintergrund ablichten konnten ("langweilige" Schwarzwaldlandschaften als Hintergrund gibt es ja genug!). – Ich bin überzeugt, dass umgekehrt niemand in Amerika auf die Idee käme, vor einem herrlichen Nadelwald ein SCHWARZWALD-Schild in Positur zu setzen. Das schaffen nicht einmal die Deutschamerikaner!

Nach einer Rücksprache mit der Touristikmanagerin von Bernau wurde der Sachverhalt aufgeklärt. Das Wortgebilde wurde von Jugendlichen nach mühevoller Arbeit in der Walpurgisnacht in die Landschaft gestellt und blieb bis August 2002 dort. Wie die Managerin betonte, trafen etliche negative Reaktionen ein, und nach ihren aufklärenden Worten waren die Beschwerdeführer jeweils wieder friedlich gestimmt. Nun haben alle wieder einen ungestörten Blick auf die Schwarzwaldberge. Und in Bernau erinnern höchstens noch Kinoplakate an Hollywood.

Heinz Scholz

* * *

Wege zum dichterischen Ruhm

Post im Briefkasten des Textateliers: Ein Tübinger Student hatte ergründen wollen, was es mit dem Ghostwriting auf sich hat, suchte bei www.google.de und stiess als 4. Hit auf unsere Homepage: "Das klang nach etwas. Die sagen nicht nur, sondern machen etwas", dachte er sich. Und daraus entstand der folgende Briefwechsel, der hier im Einverständnis mit unserem jungen Nutzer und Lyriker wiedergeben werden soll.

Geräusche am Morgen

Wie schön, wie wirklich anders müssen klingen,
All diese Töne, die ihr mir beschreibt.
Die vielen Vögel, mit den bunten Stimmen.
Wie alles macht sich für den Tag bereit.
Nur eure Stille, die ihr stets betont,
Ist für mich nur alltäglich und gewohnt.
Denn jener Weg von mir zu einer Taube,
Ein Buchstabe hin oder her entfernt,
Ist nicht bereit. Was ich nicht wirklich habe,
Ist meine eig'ne furchtbar laute Welt.

Stefan-A. Bagdi

Von der Homepage erschlagen

Lieber Herr Hess,

Mal wieder bin ich total erschlagen. Diesmal gleich aus mehreren, jedoch zusammenhängenden Gründen.

Zum einen finde ich die Homepage des Textateliers sehr spannend, interessant, inspirierend, aber eben auch erschlagend. Ich habe mir noch nicht die nötige Zeit genommen, um all die Schätze darin zu bergen, aber bereits was ich gesehen habe, lässt mich hoffen. Hoffen, dass der andere Grund, warum ich erschlagen bin, vielleicht doch nicht so weit hergeholt ist.

Ich bin ein relativ junger (27) Pharmazie-Student aus Tübingen mit anscheinend vielen Talenten, und wohl noch viel mehr Widersprüchen und erlebten Geschichten. Ich bin in Rumänien aufgewachsen, lebe aber seit 1986 in Deutschland. Somit bin ich eigentlich dreisprachig; dank eines einjährigen, die englische Sprache verfliessenden Aufenthaltes in den USA. Aufgezogen mit logischen Problemen meiner Mathematiker-Eltern, aber auch sonst eher naturwissenschaftlich orientiert, habe ich erst in der Oberstufe meine Sympathien fürs Schreiben und Dichten entdeckt. Seit 1993 habe ich an die 50 Gedichte, einige Geschichten und jede Menge Briefe und E-Mails geschrieben. Es scheint aber so zu sein, dass ich auch beim Erzählen eine gewisse Befriedigung erfahre. Nachdem mich nun schon etliche Freunde, vielleicht nicht ganz ernst genug, dazu ermuntern, meine Geschichten in eine kompakte, gebundene Form zu bringen, frage ich mich nun, ob und wie das sinnvoll gehen könnte.

Ich zweifle durchaus daran, dass meine Erfahrung ausreicht, ein solches Projekt zu realisieren. Trotzdem schreibe ich eigentlich vor allem, um meine Empfindungen mit anderen zu teilen. Jetzt stellt sich die Frage, ob es eine Form gibt, in der ich meine Erlebnisse schildern kann. Natürlich nicht nur die Guten. Da meine Gedichte normalerweise einer Person gewidmet sind, ich aber diese gerne miteinbauen würde, wäre es zuerst sehr interessant zu wissen, ob man sie auch als Aussenstehender ausreichend nachempfinden kann.

Meine furchtbar einfach-komplizierten Fragen lauten also: Was braucht man denn so alles an Geschichten, Gefühlen, eben an Stoff für interessante Memoiren? Wird alles Interessante gelesen, oder muss man vorher schon berühmt sein? Halten Sie die angehängten Kostproben für gesellschaftsfähig? Oder ist es nur Hobbyprosa eines Dilettanten; persönlich wertvoll, aber für andere unbrauchbar und unverständlich?

Ich entschuldige mich für die sicher ungewöhnliche Anfrage und danke Ihnen sehr für die geopferte Zeit. Sollte ein gewisses Interesse aufkeimen, so würde ich mich über ein wenig Schützenhilfe freuen. Natürlich hätte ich dann einige Fragen bezüglich Machbarkeit, Aufteilung der Arbeit in meine und Ihre, sowie auch wegen Honorar und dergleichen.

Wie richtig Ihre Adresse für derart Fragen ist, weiss ich, ehrlich gesagt, nicht. Ich habe einfach mal irgendwo angefangen und hoffe von hier irgendwie weiterzukommen.

Mit schmunzelnden Augen und gespitzten Lippen

Stefan-A. Bagdi
Böhleswasenweg 4
D-72555 Metzingen

Der Wintermantel

Ein Auge blickt zurück, und weint in Trauer
um all die Zeit und all das Glück verloren.
Ein halbes lacht, der Rest ist mit dem Weg bemüht.
Wie kannst du da noch sehen, wohin dein Weg dich führt?
Wie kannst du all das Leben, was dir am Wegesrand passiert,
geniessen? Warum ist es so schwer zu handeln,
wie der Instinkt es einem rät? Mit allem was ich hab
nach vorne schauen, auf das was da noch kommen mag,
und mir und dir gefällt.

Ein Bund, der keine Heimat ist, belastet mehr und mehr,
und deine Bürde, die du tragen willst, wiegt schwer.
Wo denkst du, bleibt noch etwas Platz für deine Würde,
und deinen Stolz, gar deine Schönheit oder nur dein Glück?
Das Weiss, das einst für Liebe stand, in dem du schworst
den Bund fürs Leben, ist nun schon lang erkaltet.
Ein Panzer ganz aus Eis umgibt dein Herz, und deine Schärpe
ist jetzt Schnee, der alles Land um dich herum bedeckt,
so weit das Auge reicht.

Wie kann ein Frühling voller Blumen und voller Wärme
gerade dort entstehen, wo tiefster Winter herrscht?
Vergiss-Mein-Nicht und Rosen, und Tulpen und viel mehr,
Sie alle brauchen deine Wärme. Wie lange willst du,
kannst du sie verwehren? Dein Schnee lässt alles grau
und formlos wirken. Wann bringst du ihn zum Schmelzen?
Wann gönnst du deiner Seele die Schönheit die sie braucht?
Den Winter kennst du viele Jahre. Wie lange kennst du schon
den Frühling um ihn zu Recht zu fürchten?

Den längsten kalten Weg, hast du zum Ziel erkoren.
Nach vorne schaut ein halbes Herz, entmutigt.
Ein kleines Mädchen sucht sein Glück, inmitten jenes Sturmes,
der seinen Kopf, vor allem aber auch, sein Herz beherrscht.
Und seine Sinne, damit auch seine Sinnlichkeit, sind tief verborgen,
versteckt vor Wind und Kälte, die es umarmen, die es kleiden.
Doch in dem Dunst, im Schneegestöber, taucht eine zarte Hand,
sie sucht nach dir und bietet an, dich festzuhalten,
damit du diese Jahreszeit verlässt.

Stefan-A. Bagdi


Profane Absatzmärkte für Lyrik und Prosa

Sehr geehrter Herr Bagdi,

mit Freude habe ich Ihrer E-Mail entnommen, dass Sie in unser virtuelles Textatelier geraten sind und sich im "erschlagenen" Zustand etwas umgesehen haben. Bei der Konsultation unseres textatelier.com-Logbuches bin ich immer wieder erstaunt, aus wie vielen Universitäten wir täglich angewählt werden; offenbar sind wir bei Studenten und Lehrern sehr beliebt. Wahrscheinlich ist das auf unsere unkonventionellen Haltungen und ausführlichen Darlegungen im grösseren Zusammenhang zurückzuführen; wir schwimmen gegen den Strom, nicht um aufzufallen, sondern weil wir die Laufrichtung des Hauptstromes in der Regel als verkehrt empfinden.

Doch nun zu Ihrem Anliegen. Ihre Frage reduziert sich im Wesentlichen darauf, wie es Ihnen denn möglich sei, Ihre Lyrik und Prosa an den Leser zu bringen. Das ist eine zentrale und grundsätzliche Frage, die ich schon mit verschiedenen Publizisten und Schriftstellern besprochen habe und die sicher alle Menschen bewegt, deren eigene Manuskripte sich in Ordnern oder auf Festplatten stapeln beziehungsweise ansammeln. Gerade in den letzten Wochen hatte ich einen entsprechenden Briefwechsel mit einer Lyrikerin, so dass mir das Problem einigermassen vertraut ist.

Jeder Dichter und Schriftsteller möchte berühmt werden, ein Riesenpublikum nach Harry-Potter-Stil finden, jeder Maler möchte in die Geschichte eingehen. Daran ist nichts auszusetzen; das beflügelt zu höheren Leistungen. Es gibt ausser dem Anstreben von überdurchschnittlichen Leistungen in jeder Beziehung kein bewährtes Erfolgsrezept. Oft hat der Zufall den grössten Einfluss.

Ich möchte Sie nicht demoralisieren – doch es muss gesagt sein: Lyrik und schöngeistige Literatur bei einem einschlägigen Verlag unterzubringen, ist heutzutage so gut wie unmöglich, jedenfalls für "namenlose" Jungautoren. Die Verlagslage ist desolat, wie Verlagsverkäufe, -umbauten und Schrumpfungsprozesse selbst bei renommierten Verlagshäusern ohne weiteres erkennen lassen. Erbauungsliteratur und Lyrik seien kaum bis überhaupt nicht abzusetzen, sagte mir ein Buchhändler kürzlich; Sachbücher und Ratgeber erfreuen sich gerade eines etwas besseren Schicksals.

Im Prinzip wird zurückhaltend nur gedruckt, wenn erfahrungsgemäss ein gewisser Absatz garantiert ist, weil ein bekannter Name dahintersteht oder die Thematik brennend ist, sozusagen eine "starke Marke" vorhanden ist. Es bliebe Ihnen unter solchen Auspizien nur die Möglichkeit, ein Büchlein auf eigene Kosten drucken zu lassen und im Selbstverlag zu vertreiben. Dann aber ist es schwierig, in die Buchhandlungen zu kommen; Sie profitieren dann eben nicht von den üblichen Verlagswerbekampagnen und riskieren, dass ausser Spesen nichts werden wird.

Aber es gibt heute zum Glück die Möglichkeit des elektronischen Publizierens; damit befasst sich bereits ein spezieller Arbeitskreis (www.akep.de); er besteht aus einem Verleger-Ausschuss im Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. (www.boersenverein.de). Dort ist festgestellt worden, dass E-Publikationen bereits zum Standard in fast allen deutschen Verlagen gehören. Bei 2/3 der Unternehmen sei auch die Erlössituation in diesem Bereich "ausgewogen oder gewinnträchtig", sagte der Sprecher des AKEP, Arnoud de Kemp, im Herbst 2002. Und weiter: Künftig werde es immer mehr Online-Angebote nur noch gegen Bezahlung geben. Das Internet bringe für die Verlage neue Angebotsformen, die "personalisiert und flexibel" auf die Kundenbedürfnisse zugeschnitten seien. Die Ausgangssituation deutscher Unternehmen bezeichnete de Kemp als "gut". Sie verfügten über eine "anerkannte Kompetenz", die für die Qualität der Angebote bürge.

An Ihrer Stelle, Herr Bagdi, würde ich mich bei einschlägigen Verlagen nach den entsprechenden Bedingungen erkundigen. Es wäre nett, wenn Sie uns später Ihre Resultate und Erfahrungen gelegentlich zuhanden unserer Nutzer mitteilen würden.

Die Frage nach der Qualität Ihrer Arbeiten, von denen Sie mir 6 Proben beigelegt haben – 3 Gedichte sind hier publiziert –, will ich nur rudimentär und unverbindlich beantworten, zumal ich kein Literaturkritiker bin: Die Gedichte heben sich deutlich über das landesübliche Mass ab, entbehren zwar oft der Leichtigkeit, vermitteln aber ansprechende Bilder und Gefühle in kunstvoller Präsentation. Diesbezüglich haben Sie offensichtlich Talent. Die Prosatexte haben mich etwas weniger überzeugt; diese müssten noch etwas ausgebügelt werden; sie sind schnell hingeworfen, aber nicht ausgefeilt. Doch alles in allem spürt man daraus Ihren Weitblick, auch in der Einzelheit, und zudem werden Ihre Sprachentalente erkennbar. Es liegen für Sie noch viele Entfaltungsmöglichkeiten drin, wenn Sie alle Ihre Fähigkeiten einbringen und schreiben, lesen, schreiben, lesen, schreiben... Das ist eine lustvolle Tätigkeit, die einen weiterbringt, den Musenküssen entgegen. Meine besten Gedanken entwickeln sich beim Schreiben. Und auch Sie empfinden beim Schreiben Befriedigung – das ist ein schöner Lohn, einer der schönsten überhaupt.

Alle Beobachtungen haben allerdings gelehrt, dass sich auf dem Markt nicht einfach das qualitativ Hochwertigste durchsetzt. Beispiele, um diese Feststellung zu untermauern, liegen auf der Hand. Nicht Leute, die mit einer modulationsfähigen Stimme gesegnet sind und am besten wunderschöne Lieder singen, stürmen die Hitparaden, sondern meistens US-Stars, die mit einem gigantischen Marketing der Menschheit aufgezwungen werden. Und nicht der intelligenteste Amerikaner wird Präsident. Ganz allgemein setzt sich ja die US-Banal-Kultur nicht etwa deshalb zunehmend durch, weil es die erstrebenswerteste und intelligenteste wäre, sondern weil sie dank ihres abgrundtiefen Niveaus überall verstanden und aus allen Lautsprechern penetrant verbreitet wird. Das Hochwertige, Individuelle, Einzigartige wird schonungslos niedergewalzt. Es ist ja auch nicht so, dass die französische oder eine der chinesischen Küchen zum Inbegriff des Globalfrasses geworden wären, sondern die langweilige Hamburger-Kultur hat es geschafft, die nicht einmal aus Norddeutschland kommt... wobei diese allerdings den Höhepunkt hinter sich zu haben scheint: McDonald's-Aktien sind kein gefundenes Fressen mehr.

Sie müssen also "entdeckt" werden; wenn der literaturpäpstliche Marcel Reich-Ranicki Sie am Fernsehen öffentlich lobt, haben Sies geschafft!

Honorarfragen stellen sich für Schreiber vorerst nicht. Das Dichten ist ein brotloser Beruf, ein Hobby neben Ihrer Pharmazeuten-Tätigkeit. Zuerst müssen Sie froh sein, wenn Sie einen Weg finden, um überhaupt etwas unter die Leute zu bringen, ohne gross drauflegen zu müssen; in der Apotheke sieht das zum Glück anders aus... Das Textatelier wäre nie auf diesem Stand, wenn von unserem Personal nicht Tausende von Stunden Fronarbeit geleistet worden wären und noch immer werden. Es braucht schon einen enormen Einsatz, bis man nur schon zur Kenntnis genommen wird – aber mit der Zeit kommen die Lorbeeren. Ihren Brief zähle ich dazu! Hart arbeiten, das Beste geben und durchhalten! Der Weg zum Ruhm ist nicht nur mit Steinen gepflastert, sondern manchmal überhaupt unauffindbar. Aber manchmal erreicht man das Ziel unverhofft.

Ich publiziere seit über 40 Jahren Gebrauchsliteratur. Ich war in verschiedenen Zeitungs- und Zeitschriften-Redaktionen tätig und habe möglichst vieles selber geschrieben. Ich wollte Inhalt liefern, schrieb mit Engagement und in einer angemessenen Sprache, liess gelegentlich ein unterhaltendes, auflockerndes und anregendes Element einfliessen. Das war bereits überdurchschnittlich; ich fand viele treue Leser, die meine Texte auch dann lasen, wenn sie das Thema an sich nicht interessierte. Das war mein sozusagen lokaler Erfolg, der mir mehr als genügt; mehr wollte ich nicht. Nun versuche ich, meinen Namen etwas zurückzunehmen und durch anspruchsvolle Ghostwriting-Aktivitäten Menschen kraftvoll zu unterstützen, deren Karriere noch Impulse braucht.

Diese Tätigkeit hinter statt auf der Bühne verschafft neue Faszinationen: Die Bedürfnisse der eigenen Person spielen keine Rolle mehr. Diese Arbeit vollzieht sich in einer Ambiance der Abgeklärtheit, was die volle Hingabe an die zu behandelnde Frage ermöglicht. So muss ich jetzt nur aufpassen, dass sich gerade deshalb nicht noch mehr Erfolg einstellt! Viele Menschen im Pensionsalter finden gerade deshalb Anerkennung, weil sie im Rahmen des Verdrängungswettbewerbes keine Gefahr für die Aktiven mehr sind. Aber das ist für Sie Zukunftsmusik!

Arbeiten sie brav und fleissig an den Buchstaben weiter, üben Sie, modellieren Sie! Lassen Sie sich durch vorerst ausbleibenden Erfolg nicht verdriessen! Irgendwann kommt er – bei vielen (den meisten) Geistesgrössen und Künstlern aus allen Sparten stellte er sich viel zu spät ein – aber nicht für die Nachwelt.

Walter Hess

* * *

Kein Golem

Ein Mann, ein Meister seines unbekannten Fachs
Steht dort, in seinem dunklen Arbeitsraum.
Um ihn herum in zahllosen Regalen,
Da lagern bunte, tiefe Farben, für jene Welt
Die er in seinem Kopf erlebt und dann kreiert.
Mit eignen zierlich sanften Händen
Belebt er jene wundersamen Menschen,
Die anderen als Vorbild dienen
Und sie im Leben inspirieren.

Bei Kerzenschein – wie passend – die rings im Raum verteilt,
Sucht er grad neue Farben, für eine wundersame Frau.
Als allererstes Braun, viel Braun:
Ein tiefes, warmes für die Augen,
Ein dunkles für das Haar, und etwas Rot darin.
Ein helles für Gesprengsel im Mimikry-Gesicht.
Weiss werden Kleinigkeiten und ihre Grundstruktur,
Schwarz für die Kleider, erhaben elegant verhüllt.
Fleisch für die Masse, für die Lebendigkeit.

So fängt er an zu modellieren,
Aus einem Rohweib Normkonform,
Ein Bild aus Phantasie – Erinnerungen.
Wo seine Hände wandern, wo Kraft aus ihnen strömt,
Verwandelt sich das Kalte, in seine neue Form.
Und jedes Stück beendet, belebt sich farbenfroh.
Das Neue wird lebendig, das Ganze sowieso.
Die Endform war verborgen, doch vorbestimmt.
Er hat das Schlafende nur sanft geweckt.

Stefan-A. Bagdi


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