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BLOG vom 22.01.2007


Just-in-time: Das Zeitzeichen Echtzeit zeitigt viele Wirkungen
Autor: Walter Hess, Biberstein CH
 
Das Wort Echtzeit (englisch: real-time) ist ein Kind der elektronischen Datenverarbeitung. Die Elektronik funktioniert blitzartig, sozusagen ohne Zeitverlust. Das Wort Echtzeit bedeutet also nicht einfach den jetzigen Moment, die Gegenwart, sondern hat auch etwas mit Schnelligkeit, Unmittelbarkeit zu tun – und vor allem mit Zeitgleichheit.
 
Die Live-Übertragung eines Anlasses oder Geschehens geschieht mit anderen Worten in Echtzeit. Es ist eine Direktübertragung. Gegenüber einer Aufzeichnung hat „Live“ einen höheren Stellenwert, einen besseren Klang. Eine Aufzeichnung ist wahrscheinlich bearbeitet, eine Live-Übertragung aber spontan, von Risiken und Überraschungen begleitet, also spannender, um diesen zum Modewort der Unterhaltungsgesellschaft aufgewerteten, überstrapazierten Begriff zu verwenden.
 
Das gesegnete Echtzeitliche eröffnet viele Chancen, und alles, was nicht mehr mithalten kann, wird zu altem Eisen beziehungsweise zu Altpapier. Zum Beispiel die Zeitungen. Ihre Produktion kann nicht in Echtzeit geschehen. Wenn das benötigte Material in geschriebener Form und als Illustrationen vorhanden ist, müssen sie zusammengestellt, gelauyoutet (früher: umbrochen), gedruckt und verteilt werden; da werden Tonnagen von Papier verschoben. Das braucht Energie und Stunden. Eine Zeitung ist immer Schnee von gestern. Wird das Informationsmaterial aber übers Internet vermittelt, entfallen die Zeitverluste. Der am Netz zappelnde Nutzer ist näher am Geschehen.
 
Viele Informationen sind nur nützlich, wenn sie in Echtzeit vorliegen, so etwa die Aktienkurse. Der Spekulant muss wissen, wie der Kurs in dem Moment ist, in dem er seinen Kaufs- oder Verkaufsentscheid fällen will. Die Kenntnis des Kurses, wie er vor einer halben Stunde war, ist weitgehend wertlos. Deshalb können die 30 Minuten alten Kurse etwa bei www.swissquote.ch gratis abgerufen werden; wer aber jederzeit Zugriff auf die Echtzeit-Kurse haben möchte, muss dafür bezahlen. Die Kenntnis von früheren Kursen (und damit der Kursentwicklung) ist zwar wichtig, um die Aktienpreisentwicklung im Lichte bekannter Ereignisse kennen zu lernen, was auch gewisse Vorhersagen ermöglicht. Aber das Handeln geschieht dann in Echtzeit und zwar im Rahmen einer kollektiven Entscheidungsfindung. Hier und jetzt, computerunterstützt. Selbstverständlich können auch die Kaufs- und Verkaufsentscheidungen vollkommen dem Computer übertragen werden. Automatische Aktienhandelsprogramme erkennen anhand von Finanzalgorithmen, ob Aktien, Anleihen, Währungen, Derivate und Rohstoffe gekauft oder abgestossen werden sollten. Die Zukunft erkennen aber auch sie nicht, wenn ich mich nicht irre.
 
Die gedruckte Finanzpresse übt sich in unzuverlässigen Vorschauen und Rückblicken auf Geschehenes von zweifelhaftem Wert. Sie liegt zwangsläufig immer neben dem aktuellen Geschehen (und oft auch neben den Schuhen). Bei den viel schnelleren elektronischen Medien, insbesondere bei Online-Zeitungen, entsteht der grösste Zeitverlust beim Schreiben. Deshalb laufen die Bemühungen darauf hinaus, die Schriftsätze blitzartig von Rechnern erstellen zu lassen, die sehr umfassend und detailliert sein können. Hier ein Text aus dem Computer von Thomson Financial, dem kanadischen Anbieter von Informationen und Technologielösungen für die weltweite Finanzindustrie: „Der Gewinn von American Eagle Outfitters hat im 2. Quartal die durchschnittlichen Erwartungen der von Thomson Financial befragten Analysten übertroffen. Er lag am oberen Ende der Spanne, die an der Wall Street erwartet worden war ...“ Darin ist alles Wesentliche enthalten. 0,3 Sekunden nach der Veröffentlichung von neuen Zahlen kann ein solcher ausformulierter Text vorhanden sein. Die Agentur Reuters soll ebenfalls in dieser Richtung forschend tätig sein.
 
Viele Informationen sind wertlos beziehungsweise höchstens noch von geschichtlicher Bedeutung, wenn sie im Nachhinein vermittelt werden. Eine Gewitterwarnung ist nützlicher als nachträgliche Berichte über die Gewitterschäden. Eine Geisterfahrer-Warnung während des Geschehens, die übers Radio verbreitet wird, ist nützlicher als nachträgliche Berichte über Karambolagen. Schwieriger wird es, wenn die Echtzeit unterboten werden soll, wie etwa bei der Aufdeckung von Verbrechen während der Planungsphase. Das führt zum Orwell’schen Überwachungsstaat (unter anderem mit Videokameras), Geheimdiensten, zu Gesinnungs-Schnüffeleien, Dateien, Verdächtigungen und möglicherweise auch zur Verhaftung von Unschuldigen wegen der für sie ungünstigen Faktenlage.
 
Eine gedruckte Zeitung, die zwangsläufig immer zu spät kommt, kann also nur Geschichte bieten. Die Redaktion müsste das zur Kenntnis nehmen und wenigstens die Geschichte derart präsentieren, dass sie eine gute Grundlage für die Entscheide ist, die in der Jetztzeit fallen müssen und auch für die Abschätzung der Zukunft, auf die man sich einzustellen hat. Konfuzius wusste das noch: „Erzähle mir die Vergangenheit, und ich werde die Zukunft erkennen.“ Wir haben das längst vergessen, wissen nicht mehr, dass das Vergangene immer gegenwärtig ist, und wir sind deshalb Meister der Verirrung.
 
Die Echtzeit spielt bei vielen technischen Abläufen eine Rolle. Sie werden in Echtzeit kontrolliert, so dass Prozesse, die aus dem Ruder laufen, unverzüglich abgestoppt oder korrigiert werden können. Die Airbags in einem Auto müssen im Moment des Aufpralls gezündet werden, sonst würden sie nichts nützen. Sensor-Imputs, welche Räder und Bremsen beim Fahren beobachten und regulieren, müssen die Wahrscheinlichkeit des Schleuderns in Echtzeit berechnen und nicht erst, wenn man an eine Mauer geprallt ist. Das System muss unverzüglich, verzögerungsfrei reagieren; in der Praxis bedeutet das innerhalb von Sekundenbruchteilen (Mikrosekunden). Eine Reaktionszeit 0 gibt es wahrscheinlich nirgends. Beim Menschen ist die Reaktionszeit besonders lang, worauf man sich einzustellen hat. Er kennt nur die weiche Echtzeit, die harte Echtzeit (das Ergebnis ist innert eines engen Zeitrahmens vorhanden) ist der (Computer-)Technik vorbehalten.
 
Der Begriff „Just-in-time“ (rechtzeitig, termingenau) ist mit der Echtzeit eng verwandt. Er stammt aus der Logistik: Das benötigte Material wird einer Firma genau zum Zeitpunkt angeliefert, an dem sie es braucht, damit Lagerhaltungskosten entfallen.
 
Bemerkenswerterweise hat die Ernährungsbranche den gegenteiligen Weg eingeschlagen. Durch allerhand Konservierungstechniken wurde die Haltbarkeit der Nahrungsmittel verlängert. Bei Frischprodukten mit der kurzen Haltbarkeitsdauer ist eben die Gefahr gross, dass sie verderben, bevor sie verkauft werden konnten. Aber gerade in Fragen einer höchstwertigen Ernährung hätte die Annäherung an die Echtzeit eine enorme Bedeutung: Wenn der Salat und die Kräuter um 11.45 Uhr im Garten geerntet und um 12 Uhr in schöner Zubereitung aufgetragen wird, ist dies ein Echtzeit-Triumph, der gastronomische Höhenflüge gewährleistet. Lässt man aber einen frischen, noch lauwarmen Kartoffelsalat 4 Stunden stehen, wirkt er abgestanden, müde.
 
Echtzeit hat mit Frische zu tun, wie man sieht. Ein Apfel, direkt vom Baum! Eine Beere, direkt ab Strauch! Herrlich!
 
Möglicherweise dürfte man auch von Echtzeit dann sprechen, wenn der richtige Zeitpunkt für etwas angekommen ist. Zum Beispiel für eine Geburt. Der Organismus leitet die Wehen (Muskelkontraktionen der Gebärmutter) ein und weiss genau, wann der beste Moment für die Geburt da ist. Den Geburtszeitpunkt ohne Not aus Gründen der Bequemlichkeit selber zu bestimmen und eine Geburt einzuleiten, wirft das Ganze wunderbare Zusammenspiel über den Haufen; die Schäden sind nicht abzusehen.
 
Wahrscheinlich gibt es wie in der EDV auch überall in der Natur eine Echtzeit, das heisst den richtigen Zeitpunkt, wenn alle äusseren Umstände günstig sind. Dabei übt selbst der Mond seinen Einfluss aus; wer nach dem Mondkalender gärtnert, hat den besseren Erfolg. Selbst die Holzqualität wird vom Erntezeitpunkt bestimmt.
 
Wenn es eine Echtzeit gibt, muss es theoretisch auch eine Falschzeit geben. Was ist das? Das Vergangene? Das Kommende, immer ausgedrückt in Minuten Stunden, Tagen, Jahren? Das Computerzeitalter hat unsere Sinne für den Moment geschärft. Aber es ist nicht falsch, darüber hinaus zu denken. Unergiebig und falsch ist nur, wenn man versucht ist, ausserhalb des Jetzt zu leben.
 
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