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BLOG vom 19.04.2007


Massaker-Mathematik: Unterschiedlich bewertete Amokläufe
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Alle Diskussionen weisen darauf hin, dass das, was ich jetzt gleich festhalten will, streng verpönt ist: Für mich ist jeder Mensch gleich viel wert, gleichgültig, ob er nun Amerikaner, Iraker, Deutscher, Afrikaner, Chinese oder Schweizer sei. Daraus ergibt sich theoretisch, dass 32 tote Amerikaner die gleiche Tragödie bedeuten wie 32 tote Iraker.
 
In der Praxis gelten bekanntlich ganz andere und vor allem vollkommen unterschiedliche Massstäbe. Man gestatte mir, das am Krieg gegen den Irak zu illustrieren, den die USA auf der Grundlage von frei erfundenen Zwecklügen veranstaltet haben. Die Todesopferzahl allein zwischen März 2003 und Juli 2006 liegt nach einer Studie der Bloomberg School of Public Health, die in The Lancet publiziert worden ist, bei 650 000 Irakern, und allein in Bagdad soll es rund 500 000 Waisenkinder geben – lauter unschuldige Menschen. Die tatsächliche Opferzahl dürfte weit höher sein. Im Irak, wo die US-amerikanischen Invasoren ein unglaubliches Debakel angerichtet und die Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufgebracht haben, kommen täglich Dutzende von neuen Kriegsopfern hinzu; schiessfreudige USA-Soldaten richten immer wieder neue Massaker an. Als ich am Schreiben dieses Tagebuchblatts war, kam die Meldung herein, dass an diesem Mittwoch, 18. April 2007, allein in Bagdad 180 Menschen durch 5 Autobomben aus dem Leben gerissen worden seien. Und wiederum scheint niemand, ausser den Angehörigen der Ermordeten im Irak, schockiert zu sein. Oder hat jemand von Protestveranstaltungen, einem Gedenkgottesdienst oder dergleichen gehört? Oder gab es irgendeine Gedenkminute für die Hunderttausenden von Waisenkindern im Irak?
 
Selbstverständlich sind auch die über 4 Millionen unschuldigen irakischen Menschen, die seit der anglo-amerikanischen Invasion 2003, ein Kriegsverbrechen von Riesendimensionen, aus ihrem Wohnbereich vertrieben worden sind, bestenfalls eine Randnotiz wert: Laut dem Publizisten Andreas Zumach leben etwa 1,9 Millionen Iraker heute unter zumeist prekären Umständen als Binnen-Vertriebene in ihrer Heimat, und über 2 Millionen irakische Flüchtlinge sind in hilfsbereiten Nachbarstaaten untergekommen, vor allem in Syrien und in Jordanien. Die Not zwingt zurzeit täglich etwa 2000 Iraker, ihr zerstörtes Land zu verlassen. Beizufügen ist dem noch, dass die USA praktisch keine Flüchtlinge aufnimmt; ihr Kerngeschäft ist das Zerstören – um die Trümmer, die sie in vielen Ländern angerichtet haben und noch immer anrichten, kümmern sie sich nicht. Deshalb ist internationale Hilfe gefordert.
 
Die USA können offenbar gar nicht genug von Blut und Elend sehen. So ist zum Beispiel der Film „300“ dort gerade zum erfolgreichsten Film des Jahres 2007 avanciert, und dieses junge Produkt aus der fliessbandartigen Schundproduktion überschwemmt die ganze Welt, damit auch diese an der amerikanischen Massakrierungslust teilhaben und dafür bezahlen kann.
 
Niemand wird von mir erwarten, dass ich mir solch Gemetzel freiwillig zu Gemüte führe, weshalb ich mich hier auf den in der „Mittelland-Zeitung“ (MZ) vom 5. April 2007 erschienenen Bericht abstütze („Speerspitze gegen das Heimkino“): Im erwähnten blödsinnigen Sandalenfilm geht es laut dem Zeitungsbericht um das Aufbäumen von 300 Spartanern um König Leonidas gegen die übermächtigen Perser (Iraker); die Spartaner sind die Guten, sexuell potent und stählen ihre Muskeln schon in der Kindheit. Die Perser ihrerseits sind schon wieder die Bösen; ihr König Xerxes ist im Film ein tuntiger, schmuckbehangener Halbgott. Christian Jungen in der AZ schreibt dazu: „Die Schlacht bietet (...) Anlass, Köpfe von Hälsen schlagen zu lassen und sie unter Blutregen in Zeitlupe durch die Luft wirbeln zu lassen. Wer nicht aus einem Metzgerhaus stammt oder Jünger von Quentin Tarantino ist, wird sich bald einmal langweilen, wenn die Spartaner mit ihren Lanzen im Leichenberg stochern.“ Die europäischen TV-Stationen haben es sich nicht nehmen lassen, ihr Publikum (Kinder als Playstation-Generation eingeschlossen) mit diesem unendlich stupiden, blutrünstigen Machwerk hollywood’scher Prägung unverzüglich zu beglücken. Zur Verschönerung des Osterprogramms. Das läuft seit Jahrzehnten so, nicht allein an Feiertagen: Bücklinge vor der Hegemonialmacht, die in Bezug auf ihre Unkulturäusserungen und sogar noch sprachlich kopiert wird.
 
Die Lust am Massaker wird über alle Kanäle ständig angeheizt und hat längst auch die Schulen erreicht. Am 16. April 2007 kam es an einer amerikanischen Schule, an der Technischen Universität in Blacksburg (Bundesstaat Virginia), zu einem Amoklauf, bei dem mindestens 32 Studenten und Lehrkräfte erschossen und 15 Menschen verletzt worden sind. Trotz des üblichen Schiessbetriebs im US-Schulwesen wird dieser bedauerliche Akt gegen Unschuldige als aussergewöhnlich empfunden. Er war durch eine einfältig operierende Polizei nicht früh genug eingedämmt worden; gewissermassen wurde der Fall als beendet betrachtet, bevor der Täter gefasst war, was jeder kriminalistischen Vernunft ins Gesicht schlägt.
 
Ich weiss nicht, wie vielen toten Irakern 32 tote Amerikanern entsprechen. Aber es geht da zweifellos um Grössenordnungen, jedenfalls was den Betroffenheitsrummel anbelangt. Ich habe das Gefühl, dass Iraker, Afghanen und dergleichen überhaupt nicht zählen, nicht einmal eines Worts des Bedauerns oder gar einer Entschuldigung würdig sind. US-Präsident George W. Bush, der u. a. für die endlosen Gemetzel im Irak verantwortlich zeichnet, reagierte mit Abscheu und Entsetzen auf den Amoklauf in Virginia und bot in der üblichen bigotten Art seine Gebete an; er weiss aber auch um die Nöte der Waffenindustrie und des ausgedehnten Waffenhandels in seinem Land. Die Amerikaner dürfen weiterhin mit Colts herumlaufen und ein bisschen ballern. Im Alltag beschränken sie sich meistens auf Zielübungen z. B. auf Verkehrsschilder, die häufig wie Siebe aussehen. Aber die zunehmenden Mordlüste haben wohl weniger mit dem Waffenbesitz als viel mehr mit der überall zelebrierten Kultur des massenhaften Tötens zu tun. Und dann kommt den Labilen der leichte Zugang zu Waffen natürlich sehr gelegen.
 
Ich habe mir einfach einmal vorzustellen gewagt, wie endlos und durchgehend die Trauer und die Schockiertheit der Weltbevölkerung sein müsste, wenn jeder Mensch wenigstens nur den hundertsten Teil eines Amerikaners wert wäre. Doch der tatsächliche Wert eines Erdenbewohners richtet sich nicht etwa nach dessen Ethik, Vernunft und Intelligenz oder einfach nach seiner Menschlichkeit, sondern ausschliesslich nach der Herkunft. Und Kriegsnationen haben das höchste Ansehen. Diese übelste aller Formen von Rassismus ist nicht nur erlaubt, sondern Standard und damit etabliert und allgemein akzeptiert.
 
Und wegen des Resultats solcher Überlegungen bin ich ebenfalls schockiert (geschockt), wenn auch aus ganz anderen Gründen als die unter medialen Vorgaben leidende, desorientierte Weltöffentlichkeit.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog über einen Amoklauf in den USA
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