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BLOG vom 14.09.2007


Schloss Landshut, Utzenstorf, und sein hölzernes Innenleben
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Wasserschlösser haben ihren besonderen Reiz durch die spiegelnde Einrahmung. Wenn sie aber auch noch als Bauobjekt faszinieren, potenziert sich die Begeisterung, die sich bei ihrem Anblick einstellt. So erging es mir am Sonntagmorgen, 9. September 2007, als ich über dem englischen Park mit seinem alten Baumbestand zur Hauptfassade des Schlosses Landshut bei Utzenstorf schaute; der Teich rund um den Schlosshügel wird über 2 kleine Bäche aus Grundwasseraufstössen gespeist. Das war am Europäischen Tag des Denkmals 2007, der diesmal dem Thema Holz gewidmet war. Die Nationale Informationsstelle für Kulturgüter-Erhaltung (NIKE, www.nike-kultur.ch) hatte an 240 Orten über 300 Anlässe organisiert, die Gelegenheit boten, das Holz als Teil der Kulturgeschichte zu erleben.
 
Wehrhaft und repräsentativ
Wir hatten das Glück, in Utzenstorf vom fachkundigen und sprachgewaltigen Denkmalpfleger des Kantons Bern, Dr. Jürg Schweizer, in die ehemalige mittelalterliche Wehranlage auf einem niedrigen Felsrücken aus Sandstein in der Schwemmebene der Emme eingeweiht und durch sie geführt zu werden. Der Fachmann, der seine Gruppe wie ein Leuchtturm mit Wegweiserfunktion um Kopfhöhe überragte, wies dabei auf das Kuriosum hin, dass man in diesem Gebiet einst den Schweizer Kontinentalflughafen habe bauen wollen (anstelle von Zürich-Kloten) ... und dann wäre das Schloss wohl zum Flughindernis geworden.
 
Schon früh diente der abgeflachte Hügel Landshut in der Ebene des unteren Emmentals an günstiger Verkehrsachse (Seeland–Limpachtal–Oberaargau) als fester Stützpunkt bei der Anlage eines hochburgundischen Königshofs. Im 12. Jahrhundert krallten sich hier die Zähringer fest, aus deren Zeit das erste noch erhaltene Schriftstück über die Existenz einer Burg bei Utzenstorf BE stammt (1253). Den schönen Park gab es damals zwar noch nicht, aber das Schloss hatte neben dem Wehr auch eine Repräsentationsfunktion. Eine Zeitlang wohnten die Herren von Utzenstorf als Lehensleute hier. Und nach dem Aussterben der Kyburger vermittelte Rudolf von Habsburg als Haupterbe grosse Ländereien zwischen Thunersee, Emme und Jurafuss seinem Vetter Eberhard von der laufenburgischen Linie des Geschlechts, der die Grafschaft Neu-Kyburg begründete. Die ausgesprochene Vetternwirtschaft der Habsburger und ihre Verheiratungen aus Kalkül, aus Nützlichkeitsdenken, sind allgemein bekannt; von Historikern wird das in ihren Büchern in der Regel als „geschickte Heiratspolitk“ beschönigt; ohne auf die Inzuchtsfolgen hinzuweisen.
 
Wegen eines inneren Zwists der verschuldeten, schwach gewordenen altadligen „neukyburgischen“ Grafenfamilie kam das aufstrebende Bern zum Zuge. Das Schloss Landshut ging an die bernische Aufsteigerfamilie Ringoltingen, die eigentlich Ziegerli hiess und aus dem Simmentals stammte, ein Name, der aus Zigerli-Sicht der Aufmöbelung bedurfte. Heinrich Ziegerli (Zigerli) erwarb 1407 einen Teil der Herrschaft Landshut, nachdem er das Amt des Schultheissen in Thun bekleidet hatte. Und 1514 kaufte Bern das Schloss (dieses „hübsch adelich Kleinot“) als Sitz einer neuen Landvogtei. In die bestehende Ringmauer setzte Bern um 1624/25 ein neues, schmuckes, herrschaftsarchitektonisches Landvogteischloss ein, das Daniel Heintz II. mit Sinn für repräsentative Eleganz geplant hatte.
 
Die Hauptfront der grossen Etage unter dem Krüppelwalmdach mit der typisch bernischen „Ründi“ (Ründe, Rundbogen, ursprünglich ein herrschaftliches Element) ist hier ausnahmsweise die Giebelseite mit ihren achsialen (axierten) Fenstern und der betonten Mitte. Ein hofseitig gelegener hoher, sechskantiger Treppenturm aus Tuffstein mit Helm und Wetterfahne erschliesst die Mittelkorridore des Schlosses. Man betritt den Turm, der über die zu Erschliessungszwecken notwendige Höhe hinausgewachsen ist, durch ein Renaissance-Portal von 1624/30 aus Solothurner Kalkstein, vorbei an einer geschnitzten Eichenholztür. Darüber ist ein in Rundungen schwelgendes Barockrelief mit dem Berner-Reich-Wappen (1666) angebracht.
 
Zwischen 1514 und 1798 residierten in diesem Schloss etwa 50 verschiedene Berner Landvögte. Im 17. Jahrhundert erfuhr es verschiedene bauliche Veränderungen, die es zu einem Wohn-, Gerichts- und Verwaltungsgebäude umfunktionierten. Der Maler Albrecht Kauw schuf bald nach der Neuanlage (1664) ein längliches, panoramaartiges Gemälde, das im Hauptsaal (Schiltensaal mit der Wappenfolge der Landvögte) zu sehen ist. Es zeigt die stolze Anlage in der ausgedehnten Auenlandschaft der Emme, die noch nicht durch kanalisierende Wasserbauer verunstaltet war.
 
Das Schloss erhielt sein heutiges Aussehen erst nach der historischen Wende von 1798 (Proklamation der Helvetischen Republik). Der bernische Staatsmann und General Rudolf Niklaus von Wattenwyl erwarb das Gebäude zu seinem privaten Gebrauch. Und es blieb bis 1959 im Privatbesitz. Damals wurde es vom Kanton Bern zurückgekauft. Dieser brachte darin die jagdhistorische Sammlung von René La Roche-Ringwald (1881–1942) unter und machte 1968/70 das Schweizerische Museum für Jagd und Wildschutz daraus. Diese Spezialsammlung gehört zu den interessantesten in Europa, bietet sie doch einen Querschnitt durch die Jagdgeschichte der letzten 500 Jahre. Sie zeigt die Entwicklungsphasen von Waffen, Geräten und Jagdmethoden. Es ist von Mitte Mai bis Mitte Oktober, ausgenommen montags, täglich von 10–12 und von 14–17 Uhr zugänglich.
 
Seit 1988 wird das Schloss von der Stiftung Schloss Landshut betreut. Neben seiner Funktion als Museum dient es auch für Festivitäten. Man kann sich in diesem vornehmen Rahmen also einmieten, falls es etwas zu feiern gibt.
 
Innen dominiert das Holz
Die Frage ist aus gegebenem Holz-Anlass natürlich, was für eine Rolle denn das Holz in solch einem Schloss mit seinem Aussenmauerwerk spiele. Denkmalpfleger Schweizer erläuterte dazu, man vergesse oft, dass das Holzwerk bei einem alten Steinbau ebenso wichtig wie das Mauerwerk sei – die „Hölzigen“ seien immer zuerst da (gewesen). Sie hatten in Utzenstorf eine Brücke zu bauen und eine Baubaracke für die Steinhauer zu errichten. Im Falle des Schlosses Landshut hatten die Zimmerleute die Balkendecken, die auf Sicht gearbeitet waren, den mächtigen Dachstuhl und die Berner Ründe, eine der frühen derartigen Formen auf dem Lande übrigens, zu zimmern. „Aufrichte“ bedeute die Aufrichtung des Dachstuhls.
 
Die Zimmerleute wählten Eichen und Nussbäume im Winter in Wäldern der Umgebung sorgfältig aus, liessen die Stämme im Frühjahr, wenn die Emme genügend Wasser führte, zur Baustelle flössen und verarbeiteten das Holz „grün“, also im nicht getrockneten, sondern im nassen Zustand, ohne dass irgendwelche Schäden auftraten. Sie sägten es, fertigten Holznägel an und bauten daraus unter anderem den liegenden Dachstuhl, der ohne senkrechte Hölzer auskommt. Andreaskreuze verbinden die Balken und verhindern das Wackeln des Hauses. Die Holzkonstruktion bietet eigentlich den Zusammenhalt des Schlossgebäudes. Auf dem Dachstuhl sind Dachlatten angebracht, die das Schindeldach tragen. Darauf ruhen eine weitere Lattung und die Biberschwanzziegel. Ein Tonplattenboden auf einer Mörtelschicht dient als Brandschutz, was wichtig war, da früher täglich gefeuert wurde, womit nicht das Feuern im arbeitsmarktlichen Sinne, sondern das Feuermachen gemeint ist. Und letzteres hat wiederum etwas mit Holz zu tun ...
 
Viele Innenausbauteile bestehen aus Holz, so etwa das Täfer (die Täfelung = Wand- und Dielenverkleidung) im ehemaligen Landshutzimmer. Das prachtvolle Renaissancetäfer wurde von Tischmacher Michel Mautz 1626 geschaffen. Damals war gerade der Dreissigjährige Krieg (1618–1648) im Gange, ein Religionskrieg innerhalb des so genannten Heiligen Römischen Reichs, in den die Auseinandersetzung Habsburg–Frankreich eingebunden war. Der Schweiz ging es damals glänzend – sie konnte liefern und liefern, wie Denkmalpfleger Schweizer sagte. Nach Kriegsende war es allerdings mit der Nachfrage vorbei. Die Unzufriedenheit wegen der Nachkriegsdeflation vor allem in der ländlichen Bevölkerung war 5 Jahre später ein Auslöser des Bauernkriegs (1653), der von den aufständischen Bauern zwar verloren wurde, aber dennoch einen wesentlichen Einfluss auf das vom städtischen Bereich ausgehende Staatsgebaren hatte.
 
Das Innenleben des Schlosses
Die Besichtigung des im Stil der Renaissance-Gotik erbauten Schlosses, das auch vom Manierismus als Zeit des Übergangs zwischen Renaissance und Barock mit seinen Stilmischungen einiges abbekommen hat, ist ein Fest fürs Auge. Hier waren talentierte Steinhauer, Schreiner, Bildschnitzer, Maler, Schlosser, Kupferschmiede usw. am Werk, und sie schufen eine Orgie aus Formen, Figuren, Dekorationselementen, verschiedene Stile ineinander vermanschend. Sozusagen jeder Quadratzentimeter wurde für eine künstlerische Ausschmückung in Beschlag genommen, selbst die Beleuchtungskörper. Und folglich schwebt im Landshutzimmer ein pralles Leuchterweib im Geäst eines Hirschgeweihs über dem Tisch, und über einer Tür dösen 2 weinselige Zecher, in Grisaille-Technik (ausschliesslich unbunte Farben) um 1630 von Joseph Plepp, ein vielseitiges künstlerisches Talent, hingemalt.
 
Die Besucher dürften sich bei ihrem Gang durchs Schloss an Früchten aus dem adligen Obstgarten wie Birnen und Trauben erlaben, und alle kamen, vor allem hinsichtlich der geistigen Nahrung, voll auf die Rechnung.
 
Im uralten „Löwen“
Ich entschloss mich um die Zeit des Mittagessens zu einem Besuch im Landgasthof Löwen in CH-3412 Heimiswil, gleich hinter dem nahen Burgdorf, einem der Eingänge ins urwüchsige und noch einigermassen ursprüngliche Emmental. Dort ist einer der ältesten „Löwen“ der Schweiz; er soll schon1340 erwähnt worden sein und pflegt die Emmentaler Tradition, so dass sich also nach dem Eintauchen in die Landshut-Geschichte kein unerträglicher Stilbruch ergab. Das älteste Gasthaus der Schweiz zu sein, nimmt aber der seit 1227 bestehende Gasthof Sternen auf der Klosterhalbinsel in Wettingen AG für sich in Anspruch, wie mir der dortige Wirt, Walter J. Erni, vor einigen Monaten persönlich versichert hat; ein älteres sei ihm jedenfalls nicht bekannt.
 
Wir hatten Glück, in dem von der Familie Lüdi (heute in Aktion: Daniel Lüdi-Muggli) seit über 125 Jahren betriebenen Uralt-„Löwen“ mit ein bisschen Gotthelf-Atmosphäre in einem mit Holz getäferten Raum gerade noch ein schön gedecktes 2er-Tischchen ergattern zu können. Wir wählten das Menu und erfreuten uns bald einmal an zu einer Rosette ausgebreiteten Artischockenblättern mit Vinaigrette (Eva, zu kritischem Denken erzogen, vermisste nur den Artischockenboden) und hausgeräuchertem Lachs und dann an einem delikaten, fein abgeschmeckten Maisrahm-Süppchen. Das rosafarbene Lammcarré zu breiten Butternudeln sowie verschiedenem Gemüse war perfekt geraten und schmackhaft, das abrundende Beeren-Parfait-Dessert phantasievoll und liebevoll arrangiert (Menukosten pro Person, 4 Gänge: 78 CHF).
 
In einem Ab-Hof-Verkauf hinter der Lueg (vor Affoltern im Emmental) deckten wir uns auf der Heimfahrt in „Mumi's Hof-Lädeli" von „Elisabeth und Peter" (mehr steht auf dem Bänklein nicht) noch mit Schwartenwürsten ein, der Emmentaler Tradition auch in dieser Hinsicht die Ehre erweisend. Zum Glück waren die Würste noch 1 oder 2 Tage lagerfähig. Ich pflege solche Aktionen jeweils mit dem Hinweis mit meinem umfassenden Interesse an allen kulturellen Äusserungen (einschliesslich der kulinarischen) zu rechtfertigen und stosse in der Regel nicht auf Widerspruch.
 
Man isst ja nicht mit den Augen allein.
 
Hinweis auf weitere Ausflugsberichte und Blogs zur Reisethematik von Walter Hess
(Reproduktionsfähige Fotos zu all diesen Beschreibungen können beim Textatelier.com bezogen werden.)
 
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