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BLOG vom 28.09.2007


Burma (Myanmar): Wie kein anderes Land, das Du kennst ...
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Wer einmal ein fremdes Land mit eigenen Augen gesehen hat, interessiert sich anschliessend immer für die Vorgänge, die sich dort abspielen, und man leidet mit, wenn es den dortigen Menschen schlecht ergeht. Ein solches Land ist für mich Burma (so nennen es wir Schweizer, die Österreicher und die englischsprachigen Länder, Birma sagt man in Deutschland, und offiziell heisst es seit 1989: Myanmar). Zusammen mit einem Asienkenner habe ich im Mai 1988 das Land besucht, 3 Monate bevor es zu einer brutalen Niederschlagung von Oppositionsgruppen mit vielen Toten kam (8. August 1988). Wir konnten uns als Einzelreisende frei bewegen, nachdem wir dem Tourismusministerium einige Marken-Spirituosen abgegeben hatten – der Eintrittspreis. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Sonst hätten wir weder Visum noch die Möglichkeit erhalten, uns im Landesinnern nach Lust und Laune zu bewegen.
 
Wir stiegen in eine lotterige Bahn, liessen die Hauptstadt Rangun (englisch: Rangoon) – in der Agglomeration leben heute rund 6 Mio. Menschen – bald hinter uns und liessen uns nordwärts durchschütteln. Wir erlebten Burma als das lieblichste Land mit den liebenswertesten Menschen, die man sich vorstellen kann. Meine Faszination rührt insbesondere auch daher, dass das Land die westliche industrialisierte Verschwendsucht und verblödende globalisierende Standardisierung niemals mitgemacht hat, sondern seinem eigenen Lebensstil bei ausgesprochener Naturverbundenheit treu blieb. Nirgends gibt es deshalb so schöne, unverdorbene Bilder zu sehen. In ländlichen Gebieten ist Burma ein einziges Idyll.
 
Wer sozusagen von der Hand in den Mund lebt, gilt als arm. Laut einer Uno-Schätzung von 1988 lebten 23 der Burmesen unter der Armutsgrenze von 1 USD pro Tag. Für mich heisst das überhaupt nichts, zumal ich selber ohne Dollars auskomme, mich von dieser Währung ohnehin abgekoppelt habe und seit Jahren keine irgendwie mit der zerfallenden US-Währung zusammenhängenden Investitionen tätige und keine US-Produkte kaufe. Folglich bin ich sehr arm – ich lebe von null Dollars pro Tag. Doch im Moment habe ich genügend eigene Baumnüsse und Trauben, um mich über dem hier fliessenden frischen Quellwasser zu halten. Deshalb verzichte ich an dieser Stelle darauf, um Spenden zu bitten ...
 
Einseitigkeiten in der Wahrnehmung
Ich bedaure sehr, dass die Burmesen unter einer brutalen Militärdiktatur leben müssen und wünsche ihnen von Herzen mehr Freiheit, abseits von strangulierenden US-Einflüssen. Denn auch in den USA gibt es eine schwerstbewaffnete Militärdiktatur, die zudem die ganze Welt unterjochen will. Das sagen uns die eingebetteten westlichen Medien im Klartext nicht. Und wenn man schon mit guten Gründen feststellt, die burmesische Regierung trete die Menschenrechte mit Füssen (was sicher stimmt), so müsste man gleichzeitig zumindest in Klammern anfügen, dass die Amerikaner das ebenfalls tun: Sie halten Gefangene ohne rechtskräftige Anklage fest, veranstalten weltweite Folterflüge und foltern – aber dazu schweigt die westliche Wertegemeinschaft meistens oder, wenn die Meldungen mit dem besten Willen nicht zurückzuhalten sind, wird heruntergespielt. Und auch wenn die Israeli die um ihr Land betrogenen Palästinenser quält und aushungert und eine Grossoffensive im Gazastreifen plant, wie gerade jetzt, behandelt man das in unserem Kulturraum lieber nicht oder dann mit Samthandschuhen. Das ist unsere Form von Meinungsfreiheit, Ausfluss unseres besonderen Gerechtigkeitssinns. Allein am Mittwoch, 26.9.2007, wurden bei israelischen Angriffen im nördlichen Gazastreifen laut palästinensischen Angaben 8 Menschen getötet (SDA-Meldung). Doch die Uno beruft wegen der paar ermordeten Palästinenser keine Sondersitzung ein, und nur wenige Medien berichten überhaupt darüber. Die mit den Amerikanern verbandelten Israeli geniessen seit Jahrzehnten vollkommene Immunität, entgehen jeder Bestrafung.
 
Einige Länder dürfen alles, andere, wie der Iran oder eben Burma, ist nicht gestattet, was westkompatiblen Ländern durchaus gestattet ist. Die hintenherum von Israel beschafften Atombomben sind erlaubt, ebenso das Atomprogramm von Pakistan und Indien, das iranische aber nicht. Warum diese Differenzierung?
 
Aber im Anprangern der burmesischen 12 Personen umfassenden Militärjunta unter General Than Shwe entfalten die Westmedien zurzeit ihre wahre Stärke; da sind sie plötzlich unglaublich mutig und berichten über die aktuellen Geschehnisse, zwar hauptsächlich aus Thailand, aus sicherer Distanz, ausnahmsweise ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Authentisches findet sich vor allem noch in der Bloggerszene, welche die besten Möglichkeiten hat, die Zensur zu umgehen.
 
Es ist zwar erfreulich und dringend nötig, dass das Volk von Burma Sukkurs erhält; doch möchte ich einen solchen auch den Palästinensern gönnen. Es ginge um eine Art von Gleichbehandlung. Hätte es diese gegeben, wären die Militärmächte USA und Israel nicht so übermächtig und zu gefährlichen Bedrohungen des Weltfriedens geworden; der zunehmende Terrorismus als Antwort darauf wäre nicht gefördert worden.
 
Prügelstrafmentalität: Sanktionen
Wie üblich, wenn sich einzelne Staaten nicht ins westliche, US-bestimmte Einheitsgefüge einbinden lassen, wird bestraft. Die Strafen heissen Sanktionen. Unter solchen Westsanktionen leidet Burma seit Jahrzehnten – und vor allem natürlich die Bevölkerung. Nur gerade Uno-Sanktionen blieben bisher aus. In der Nacht zum Donnerstag, 27.9.2007, lehnte der Sicherheitsrat wegen des Widerstands von China Strafmassnahmen von dieser Seite ab. Abseits der Uno sollen solche nach USA-Vorgaben ausgeweitet werden, so weit das überhaupt noch möglich ist. Jedenfalls hat das burmesische Militärregime diesbezüglich nicht an Prügeln mehr zu befürchten, als ihm schon immer zuteil wurde; schlimmer kann es nicht kommen. Sein Ruf ist ruiniert, und so regiert und schiesst es sich ganz ungeniert. Da ist nichts mehr zu verlieren.
 
Diese idiotische Art der „Problembewältigung“ vonseiten der so genannten Wertgemeinschaft (die es auf Werte wie Erdöl und andere Rohstoffe abgesehen hat, daher der Name) verursacht laufend eine Problemvergrösserung; aber das hat haben die werten Damen und Herren in den Regierungspalästen noch nicht gemerkt. Nur Japan hat erklärt, es wolle mithelfen, konstruktive Lösungen zu finden. Das war der vernünftigste Satz, der in diesem Zusammenhang zu vernehmen war.
 
Gewalt kann nicht durch Aufrufe verhindert werden, schon gar nicht durch Länder, welche jede Glaubwürdigkeit verloren haben und jede Gelegenheit zur Kriegsführung ergreifen wie die zunehmend totalitäre USA, sondern nur durch intelligente, angepasste Lösungen. Aber dafür würde es intelligente Politiker mit Verständnis für unterschiedliche Mentalitäten brauchen.
 
Initialzündung durch Mönche
Die Demonstrationen in Burma sind von den vielen buddhistischen Menschen eingeleitet worden. Der Buddhismus ist eine ausgesprochen friedfertige Religion, im Gegensatz zu den kriegerischen Bibel-Religionen mit ihren Kreuzzügen und Kanonen-Segnungen. Wenn sich friedfertige Menschen mit friedlichen Mitteln zu Wehr setzen, entfaltet das eine besonders grosse Kraft.
 
Etwas erstaunt hat mich allerdings schon, dass ausgerechnet buddhistische Mönche mit ihrem hohen Ansehen die Gewalt provozieren und Todesopfer in Kauf nehmen, die es denn auch bereits leider gegeben hat. In Burma gibt es etwa 500 000 Mönche; sie sind eine riesige zivile Organisation, die nun verschiedene Studentengruppen und die Partei der unermüdlichen, zu jedem Opfer bereiten Freiheitskämpferin Aung San Suu Kyi unterstützt; deren Vater, General Aung San, hatte seinerzeit gegen die britischen Besatzer gekämpft – ein Freiheitskampf mit Familientradition. Die Mönche mussten ja spätestens seit 1988 und 1990 wissen, dass die Militärjunta gewaltsam antworten würde, wenn die Proteste ein bestimmtes Mass überschreiten, ansonsten der Flächenbrand landesweit ausgedehnt würde. 9 Tage nach Beginn der Protestmärsche war es so weit, nachdem das Demonstrationsverbot der Junta missachtet worden war. Auch Mönche finden sich unter den Todesopfern. Mehrere Klöster wurden gestürmt, abgeriegelt wie die Umgebungen der wichtigsten Pagoden.
 
Angeblich ging es den Mönchen zuerst vordergründig um einen Einsatz gegen die massiven Benzinpreiserhöhungen, wohl aber vor allem um mehr Demokratie und Freiheit. Der Westen, der diese hohen Werte gerade einzuschränken im Begriffe ist, kann kein Vorbild mehr sein. Aber es wäre schön, wenn Burma in Zukunft einmal zu einer Freiheit kommen könnte, die den Namen verdient. Doch sehe ich keinen Weg zu solch paradiesischen Zuständen, obschon im Übrigen Burma alle Voraussetzungen dafür besitzt, um ein Paradies zu sein.
 
Dem Westen kommen die Unruhen im Interesse der Rückgewinnung von Einfluss in Burma sehr gelegen. In Rockville (Maryland, USA) hat sich längst eine Art Exil-Regierung „Nationale Koalitionsregierung der Union von Burma“ etabliert, und auch in England sind entsprechende Kampagnen auszumachen. Burma ist ein rohstoffreiches Land (Erdöl, Erdgas, Holz, Edelsteine, Metallerze usw.), an denen nun China am nächsten ist.
 
Wo alles anders ist: altes Asien
„Das ist Birma, und es wird wie kein anderes Land sein, das Du kennst“, liess der englische Schriftsteller Rudyard Kipling einen seiner Helden bei der Ankunft in diesem südostasiatischen Land um die Wende zum 20. Jahrhundert sagen. Seit 1962 ist Burma, einst das reichste Land Asiens, weitgehend von der Aussenwelt isoliert, und es blieb seiner herkömmlichen, bescheidenen Lebensweise weitgehend treu, gewiss auch gezwungenermassen: Man lebt auf dem Lande in baubiologisch richtig konzipierten Häusern aus Bambusgeflecht, kleidet sich in Naturfasern, kennt kaum eine Industrie, keine Autobahnen, keine Landwirtschaftsmaschinen. Es verkörpert das alte Asien. Die Kraft der Menschen und der Tiere wie der Wasserbüffel muss ausreichen. Pferdefuhrwerke und Ochsenkarren mit grossen Holzrädern sind die vorherrschenden Transportmittel. Was soll da Benzin? Es gibt einige uralte Motorfahrzeuge, die immer wieder geflickt werden, wenn sie auf den Naturstrassen stehen blieben. Ich habe erfahren dürfen, dass viele Leute auf dem Lande überzeugt sind, dass nur die naturnahe burmesische Lebensweise eines Menschen würdig ist. Die Unterdrückung durch das eigene Militär aber ist zweifelsohne nicht in ihrem Sinne.
 
Ein unauslöschliches Bild habe ich bei einer Jeepfahrt von Maymo zur früheren Königsstadt Mandalay aufgenommen. Unser Chauffeur mit dem langen blauen Rock, den er vor dem Bauch verknotet hatte, fuhr durch ein schattiges Dorf mit luftigen Häusern unter schützenden exotischen Baumriesen. Es war eine Erinnerung an eines der schönsten Kipling-Gedichte („The Road to Mandalay“), worin der Zauber des burmesischen Volks und der Landschaft dargestellt ist. Im Zentrum dieses Dorfs fiel ein hellgrau bis grünlich oszillierender, etwas schäumender Bach über eine rund 2 m hohe Stufe in einen kleinen, knöcheltiefen Weiher, bevor er über Felsblöcke in die Tiefe stürzte. Mitten in diesem Wasserfall stand ein etwa 18-jähriges Mädchen mit langem, offenem schwarzem Haar und einem knielangen, eng anliegenden olivgrünen Kleid. Es liess das kühlende Wasser genüsslich über seinen schön geformten Körper strömen. Ich fiel fast aus dem Jeep, als ich das sah, und der Fahrer musste einen Notstopp einlegen. Die junge Dame mit dem lieblichen, breiten Gesicht posierte ungekünstelt für meine Kamera und begab sich dann zu ihrem Haus, nahe am Bachufer. Wir gingen dorthin, um uns vorzustellen und zu bedanken. Ihre Brüder und Schwestern servierten Tee, und die Eltern gaben uns zu verstehen, dass wir hier willkommen seien.
 
Wir fuhren auf der staubigen Strasse weiter. Und wo immer ein Auto eine Panne hatte (fast der Normalfall), hielt der gesamte übrige spärliche Verkehr an, und jedermann bot seine Hilfe an.
 
Ich könnte noch seitenlang in diesem Stil von Burma und seinen Menschen erzählen. Und irgendwie, wünsche ich, dass es bleibt, wie es ist, beziehungsweise so wird, wie es sich die dort lebenden Menschen wünschen, ohne Einflüsse durch das eigene Militär und aggressive westliche Mächte. Burma sollte ein Land sein, das den Menschen ihren verdienten Freiheitsraum gibt und von verständnisvollen, friedlichen asiatischen Ländern wie einem geläuterten China und Indien, den neben Laos und Thailand wichtigsten Nachbarländern, geschützt sind. Und die westlichen Aggressoren haben hier ohnehin ebenfalls nichts verloren.
 
Hinweis auf einen Textatelier-Bericht (Länderporträt) über Burma
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