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BLOG vom 17.10.2007


Yanomami: Untergang der Urbevölkerung in Brasilien
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Wieder einmal lese ich zutiefst entsetzt in der Sunday Times vom 14. Oktober 2007 wie die Urbevölkerung in der Amazone weiterhin bedrängt und verdrängt wird. Horden von Goldschürfern (Garimpeiros) dringen in Nordbrasilien ins Stammland der Yanomami ein und verseuchen sie mit Influenza und Malaria, wogegen die Amazonas-Indianer nicht gefeit sind. Alkohol und Prostitution treiben sie noch tiefer ins Elend. Mineralölgesellschaften gesellen sich hinzu und wollen das Land der Urbevölkerung ausbeuten. Damit zerstören sie unwiderruflich ihre Lebensgrundlage.
 
Vor 15 Jahren war dieser Stamm von der Ausrottung bedroht. Dank des Stammeshäuptlings David Kopenawa Yanomami und der Beihilfe von internationalen Schutzorganisationen blieben die Yanomami – zeitweilig – von diesem Schicksal verschont. Jetzt ist dieser Stamm mit den 12 000 überlebenden Menschen erneut ernsthaft bedroht. Und viele andere ebenfalls.
 
Ein Völkermord steht an, es sei denn, die brasilianische Regierung setze sich für das Überleben der Urbevölkerung ein. 1992 wurde dieser ein Protektorat von der Grösse Portugals zugestanden. Dennoch fehlt den Yanomami das Landrecht. Ausserdem werden weite Teile des Amazonas gerodet, um „Bio-fuels“ (wie Soja) anzubauen. Wie sich dies auf die Eingeborenen auswirkt, liegt auf der Hand: Sie serbeln und siechen dahin, ihres Lebensraums beraubt, in Ghettos gepfercht. Wird ihr bevorstehender Untergang das Weltgewissen wachrütteln?
 
Der Leidensweg der Amazonas-Indianer ist lang. Am 8. März 1969 erschien mein Artikel „Völkermord in Brasilien“ in der Wochendausgabe „Die Tat“ in Zürich, den ich hier wiederhole:
 
Die Welt entsetzte sich über das Robbenschlachten. Der Völkermord in Brasilien aber fand nur Randnotizen in der Presse. Er ist jetzt abgeschlossen. Die Zahl der überlebenden Indianer wird heute zwischen 50 000 und 100 000 eingeschätzt. Im Jahr 1900 lebten noch rund eine Million, zurückgedrängt in den Wäldern des Mato Grosso. Ein halbes Jahrhundert Kautschuk und dann die Landspekulation haben sie ausgemerzt. Norman Lewis nennt u .a. im Magazin der „Sunday Times“ (vom 23.2.69) folgende Restbestände: Mandocurus 1200 (1930: 19 000); Guaranis 300
(4000); Carajas 400 (10 000); Cintas Largas 500 (10 000).
 
Von vielen Stämmen kennt man nur noch den Namen. Ihre Angehörigen wurden systematisch ausgerottet. Das Massaker hat bei anderen Stämmen, wenige Familien, sehr oft weniger als ein Dutzend Menschen übrig gelassen. Vor 10 Jahren wurden die letzten Küstenindianer mit – nicht etwa gegen – Pocken geimpft! Ihr Land fiel an die Spekulanten. Die Settler im Landesinnern übten ihre Zielfertigkeit an ihnen. Expeditionen fanden sich zu den abgelegenen Stämmen und verteilten vergiftete Nahrungsmittel, etwa Zucker mit Arsen gemischt oder mit Pocken infizierte Kleidungsstücke. Misstrauisch und unzugänglich gewordene Stämme wurden von gedungenen Mördern aus Flugzeugen mit Dynamit beworfen. Längst gibt es keine Indianerdörfer mehr am Flussverlauf des Amazonas. Verbrecherbanden überfielen ihre Dörfer und säbelten die Bewohner nieder. Alle Schandtaten, die sich ausdenken lassen, wurden an diesem Volk verübt. Die Leiber der Gefesselten wurden mit Honig eingeschmiert und darauf den Ameisen zum Frass vorgeworfen; Mädchen, Frauen und Kinder an den Füssen aufgehängt und mit Manchetenhieben zweigeteilt.
 
Die Assimilierten schuften als Sklaven auf den Farmen der Grundbesitzer. Der Tod kann für sie nur Erlösung sein. Frauen und Mädchen wurden und werden missbraucht, daneben auch in die Bordelle von Rio de Janeiro und anderer Städte verschleppt. Die Rasse, die körperlich durchaus fähig zum Überleben gewesen wäre, ist vernichtet. Ausgerechnet die staatliche Stelle für Indianerschutz hat mit allen Mitteln die Treibjagd durchgeführt. Aus öffentlicher Kasse besoldete Funktionäre haben sich dazu hergegeben und für ihre Gräuel obendrein Schmiergelder einkassiert. Sie sind jetzt unter Anklage, doch der Gerichtsfall wird durch Kompetenzstreitigkeiten verzögert. Ein Grossteil der Henkersknechte entwischte, hat sich verkrochen. Wahrscheinlich räumen diese Gesellen mit den Überbleibseln auf, sollte dieser oder jener Stammesrest noch auf nutzbarem Boden hausen. Ausserdem steht fest, dass viele Missionen mit den Landbesitzern oder solchen, die es werden wollten, handelseinig geworden sind. Sie haben die Ureinwohner von ihrem Land weggelockt und halten sie in Missionen eingekapselt. Eine Rückkehr auf ihr angestammtes Land gab es für sie nicht mehr. Ihr Brauchtum ist zerstört, ihre Kultur vergewaltigt, so siechen sie dahin.
 
Die Indianer Brasiliens waren ein friedfertiges und zutrauliches Volk, lebten genügsam von der Jagd und vom Fischfang. Der Anthropologe Claude Lévy-Strauss hat ihre Gebräuche studiert und für die Nachwelt aufgeschrieben – ein historisches Dokument. Irrige Vorstellungen über die „Wilden“ widerlegte dieser Kenner. Eine Stelle aus dem Originaltext der „Sunday Times“ sei an dieser Stelle zitiert:
 
‚The consensus of all those who have lived among and studied the Indian beyond the reach of civilization is that he is the perfect human product of his environment – from which it should follow that he cannot be removed without calamitous results. Ensconced in the forest in which his ancestors have lived for thousands of years, he is as much a component of it as the tapir and the Jaguar; self-sufficient, the artificer of all his requirements, at terms with his surroundings, deeply conscious of his place in the living pattern of the visible and invisible universe.”
 
Lässt sich ein schlimmeres Schimpfwort als „Zivilisation” ausdenken? Sie drückt sich vor jeder Verantwortung, die nicht materielle Werte betrifft. Keinen Deut sind wir weiter gekommen. Die Geschichte deckt es auch in diesem Fall auf. Bischof Bartolomeo de Las Casas hat als Augenzeuge über das Ausrottungsgemetzel eines früheren Jahrhunderts berichtet, als 12 Millionen Ureinwohner Brasiliens auf scheusslichste Art abgeschlachtet wurden.
 
Liesse sich etwas für die Hinterbliebenen dieses Volkes tun? Ihnen etwa ein brauchbares Stück Land – kein Reservat – abtreten? Einen Zwergstaat im Riesenland gründen? Eine Agrarwirtschaft (für sie allein) aufbauen? Die Bürger dieses Traumstaates müssten von geschulten und redlich gesinnten Menschen unterrichtet werden (für ihren Neubeginn), die Landesgrenzen durch internationale Behörden vor Einfällen gesichert werden; jeder erdenkliche Rechtsschutz müsste dem Staatswesen gewährt werden. Beileibe tilgte dies die Kollektivschuld nicht. Ein solches Unterfangen würde nicht einmal viel kosten, gemessen an den Rüstungsmilliarden, die jährlich verschleudert werden. Einige Industriekonzerne z .B. könnten dazu die benötigten Summen spielend verkraften und sich ein Denkmal in der Geschichte setzen! Aber das ist ja schierer Idealismus …Dazu kommt es nicht. Bis 1980 gibt es in diesem 80-Millionen-Volk keine Indianer mehr.
Post Scriptum
Gewöhnlich werden Artikel gelesen und vergessen. Damit ist den Indianern nicht geholfen. Sie, werter Leser, werte Leserin, können viel dazu beitragen, um das Gewissen der Öffentlichkeit wachzurütteln. Warum nicht diesen Artikel zum Abdruck an die lokale, nationale oder sogar internationale Presse (NZZ, Frankfurter Allgemeine Zeitung usf.) weiterleiten?
 
Auch die brasilianische Botschaft oder das Konsulat sollten aufgescheucht werden. Das Blogatelier wird Zuschriften – wie immer – in die Blog-Reaktionen aufnehmen. Ich werde meinerseits bei einigen Instanzen in England vorstellig werden, zumal soeben „Sunday Times“ ein Besuch des Yanomami-Häuptlings in Westminster ankündigt, innerhalb der Initiative „Progress can kill“. Das Thema ist also aktuell.
 
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