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BLOG vom 04.03.2009


Von Bolligen BE, Haufenhöfen, dem Bantiger und Meisterfotos
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Früher waren es die Kirchenbauer, welche die schönsten Aussichtslagen für ihre Bauwerke ausgewählt haben und die Kirchenfenster dann meistens zu weit oben anbrachten, die Aussicht opfernd. Eine gewisse Nähe zum Dorf war einzuhalten, um die Kirchgänger nicht abzuhalten. Heute sind es die Kommunikationstechniker, die ihre Sendetürme, Sendemasten, Fernmeldetürme, Richtfunktürme und wie sie alle heissen mögen auf den höchsten Gipfelpunkten in Stellung bringen, um auf dem Kulminationspunkt noch an Höhe hinzu zu gewinnen. Man sieht die Türme gut, und diese ihrerseits erfreuen sich einer herrlichen Aussicht in alle Himmelsrichtungen. Das sind die neuen Religionssymbole des Kommunikationszeitalters. Doch die schöne Aussicht ist den Türmen so lang wie breit bzw. hoch. Ihnen geht es vielmehr darum, im Mittelpunkt des Strahlensalats zu sein, aus dem sich die Antennen ihre Spezialitäten herausfischen oder über Sendeantennen ungehindert in alle Welt verbreiten können.
 
Der Bantiger-Turm
Eine turmartige Sendestation der Swisscom Broadcast AG steht auf dem Bantiger bei Bern (rund 950 m über Meer) auf dem Gemeindegebiet von Bolligen (Bezirk Bern), wo des guten Überblicks wegen früher eine Hochwacht war. Solche Signalpunkte zur Weitergabe von Meldungen und Alarmen begnügten sich mit Signalfeuern; Signalfunkfeuer aber waren ihnen zu jenen von Beschaulichkeit geprägten Zeiten noch fremd. Auf dem Bantiger ist auch ein Signalpunkt der Landesvermessung, ein Triangulationspunkt 2. Ordnung mit Pfeiler und Pyramide, deren Form bemerkenswerterweise aus dem Hochwachtfeuer hervorgegangen ist.
 
Der schlanke, 1992 bis 1996 erstellte Bantiger-Turm ist 196,2 m hoch, und man sieht ihn schon auf der Fahrt von der A1 (von Zürich nach Bern) aus vor sich, längst bevor man das Grauholz erreicht. Der sich nach oben verjüngende Turm, ein erdbebensicher verankerter Betonschaft mit eingebautem Personenlift, ist rundum mit allerhand Zubehör garniert, wozu ein Treppenturm für den Publikumsaufstieg und -abstieg gehört. Der Zugang zur Aussichtsterrasse über eine engmaschige Gitterrosttreppe ist frei und unproblematisch; zuoberst sind Rundtreppen als Vorbereitung auf den Rundblick.
 
Von der Aussichtsterrasse, 33,7 m über dem Boden, kann das Panorama in allen Himmelsrichtungen genossen werden. Als ich am Mittag des 27.02.2009 bei gutem, aufklarendem Wetter dort oben angekommen war, waren die Berg- und Hügelkränze im milchigen Dunst nur angedeutet. Die ausführlich beschrifteten Panoramatafeln aus dem Jahr 1997, basierend auf einem digitalen Höhenmodell, liessen wesentlich mehr von der Welt der Berge und des Mittellands erkennen als die leicht verschleierte 1:1-Landschaft. Das Panorama deckt eine Fläche von 2187 km2 ab.
 
In der Nähe trat die heimelige Hügellandschaft des verschneiten Emmentals mit den wuchtigen Walmdächern über den verstreuten, stolzen Häusern herrlich klar hervor; auf einem sind Sonnenkollektoren montiert. Auf der gegenüberliegenden südwestlichen Seite deuteten sich die ausufernde Bundeshauptstadt Bern und der Jura-Hügelzug an.
 
Gleich oberhalb der Turmterrasse befinden sich eine Ansammlung schüsselartiger Richtfunk-Antennen und eine verglaste Richtfunkkanzel, auf der die TV- und UKW-Antennen wie ein Dachreiter sitzen, die von einer Hindernisleuchte gekrönt werden, damit kein Flugzeug daran hängen bleibt und dadurch die Programme stört. Zuoberst ist eine 1,4 m lange Nähnadel aus Edelstahl, durch deren Öhr sich der Blitz fädeln kann, wenn immer es ihm gefällt und er Lust verspürt, Natur und Technik zu vereinen.
 
Schon 1954 stand auf dem Bantiger ein kleinerer, 60 m hoher Turm, trotz naturschützerischer Proteste, und ab 1955 wurden mit dessen Hilfe die Fernsehprogramme und später die ersten UKW-Sendungen von Radio DRS verbreitet. Dessen gezeichnetes Panorama von Rudolf Knöpfli dekoriert heute das Innere der Kanzel des neuen Sendeturms, die aber nur im Rahmen von Führungen zugänglich ist. Der alte Turm wurde 1996 demontiert.
 
Wie man auf den Bantiger gelangt
Ich hatte an jenem Tag eine Besprechung in Bolligen, wo der Wegwarte-Verlag von Fernand („Sepp“) und Ursula Rausser domiziliert ist, und selbstverständlich räumte ich mir vorgängig einige Stunden zum Erkunden der Umgebung ein – der Verbindung des Worblentals mit dem Emmental, wo der Bach namens Lutzere die Wasserscheide zwischen Emme und Aare bildet. Für Freunde der Baudenkmäler sind die reformierte Kirche Bolligen aus dem 12. Jahrhundert mit der Louis-XVI.-Orgel und die Renaissancekanzel von 1628 neben der Pfrundscheune und dem Pfarrhaus von 1581, in dem es ein Zimmer mit Grisaille-Malereien gibt, als Sehenswürdigkeiten zu nennen. Und zudem darf erwähnt werden, dass sich Bolligen auch für bunte Farben in Form einer ökologischen Umgebungsgestaltung hinsichtlich der Gärten, Balkone, Vorplätze, Fassaden, Dächer und öffentlicher Räume einsetzt, woraus man erkennt, dass hier intelligente Menschen wohnen, die sich zum Teil in der „Arbeitsgruppe Siedlungsökologie“ vereinigt haben.
 
Über dem Dorf thront eine merkwürdige Felsformation, der „Elefant von Geristein“, der vom oberen Teil des Dorfs (Stockerenstrasse) wie ein überdimensionierter Menschenkopf aussieht; man müsste auf die andere Seite, um den Rüssel und die Öffnung im Stein zu erkennen.
 
Vom bäuerlich geprägten Dorfzentrum aus wählte ich die nach Osten führende Flugbrunnenstrasse, hielt auf dem Parkplatz „Brächhütte“ (Brechhütte) unterhalb des Weilers Bantigen mit seinen riegelbauartigen Bauernhäusern an. Wie die benachbarten Weiler Flugbrunnen und Ferenberg, die ebenfalls zur Gemeinde Bolligen gehören, ist das ein schönes Beispiel herkömmlicher Landwirtschafts- und Wohnkultur mit ihren Haupt- und Nebengebäuden, von der Viehhaltung geprägt; dazu gehören aber auch Waldanteile und Ackerland. Die einzelnen bäuerlichen Höfe wachsen sich manchmal zu kleinen Haufendörfern mit Speichern und Altenteilen (Stöckli für die betagten Eltern) aus – sie sind fest in der weissen oder bald einmal grünen Landschaft verankert.
 
Eine knapp 3 Meter breite Strasse führt via Ferenberg bis zum Bantiger-Turm hinauf. Doch etwa 20 Fussgängerminuten vor dem Gipfel, im Gebiet Cholgrube (Kohlgrube, 820 m), verwehrt eine Tafel die Weiterfahrt, und man kann das Auto dort abstellen. Ich folgte der ansteigenden Fahrstrasse für den Forst- und Telecomverkehr und verzehrte dabei den Anschnitt eines herrlichen Ruchbrots aus dem Holzofen der Schlossbäckerei Biberstein AG, das ich mitgebracht hatte, vom Duft verführt. Einmal mehr blieb ich von Erstickungs- und Verdurstungstod verschont. Notfalls hätte ich mir eine Handvoll des Schnees, der in grossen, ziemlich weissen Mahden am Strassenrand lag, in den ausgetrockneten Mund gestopft. Diese Rettungsaktion erübrigte sich.
 
Die Wälder sind forstwirtschaftlich und auch vom Sturm „Lothar" (1999) übel strapaziert, was vielleicht zum Teil auf das „Aussichtsrecht“ zurückzuführen sein könnte, was früher das Aushauen von Schneisen im Gipfelwald erforderte. Das ist jetzt nicht mehr nötig. Über eine betonierte Treppe erreichte ich das Turmfundament, stieg die Stahltreppen empor, und der Ausblick nahm mich sogleich in Beschlag.
 
Ich hatte das Gefühl, der Bantiger gehöre an diesem schönen, vorfrühlingshaften Tag mir allein. Doch beim Rückmarsch zum Parkplatz kam mir eine reife, rotblonde, aus Deutschland stammende, zierliche Dame mit einem noch jungen Schäferhund entgegen, und ich fragte sie nach der Uhrzeit. Sie öffnete bereitwillig ihren kleinen Rucksack, kramte ihr Handy hervor und sagte: „Dreizehn Uhr und vier Minuten.“ Ich bedankte mich für diese Mühen freundlich und merkte mir den angegebenen Zeitpunkt, zumal ich ihn alle 24 Stunden wieder brauchen kann. Beengungen durch ein Armbanduhrenband schätze ich überhaupt nicht. Selbst der Gummi der Socken, der den Knöchelbereich abschnürt und die Zirkulation der Lebensenergie behindert, ist für mich ein Gräuel.
 
Fotokurs
Pünktlich um 13.30 Uhr kam ich dann bei Raussers am Rand des Bolliger Wohngebiets an, wurde freundlich mit einem frischen Fruchtsaft empfangen – in einem Haus, das die Geschichte eines langen Meisterfotografenlebens erzählt und dessen ausgesprochenes Fluidum auch 1 silbergraue Katze, 2 Siammischlinge und eine Schildpatt, zutrauliche Katzen allesamt, geniessen. Und alles, was ich gesehen hatte, wurde durch Sepps Landschaftsaufnahmen aus allen Erdteilen, die er mir unter Beizug eines alten Diaprojektors zeigte, in den Schatten gestellt. Ganz unverhofft (und ohne dies zu beabsichtigen) erteilte mir Fernand Rausser damit eine Lektion im Schauen, im fotografischen Gestalten. Ich fotografiere selber seit über 50 Jahren, ohne diese Virtuosität auch nur annähernd entwickelt zu haben. Sepp arbeitet nicht einfach in landläufiger Art mit Vorder- und Hintergrund, sondern der Landschaftsausschnitt ist wie eine Tapete, und ein geschickt ins Bild gerücktes Detail ist es, welches der Gesamtaufnahme Bedeutung, Aussage und manchmal auch Witz gibt. Das kann zum Beispiel ein einzelner Baum in einer riesigen Landwirtschaftswüste sein. So etwas regt zum Nachdenken an: Wie konnte dieser Baum, der die maschinelle Bearbeitung des ausgeebneten Ackerbodens doch nur stört, hier überleben?
 
Sepp sagte mir, beim Fotografieren müsse man alle angelernten Regeln und Konventionen vergessen, sich von einer Komposition hinreissen lassen und diese so ins Bild rücken, dass sie zum Betrachter spricht. Auch den Reiz von Gegenlichtaufnahmen bezieht er immer wieder ein – er ist ein Meister der Fotografie, der ausgetretene Pfade in einer Naturlandschaft zweifellos als bezauberndes Sujet entdecken würde, sie aber selber niemals begeht.
 
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