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BLOG vom 03.04.2009


Biber-Mangel offensichtlich: Rodungen auf den Aaredämmen
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Die 56 Biber, die zwischen 1964 und 1978 im Aargau – und insbesondere auch in Biberstein an der Aare – ausgesetzt worden sind, haben sich auftragsgemäss vermehrt. Bei einer Bestandeserhebung im Winter 2007/08 wurde der Bestand auf 270 Tiere geschätzt. Man sieht diese Tiere, die sich auch durch schwierige Zeiten tapfer durchbeissen, selten, sind sie doch dämmerungs- und nachtaktiv. Häufig aber begegnet man den Spuren ihrer Nageaktivitäten. Die Biber können praktisch nur aufgrund ihrer Spuren wie den Biberburgen und anderen Erdbauten, Fussabdrücken und eben ihrer Baumfällaktionen gezählt werden. Es ist, als ob man die Zahl der Waldarbeiter anhand der Traktorspuren, den Scheiterbeigen und Rodungen zählen würde; selbstverständlich haben wir zivilisierten Menschen für die Letzteren weit exaktere Zählmethoden entwickelt (entsprechende Anfragen sind an die Forstämter während der Bürozeit zu richten).
 
Die wunderbare Biber-Vermehrung genügt aber bei Weitem noch nicht, wie ich an einem aktuellen Beispiel beweisen kann: Auf und an den Aare-Dämmen im Raume Biberstein, Rohrer Schachen, Auenstein, Rupperswil und hinauf zur neuen Staffeleggstrassenbrücke sind in den vergangenen Wochen viele Bäume und Sträucher gefällt worden – und dies nicht etwa durch die Biber, sondern durch die Motorsägen-Akrobaten des Forstamts Auenstein/Rupperswil.
 
Eine von der ANL (AG Natur und Landschaft) in Aarau verfasste Hinweistafel am Südkopf der Bibersteiner Aarebrücke klärt auf, worum es geht:
 
„Seit dem Bau des Kraftwerks Rupperswil-Auenstein im Jahre 1945 hat sich die Vegetation im Konzessionsbereich stark verändert. Die vormals unbepflanzten Dämme sind heute grösstenteils mit Bäumen bewachsen. Die bewaldete Fläche nahm zu und die Baumkronen wuchsen zusammen. Folgen für die Natur und den Erholungssuchenden:
 
• Der dichte Bewuchs versperrt die Sicht auf die Aare.
• Kein Licht im Uferbereich aufgrund des dichten Blätterdachs.
• Weil nur wenig Licht auf den Boden dringt, ist der Unterwuchs spärlich und artenarm.
• Die Vegetation entlang der Ufer ähnelt der eines dichten Waldes.
 
Zielzustand durch Pflege- und Holzerarbeiten: Mit einem grosszügigen Holzschlag als gestalterischer Eingriff wird die Situation für Natur und Mensch optimiert. Der Holzschlag erfolgt nach Absprache mit dem Förster des Forstamts Auenstein/Rupperswil:
 
• Schaffung von strukturreichen, lichten Wäldern mit Ausblick auf die Aare.
• Förderung der standorttypischen Ufervegetation (Röhricht, Silberweiden, Erlen, Schwarzpappeln).“
 
Ein direkter Zusammenhang mit dem Auenschutzpark Aargau, der hier einen grossen Teil seiner Renaissance erlebt, aber auch andere Flussläufe (Reuss, Rhein, Limmat und Bünz) bereichern und beleben wird, ist nicht hergestellt, gleichwohl aber gegeben. Der Kanton Aargau hat dem Kraftwerk die Dammpflege per Konzession aufgebürdet. Die natürliche Dynamik wird zwar auch durch diese Auslichtung, die längst fällig war, verbessert, kann aber nicht vollumfänglich zugelassen werden (schon gar nicht auf künstlichen Dämmen), so dass – nicht allein des Bibermangels wegen – überall noch eingegriffen und nachgeholfen werden muss. Das Naturgeschehen bleibt gezähmt – es gleicht eher einem dressierten Haushund als einem Wolf, der sich nicht in vorgegebenen Strukturen bewegen muss.
 
So findet man denn nord- und südseitig der Bibersteiner Brücke viele grosse Baumstämme und hohe Asthaufen herumliegen, die nicht Sturm- oder Hochwasser-, sondern Kettensägespuren aufweisen. Das sind neue Lebensräume, falls sie nicht weggeräumt werden; denn noch immer gibt es ökologisch verbildete Leute, die herumliegendes Holz als Sauerei empfinden.
 
Am Sonntag, 29.03.2009, habe ich die Rodungsgebiete abgewandert, aareaufwärts bis zur neuen Staffeleggzubringer-Brücke, die vorerst nur von Joggern, Wanderern und Velofahrern benützt werden kann. Beim Blick von der Brücke aareabwärts aus erhält man einen guten Überblick über die Bemühungen, der Aare mehr Auslauf zu geben; Dämme wurden zurückversetzt. Ein Biber hat auch dort an einer ausgewachsenen Esche unmittelbar über der Erde die Rinde mit ihren schmalen Längsfurchen entfernt und das helle, harte und elastische Holz tailliert, als ob hier ein Schönheitschirurg mit bildhauerischem Geschick gewirkt hätte. Wenig daneben hat eine grosse Fichte (Rottanne) im durchnässten Boden ihren Halt verloren und ist in eine Schräglage geraten; benachbarte Bäume verhinderten das vollständige Umfallen. Der grosse Wurzelteller mitsamt dem sandigen Boden hob sich an, und darunter hat sich eine Höhle mit Weiher gebildet.
 
So hilft die Natur an der Neugestaltung der Biotope an der kanalisierten Aare also mit. Einige neue kleine Weiher sind – diesmal von Baggern – ausgebuddelt worden; auf diese Weise werden Veränderungsprozesse aufrecht erhalten. Interessant ist aber, dass, besonders bei Baumfällaktionen, die Massnahmen begründet werden müssen, damit der Vandalismusverdacht aus der Welt geschafft wird. Solche Wissensvermittlungen sind auch ökologische Lehrstücke und damit von Bedeutung.
 
Auch den Bibern empfehle ich dringend, sich an die ANL zu wenden und ihre Nagetätigkeit in Zukunft besser begründen zu lassen, auf dass man ihre aktive Mitwirkung an der Landschaftsgestaltung nicht eines Tages als Beschädigung der Umwelt missinterpretiert und sie gar auf irgendwelche Abschusslisten (heute „Schwarze Listen“ genannt) kommen. Die Steinbrücks lauern überall, nicht nur im Bereich der Steinbrücken aus Beton, die über die Aare führen.
 
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