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BLOG vom 18.07.2009


Regensberg ZH: Rosenrotes, wo der Jura beginnt oder endet
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Wo der Jura-Hügelzug sein östliches Ende findet und unters Wehntal und Glatttal abtaucht, trumpft einer seiner Ausläufer noch einmal mit einer Krone auf einem Felssporn auf: dem Landstädtchen Regensberg ZH (Bezirk Dielsdorf). Die Häuserzeilen sind auf einem ovalen Grundriss ineinander verwoben und bilden eine Ringmauer mit allen Elementen, die eine aufgelockerte Fassade ausmachen: Fenster, Balkone, Erker, pflanzliche Fassadenkletterer, Blumenschmuck, Dachvorsprünge usf. So ähnlich sah der Mittelpunkt einer Adelsherrschaft schon vor Jahrhunderten aus.
 
Das Bauensemble, das auf einem hohen Sockel ausgestellt ist, lockt zu einer näheren Betrachtung, zu der ich mich am Sonntagnachmittag, 12.07.2009, entschloss. Ich reiste aus dem Limmattal über Otelfingen und Boppelsen, links vorbei am bewaldeten „Berg“ oberhalb Buchs ZH, nach Regensberg. Bereits auf der Anhöhe Stalderen unter dem Ebracht-Hügel auf gut 600 Höhenmetern erhaschte ich über Äcker mit einem Restbestand von Einzelbäumen, vor allem beim Städtchen, und über Weinberge einen Blick auf den geschlossenen Häuserkranz des mittelalterlichen Landstädtchens. Graf Lütold V., der das Städtchen Neu-Regensberg 1244 bis 1246 erbauen liess, hatte den Ort mit Geschick ausgewählt; die im Adel vernetzten Herren von Regensberg hatten ihre Stammburg am Katzensee.
 
Ich fuhr auf diese mittelalterliche Anlage zu und stellte das Auto am Breistelweg (neben der Wehntalstrasse) im NW des Orts ab, wo sich auch die Sammelstelle für Rezyklierbares befindet, und schritt dann in gespannter Erwartung die Unterburg genannte Vorstadt hinauf zur Oberburg, welche durch den Rundturm akzentuiert ist. Noch vor den beiden Durchgängen ins Städtcheninnere (einer ist für Autos der Eingeborenen, der andere für Fussgänger gedacht) bemühten sich bei einer zerkratzten Panoramatafel viele Ausflügler um den Überblick. Die Tafel aus Aluminium, ein Geschenk der Lägern-Kalksteinbrüche AG, Regensberg, aus dem Jahr 1948, die auf 606,63 m. ü. M. installiert ist, liess die Landschaft gerade deutlicher erkennen als die etwas eingetrübte Wirklichkeit. Das Panorama reicht von Ober-Mettmenstetten über den Alpstein, die Churfirsten und den Glärnisch bis zum Titlis. Im Vordergrund sind Dielsdorf, Niederhasli und Niederglatt am Treffpunkt des Wehn- und Glatttals. Und den Himmel über alledem schmückt der Flugverkehr aus dem nahen Flughafen Zürich. Die Donnervögel steigen dort steil aufwärts, eine in Wirtschaftsstatistiken rar gewordene Richtung.
 
Anschliessend war der Eintritt in die Oberburg durch den Durchgang fällig. Der befindet sich unter dem 1540 errichteten und 1832 umgebauten Gasthof zur Krone, ein ehemaliges Gesellen- und Gemeindewirtshaus, als behäbiger Riegelbau. Ein Stadttor im eigentlichen Sinne war dieser Eingang nie, obschon er praktisch diese Aufgabe wahrnahm. Das Bild im geschlossen wirkenden Städtchen beeindruckt durch die zusammengebauten, originellen Kleinstadthäuser, deren Oberteile oft in Riegelbauweise (Fachwerk) erstellt sind. Vom ursprünglichen Baubestand ist nicht viel mehr als der runde, 21 m hohe Bergfried mit seinen unten mehr als 3 m dicken Mauern (bei 29 m Umfang) erhalten. Solche Rundtürme haben in dieser Gegend Seltenheitswert – im savoyischen Einflussgebiet aber sind sie an der Tagesordnung. Der heutige Turmabschluss mit Zinne und Tuffsteingewölbe entstand 1766 und ersetzte den Spitzhelm, der nach einem Blitzschlag abgebrannt war. Der Turm dient heute als Aussichtspunkt, ist wegen Renovationsarbeiten allerdings bis zum 24.10.2009 geschlossen. Die Kosten sind auf 750 000 CHF veranschlagt. Dann wird es darin eine Ausstellung über die bewegte Geschichte von Regensberg geben.
 
Zu dieser Geschichte gehört der Verkauf des Städtchens von 1302 ans aufstrebende Haus Habsburg-Österreich, weil die Freiherren verarmt waren. 1409/17 hatte auch Herzog Friedrich leere Taschen und verkaufte die Herrschaft Regensberg zusammen mit dem Städtchen Bülach an die Zürcher. Kriegerische Händel setzten dem Städtchen immer wieder zu, und zudem wütete 1540 ein verheerender Brand. Doch setzte sich der Wille zum Wiederaufbau durch.
 
Eine Attraktion unter vielen anderen ist das 1665/66 errichtete ehemalige und 1918/19 ehemalige Amtshaus. Berühmt ist sodann das Engelfriedhaus mit seinem halbrunden Befestigungsturm an der Talfront. Das romantische Hotel „Rote Rose“ wird neusprachlich als Guesthouse bezeichnet. Auch die World Federation of Rose Societes hat sich hier etabliert, der Dachverband von rund 40 nationalen Rosenverbänden. So ist im Städtchenzentrum manches in Rot, im Zeichen der Rose. Ein 3000 Jahre alter Spruch des Persers Sadi ist in Stein gemeisselt:
 
DER SCHATZ UND DER DRACHE
DIE ROSE UND DER DORN
KUMMER UND FREUDE
SIND INEINANDER VERSCHLUNGEN
 
Zum Thema Kummer: Ewas ausserhalb des ehemaligen Dielsdorfer Tors steht das 1805 errichtete „Kanonenhäuschen“, in dem sich die Alarmkanone befand, mit der früher Feueralarm für das Wehntal gegeben wurde. Die 1758 konstruierte Kanone steht heute untätig vor dem dreigeschossigen Schloss mit den knallroten Fensterläden und dem beeindruckenden Barockportal; das Schloss beherbergt heute eine Sonderschule. Das 1685 entstandene Barockportal zeigt die Familienwappen der Grebel und der Engelfried.
 
An die Mühsale mit der Wasserversorgung auf der Hügelkuppe erinnert der tiefste Sodbrunnen der Schweiz, der nach 1245 in mehrjähriger Arbeit aus dem Kalkstein herausgehauen und bis 1632 benutzt wurde. Dann, als das Wasser offenbar aufwärts zu fliessen begonnen hatte ..., verkam dieser „Galchbrunnen“ zur Abfallgrube, wurde aber im Oktober 1960 ausgeräumt und inwendig beleuchtet – bis in eine Tiefe von 57 m: eine Touristenattraktion. Durch den Einwurf von 1 CHF an einem seitlichen Schlitz kann man die Innenbeleuchtung in Betrieb setzen und durchs Gitter einen Blick in die Tiefe ergattern. Eine deutsche Familie versuchte mit einem Taschenmesser, den Münzeinwurf auszuhebeln und das Licht auf diese sparsame Art dennoch einzuschalten. Köpfchen. Ganz in der Nähe ist der stattliche, 1632 errichtete und 1743 von den Steinmetzen Gebrüder Däniker aus Zürich erneuerte Dorfbrunnen mit dem Löwen auf der Brunnensäule, der die Schilde mit dem Regensberger und Zürcher Wappen mit seinen Pranken fest im Griff hat. Das 5 m weite Becken ist von 10 Brüstungsplatten umrahmt, die wiederum von geschmiedeten Bändern zusammengehalten werden.
 
Die schlichte rechteckige Kirche, die zum Ensemble gehört, hat keinen Chor, dafür eine Empore. Sie ist aus einer schon 1255 erwähnten Kapelle herausgewachsen, wurde 1506, nachdem sie im Alten Zürichkrieg schwer gelitten hatte, von Grund auf erneuert und häufig renoviert. Das zentrale, in einem farbigen Glasfenster dargestellte Ereignis ist Jesus bei der Tempelreinigung, wenn ich richtig interpretiere. Ein auf dem Glasgemälde dargestellter Händler packt gerade den Goldschmuck zusammen und macht sich fluchtbereit. In einem kleinen Bau zwischen Kirche und dem mächtigen Pfarrhaus, die in den Mauerring einbezogen sind, ist das Ortsmuseum untergebracht. Der berühmteste Regensberger Bürger, Heinrich Angst (1847‒1922), der 1. Direktor des Schweizerischen Landesmuseums, hat viele Objekte beigesteuert.
 
Im Prinzip ist Regensberg eine Ansammlung von Sehenswürdigkeiten, die hier nur unvollständig erwähnt werden können. Auf dem Rückweg hat mich eine Gedenktafel mit einem Pflug darauf neben einer Eibe besonders angesprochen: „TRUTZ DER NOT DURCH SCHWEIZERBROT.“ Sie ehrt Friedrich Traugott Wahlen, ehemaliger Bauer und Bundesrat, der die so genannte „Anbauschlacht“ im 2. Weltkrieg organisierte – eine Massnahme zur Selbstversorgung der von kriegerischen Mächten umgebenen Schweiz. Was würde er wohl heute zur bundesrätlichen Landwirtschaftspolitik sagen, die sich zunehmenden ausländischen Einflüssen unterwirft, ja, denen geradezu Vorschub leistet, und die Bauern von den Feldern und Äckern vertreibt statt ehrt. Die momentane Volkswirtschaftsministerin Doris Leuthard macht keine Anstrengungen, sich ein solches Denkmal zu verdienen.
 
Auf einem schmalen Gartenweg vor der Ostfassade erhielt ich ganz neue architektonische Eindrücke von einem kleinmassstäblich gegliederten Lebensraum, wo früher Vieh untergebracht war. Ein Bewohner, der aus einem Fenster schaute und sich als Toggenburger herausstellte, erwiderte meine Begeisterung: „S’chönnt niene schönner see“ (Es könnte nirgends schöner sein), sprach er in den jungen Sonntagabend hinein.
 
Im Unterdorf setzte ich mich ins Gartenrestaurant beim Gasthof zum Löwen und bestellte einen Coupe Kaffee-Zwetschgen zur Erfrischung. Es war das einzige offene Restaurant; das Bellevue löst den Betrieb eben auf. Ein älteres Ehepaar aus Altstetten ZH, an dessen Tisch ich mich niederliess, hatte mich dazu inspiriert. Die beiden assen zügig – sonst verlaufe das süsse Eis, sagte die Frau. Auch mein Coupe, dessen Aussehen ganz und gar nicht mit der Frisco-Karte übereinstimmte, hatte das Eisstadium bereits überwunden, schmolz wie das Eis in der Arktis, obschon die Temperatur bloss bei etwa 25 °C lag. Vielleicht war der Tiefkühler defekt.
 
Nicht nur alte Häuser und Türme benötigen beim Dahinschmelzen der Zeit gelegentlich eine Erneuerung.
 
Quellen
Walser, Oscar: „Zürcher Landstädtchen“, Orell Füssli Verlag, Zürich 1974.
TCS: „Das grosse Freizeit- und Erlebnisbuch Schweizer Städte“. Verlag Kümmerly + Frey, Bern 1990.
 
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