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BLOG vom 20.05.2010


Unbelehrbarkeitsaspekte: Schatten der Staatsbankrott-Blase
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein/AG CH (Textatelier.com)
 
 
„Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können,
muss man vor allem ein Schaf sein.“
Albert Einstein
*
Das Beharrungsvermögen des Menschen ist offensichtlich ausgeprägter als seine Belehrbarkeit, als seine Fähigkeit, aus offensichtlichen Missständen die richtigen Konsequenzen zu ziehen. An Beispielen besteht keinerlei Mangel: Im Finanzsektor gab es schon 1637 den berühmten Tulpenzwiebel-Boom. Haus und Hof wurden verpfändet, um einzelne Zwiebeln kaufen und (hoffentlich) zu einem höheren Preis weiterverkaufen zu können. Viele Leute, die der Tulpenmania erlegen waren, verarmten, als die Spekulationsluft aus den Zwiebeln entschwunden war. Zwischen 1711 und 1720 wuchs dann die „South Sea Trading Company“ zum Börsenstar heran. Sie handelte mit exotischen Kostbarkeiten wie Rohstoffe und (günstiger zu haben) Sklaven, bis die britische Regierung mit einer Art „Bubble Act“ den Schwindel abstellte und die Blase platzte. Und ein noch bekannteres Exempel: Der Schwarze Freitag, der 25.10.1929, setzte der während 5 Jahren aufgebauten Börsenblase ein Ende. Das war der Auftakt zur Weltwirtschaftskrise.
 
Die Hypokrise 2007, auch Subprime-Krise genannt (Hypothekendarlehen-Markt aus Kreditnehmern mit geringer Bonität, vermischt mit Wertschriften besserer Qualität, eine Schulden-Verbriefung und deren Weiterverkauf), reiht sich wunderbar in diese Muster aus der Vergangenheit ein. Sie bekräftigt an einem jungen Beispiel die Tatsache, dass die Geschichte eine unablässige Folge von Irrlehren und Irrtümern ist, nicht allein die Finanzgeschichte.
 
Tatkräftig gefördert von Alan Greenspan, belehnten die Amerikaner ihre Lotterbuden, die sie für Wohnzwecke nutzten, mit immer höheren Hypotheken, und das so gewonnene Geld warfen sie für Luxusprodukte heraus; die Wirtschaft blühte. Zum Begleichen der Schuldzinsen nahm man neues Geld auf (Refinanzierung). Die Amerikaner liessen sich auf Pump ein fürstliches Leben finanzieren, gestalteten den verschwenderischen US-Lebensstil, von Hollywood verherrlicht, den alle Blödiane überall auf der Welt bewunderten. Die gebündelten Schuldpapiere wurden von eingebundenen, fürstlich bezahlten Ratingagenturen (Standard & Poor’s, Fitch und Moody’s) mit Bestnoten versehen und wie Gold gehandelt beziehungsweise in Gold verwandelt, ein Wunder, das die dick aufgetragene biblischen Kana-Dimensione in den Schatten stellte – die Verwandlung von Wasser in Wein für eine ohnehin besoffene Gesellschaft.
 
Ob die perfiden, betrügerischen Falschdeklarationen durch Ratingagenturen auf Druck der Grossbanken in den USA, Deutschland und der Schweiz erfolgten, wird jetzt gerade (ausgerechnet von der US-Justiz, die dem Treiben bisher still ergeben zusah) untersucht. Haben Banken selber initiiert, worauf sie selber hereingeflogen sind und was ihnen fast den Kopf gekostet hatte? Nach Berechnungen von Thomson Reuters emittierten Wallstreet-Firmen allein zwischen 2005 und 2007 CDOs (Collateralized debt obligations =faule Hypotheken) im Umfang von 1,08 Billionen Dollar. Das Bankenwesen wurde zu einem alles bedrohenden Monster, wie der deutsche Bundespräsident Horst Köhler einst sagte.
 
Die Banken waren ins Geschäft eingebunden, bereicherten sich am florierenden Schrotthandel und drehten den verbrieften Schund ihren vertrauensseligen Kunden an. Diese schienen nicht zu wissen, dass jeder, der mit den USA eine indirekte oder direkte Verbindung hat, auf irgendeine Art ausgenommen wird und auch die Quittungen dafür hinnehmen muss. Unter derart günstigen Voraussetzungen konnten die ungedeckten Forderungen problemlos weltweit verkauft werden. Als der Schabernack aufflog, waren die Schulden amerikanischen Ursprungs zur Freude der Defizitveranstalter zu einem grossen Teil exportiert und die rissen die ganze Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds. Bankguthaben braver Sparer in allen Ländern schmolzen dahin, Sozialversicherungsreserven wurden zerstört ... wir bezahlen die amerikanische Grosskotzigkeit noch immer über alle möglichen Kanäle, zumal auch Geld von Sozialwerken verpulvert wurde.
 
Die Narretei namens Globalisierung blühte –und sie tut es noch immer. Noch heute werden zum Beispiel die Anführer der Schweizer Sozialdemokraten nicht müde, globalisierende Fusionen als Heilmittel anzupreisen, und mögen diese noch so sehr zu Lohndumping, zu einem Dahinschmelzen von Sozial- und Umweltstandards führen. Ist das der moderne Arbeitertraum? Man fügt sich ins vorgegebene Muster ein, lernt nichts, passt seine Verhaltensweise nicht an. Man tut alles, um der EU und den USA in die stets offenen Messer zu laufen – Sammelklagen und politischer Terror auf Staatsebenen sind so sicher wie das Amen in den Kirchen; die Opferstöcke müssen gefüllt werden.
 
Als die Hypokrise ihren Tiefpunkt erreicht hatte und wieder Vertrauen herbeigeschwatzt war, ging es im gleichen konkursiten Stil weiter, allerdings bei Dimensionen, die um Grössenordnungen erweitert umso gefährlicher sind; die Abzockereien durch Finanzmanager sind entsprechend mitgewachsen, ermöglicht auch durch staatliche Unterstützungsmassnahmen – der momentan beste Witz. Jetzt werden überall auf der Erde durch ein Leben über die finanziellen Möglichkeiten hinaus Staatsbankrotte vorbereitet. Das geschieht wiederum nach Vorgaben aus den Vereinigten Staaten, die gigantische Summen allein in ihre Kriege investieren und immer mehr, bis etwa 2040, voraussichtlich ihre gesamten Einnahmen für Schuldendienste aufwenden müssen. Wiederum sind in diesem Narrenhaus die Staatsanleihen mit beschönigenden Bestnoten geschmückt: AAA. Die kollektive Verblödung kennt absolut keine Grenzen mehr. Der Wirtschaftskrieg, der Wohlstand vernichtet bzw. an die US-Hochfinanz überführt, ist in vollem Gang. Wahrscheinlich ist das, was wir haben, erst der Anfang.
 
Griechenland konnte die Manöver zur Schuldenvertuschung nicht mehr weiterführen. Was bereits dieses Zusammenbrüchlein von lokalem Charakter auslöste, lässt erahnen, was passieren wird, wenn die grossen Pleitiers wie die USA, Grossbritannien, Spanien, Deutschland usf. ihren Verpflichtungen selbst durch immer neue trickreiche Mätzchen nicht mehr nachkommen können. Griechenland allein wäre in der Lage, den gesamten Euro ins Nirwana schicken und das Konstrukt Europäische Union (EU) beenden, würden keine Stützungsmassnahmen aus den leeren Kassen anderer EU-Länder eingeleitet. Noch so ein kanaisches Wunder.
 
Die Menschen müssen mehr Steuern zahlen, können weniger kaufen, was der Wirtschaft schadet, und erhalten weniger Sozialleistungen. Die Folgen: Unzufriedenheit, Unruhen. Vor dem 2. Weltkrieg kam es aus ähnlichen Gründen zu einem Rüstungswettlauf, den Grossbritannien schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingeleitet hatte und der dann auch Frankreich, Polen, die Tschechoslowakei usf. erfasste und Deutschland zu ähnlichem Handeln zwang.
 
Gravierende Wirtschaftskrisen können ungeahnte Folgen haben, auch auf staatspolitischem Gebiet. Die Staaten, die im Rahmen der heutigen neoliberalen Globalisierung der vogelfrei umherziehenden Wirtschaft noch günstige Produktionsbedingungen bereitstellen durften, werden nach all den Eskapaden im Finanz- und Wirtschaftswesen, deren Verluste sie mitzutragen hatten, zu Organen der Regulierung, der Überwachung. Der Traum von der Selbststeuerung der Wirtschaft unter den neoliberalen Vorzeichen erweist sich als Illusion.
 
Die Ordnungsrahmen werden enger, sobald Finanzinstitute öffentliche Steuermittel in Anspruch nehmen. Gerade die EU muss mehr noch als bisher in die Politik der in ihr vereinigten Staaten eingreifen, deren politische Macht begrenzen, weil diese ja immer einen Einfluss auf die Staatsausgaben ausübt, so dass ein Lotterleben auf Kosten Anderer rechtzeitig unterbunden werden kann. Sonst muss sie diese auf Kosten der Allgemeinheit vor Bankrotten retten. Währungsunionen können nicht losgelöst von der Staatspolitik betrieben werden, ansonsten sie am Egoismus einzelner Staaten scheitern und zu Transfer- bzw. am Ende wohl Inflationsunionen werden, in denen die faulen Verschwender die fleissigen Sparsamen ausnehmen.
 
Selbst die eingebundenen, in Informationsunterdrückung und -lenkung geübten Medien können solche Mechanismen nicht mehr totschweigen. Und jetzt glaubt man halt noch den vereinzelten Schönwetterpropheten, die von sich geben, es sei doch alles nur halb so schlimm und das alles führe doch bloss zur Stärkung der Systeme (als ob das erwünscht wäre).
 
Interessant ist, dass ich bisher in der Schweiz, deren Links-Mitte-Abteilung noch heute so unendlich gern EU-Mitglied werden würde, bisher kaum Stimmen gehört habe, welche die Einsicht bekunden, dass ein EU-Beitritt für unseren souveränen und mit seinen Finanzen verantwortungsbewusst umgehenden Staat aus Abschied und Traktanden fallen müsse. Globalisierung mit der Endstation Weltregierung und nationale Souveränitäten schliessen einander aus. Infolgedessen tritt man, wenn man frei von masochistischen Veranlagungen ist, doch nicht einem hoch verschuldeten Club bei, der individuelle Regungen zunehmend durch eine zentralistische Führung ersetzen muss und in dem alles nach tief unten nivelliert wird. Die ausgeebnete Fläche eignet sich bestens für Dominospiele mit dem Dominoeffekt.
 
Zu derartigen Erkenntnissen gelangen die die heutigen Gehirne nicht mehr. Ich versuche oft, Begründungen für solche Vorgänge zu finden, vergebens. Am ehesten erklären sie sich aus dem Umstand, dass gewisse Prämissen unverrückbar sind. Dazu gehört die Unterwerfung der Völker durch eine Nation, die nicht etwa geistig oder moralisch dominiert, sondern durch nackte Gewalt inkl. Folter, motiviert durch Lügen, Manipulationen, Repressionen und weiteren Ungerechtigkeiten aller Art die Oberherrschaft über die Welt gewonnen hat, auch wenn im Moment erfreulicherweise Erosionserscheinungen nicht zu übersehen sind.
 
Da sich die wichtigsten Medien dieser Strategie, die diesen Namen verdient, unterworfen haben, kommt es zu einem enormen Meinungsdruck, dem sich der Normalverbraucher als sozialisiertes Wesen beugen muss, wenn er nicht ständig argumentieren und sich in die Schandecke stellen lassen will. Oft geht man heiklen Diskussionen als Massnahme des Selbstschutzes aus dem Weg. Mit der viel gepriesenen Gesinnungsfreiheit ist es bei der weltanschaulichen Gängelung nach dem Muster der Verbreitung von Religionsdogmen also nicht mehr sehr weit her.
 
Die Diskussionen bewegen sich auf der Ebene sträflich vereinfachter Muster wie der simplen Aufteilung in Gut und Böse, ohne Grautöne. Merke: Die USA sind immer gut. Wie in der Religion und in der Pädagogik wird der Gehorsame belohnt und der Unangepasste, der „Böse“, bestraft und mit schweren Sanktionen bedacht, wenn möglich ruiniert. Wie vor der Erfindung des Buchdrucks kann man sein Verhalten von Bildern lehren – insbesondere von Feindbildern, als da sind Populisten (die dem Volk in verständlicher Sprache aus dem Herzen sprechen), Nationalisten (die zu ihrem Staat stehen, was nur noch im Sport erlaubt ist), Antisemiten (die den Juden keine besonderen Vorrechte einräumen), Antiamerikaner (die nicht alles mitmachen, was aus den USA vorgeschrieben wird), Umweltschützer (die einen intakten Lebensraum hohe Priorität einräumen), Streber (die das Heil nicht im exzessiven Sozialstaat suchen) usf.
 
So verharren wir halt in den herkömmlichen Mustern, wenden uns netten Zeitvertrieben zu, etwa dem Züchten und Vermehren von Blumenzwiebeln. Und wenn sie faul geworden sind, muss man einfach „1A“ darauf schreiben. Sobald das Geschäft besonders gut angelaufen ist und Gewinn verspricht, stellen wir zur Wachstumsförderung ein Treibhaus aus Glas oder Kunststoff in die ausgeräumte Landschaft – oder lassen uns einfach treiben.
 
Literatur und Quellen zum Thema
Hess, Walter: Kontrapunkte zur Einheitswelt. Wie man sich vor der Globalisierung retten kann“, Verlag Textatelier.com, CH-5023 Biberstein 2005. ISBN 3-9523015-0-7.
Schmeh, Klaus: „Die 55 grössten Flops der Wirtschaftsgeschichte“, Verlag Carl Ueberreuter, Wien und Frankfurt 2002.
Woltron, Klaus: „Die 7 Narrheiten des 21. Jahrhunderts“, NP-Buchverlag, St. Pölten, Wien und Linz 2003.
 
Hinweis auf weitere Blogs zum Thema Globalisierung
31.12.2004: Bilanz 2004: Überhaupt nichts im Griff
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