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BLOG vom 07.06.2010


Wölfe haben in katholischen Gebieten viel Grund zum Heulen
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein/AG CH (Textatelier.com)
 
„Tiere können nicht für sich selbst sprechen.
Deshalb ist es so wichtig,
dass wir Menschen unsere Stimme für sie erheben und uns für sie einsetzen."
Gillian Anderson
*
Der heidnische Wolf lebt im katholischen Kanton Wallis gefährlich: Am 24.11.1998 starb der „Wolf von Reckingen“ im Goms im Hagel von 40 Schrotkugeln, die auf ihn abgefeuert wurden. Im Juli 2000 wurden im Aletschgebiet Schafe gerissen, was man dem Wolf in die Pfoten schob; dabei wiesen Kotproben daraufhin, dass ein Hund der Täter war. Ein Wolf, der viele Schafen gerissen haben soll, wurde am 11.12.2008 auf der Südseite des Simplonpasses von einem Geländefahrzeug erfasst und getötet, ausgerechnet er. Und es gibt noch mehr wunderliche Dinge: Nach Medienberichten starb ein Schaf im Val d’Illiez an einem Herzanfall, weil ein anderes Schaf von einem Wolf neben ihm schwer verletzt worden war. Herzzerreissend. Am 20.08.2009 wurde der erste von 2 zum Abschuss freigegebenen Wölfen im Val d’Illiez erlegt. Soweit einige Müsterchen aus dem frommen Wallis.
 
Wölfe gab es im Wallis schon immer – und zwar in grosser Zahl; wahrscheinlich wandern viele von Italien her ein. Der Humanist Sebastian Münster (1488‒1552), der an den Universitäten Heidelberg und Basel tätig war, hielt 1545 in seiner Wallis-Beschreibung fest: „Es wonen in dissem land uff den Alpen und hohen bergen viel wonderbarliche thier. […] Hat auch vil beren, wölff […].“ Mit den „beren“ sind nicht Heidelbeeren, sondern Bären gemeint. Das schweizerische Mittelland war bereits gegen Ende des 17. Jahrhunderts vom Wolf „gesäubert“. Anschliessend räumten bis etwa um 1871 auch die Jura- und Alpenbewohner mit dem unbeliebten, hundeartigen Fleischfresser (Canis lupus) auf.
 
In der Schweiz werden rund eine halbe Million Hunde, die domestizierte Ausgabe des Wolfs, gehätschelt. Unter ihnen sind die Kampfhunde weniger scheu als die mit ihnen verwandten Wölfe. Dennoch werden die wenigen Wölfe mit überrissenen Schauergeschichten heruntergemacht, bis sie zum Abschuss frei werden. Für solche Abläufe liefert offenbar der Katholizismus einen besonders idealen Boden, wie ich bereits in der Rubrik „Kontrapunkte“ unter dem Titel „Ein Naturverständnis, das zum Himmel schreit“ kommentierend ausgeführt habe.
 
So passt es denn exakt in mein Religionsbild, dass ausgerechnet ein Vertreter der Christlichdemokratischen Volkspartei (CVP) am 02.06.2010 im Ständerat (bestehend aus je 2 Kantonsvertretern) zusammen mit Vertretern anderer Bergkantone eine Motion durchgeboxt hat, die den Schutz des Wolfs aufweichen will. Der Walliser CVP-Ständerat Jean-René Fournier fordert in seinem Vorstoss, der Bundesrat solle gegenüber dem europäischen Übereinkommen zum Schutz von Wildtieren, der so genannten Berner Konvention (1982), einen entsprechenden Vorbehalt anmelden. Fournier ist ein ausgesprochener Wolfshasser, hat bereits einen Wolf zum Abschuss freigegeben, die Leiche ausstopfen lassen und in sein Büro gestellt, eine wahrhaft stolze Leistung.
 
Bereits am 27.11.2006 hat der ständige Ausschuss der Berner Konvention einen Antrag aus der Schweiz abgelehnt, den Schutz des Wolfs zu lockern, das heisst, von einer „streng geschützten“ Art zu einer „geschützten“ Art zurückstufen. Richtig.
 
Der WWF setzt sich seit langem in vorbildlicher Weise für den Wolfsschutz ein und hat ein Projekt „Herdenschutz Graubünden“ lanciert, das vor allem auf Herdenschutzhunden basiert. Die Organisation schreibt dazu: Die Rückkehr der Wölfe führt zu Konflikten mit den Interessen des Menschen. Das Zusammenleben mit dem Grossraubtier Wolf erfordert Toleranz und den Willen, sich anzupassen. Dies betrifft vor allem die derzeitige Form der Schafhaltung, bei der die Tiere – im Gegensatz zu jahrhundertealten Traditionen – unbehirtet auf den Alpen weiden. Ungeschützte Haustiere sind für den Wolf geradezu eine Einladung, da sie leichter zu erbeuten sind als Wildtiere. Der WWF Schweiz unterstützt daher den Herdenschutz.“
 
Es gibt keinen einzigen Fall, wo ein wild lebender Wolf einen Menschen angefallen hat, auch wenn diese Raubtiere genügend Gründe dafür hätten. Statt gleich zum Gewehr zu greifen, sollte das räuberische Grosswild Mensch einige Gehirnzellen aktivieren, in Bezug auf Nahrungskonkurrenten einen Modus Vivendi finden und nicht gleich den Kriegsfall ausrufen und Scharfschützen mobilisieren. Besonders schön wäre es, wenn selbst Bibel-Religionen dafür gewonnen werden könnten. Sonst müsste man sie, allein schon aus Tierschutzgründen, in ihrem unseligen Wirken zurückbinden.
 
Wölfe bellen nur selten. Sie heulen. Ich habe Verständnis dafür.
 
Anhang
Die Berner Konvention und der Artikel 9
Das „Übereinkommen zur Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere sowie ihrer natürlichen Lebensräume“, wie die Berner Konvention im vollen Wortlaut heisst, wurde am 19.09.1979 im Rathaus Bern unterzeichnet. Heute haben sie 44 Länder sowie die Europäische Union ratifiziert. Sie schützt rund 600 Pflanzenarten, 111 Säugetier-, 363 Vogel- und zahlreiche weitere Tierarten. Damit setzt sie regional viele jener Ziele um, die mit der Biodiversitätskonvention von 1992 weltweit festgelegt wurden und ist ein wichtiges Instrument der internationalen Artenschutzpolitik.
 
Der Artikel 9 des Übereinkommens erlaubt unter bestimmten Voraussetzungen Ausnahmen von den strengen Schutzbestimmung der Konvention für Tierarten des Anhangs II („streng geschützte Arten“): Unter der Voraussetzung, dass es keine andere befriedigende Lösung gibt und die betreffende Population der geschützten Tierart nicht gefährdet wird, können Tiere dieser Arten zur Verhütung ernster Schäden, unter anderem an Viehbeständen (z. B. Wolf), oder im Interesse der öffentlichen Sicherheit (z. B. Bär) entfernt (abgeschossen) werden.
 
Die Schweiz hat, basierend auf diesem Artikel 9, mehrere Wölfe aus der Population in den Alpen (Frankreich, Italien Schweiz), die grossen Schaden an Nutztieren anrichteten, zum Abschuss freigegeben.
 
Quelle: Mediendienst des Bundesamts für Umwelt (BAFU) www.umwelt-schweiz.ch
 
Hinweis auf ein weiteres Blog über den Wolf
24.11.2005: Das Zerrbild vom „hinterlistigen bösen Wolf“ lebt erneut auf
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