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BLOG vom 14.06.2010


Obst im Arboretum: Apfel- und Birnensortenzoo am Bözberg
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein/AG CH (Textatelier.com)
 
Was ist der Unterschied zwischen einem American Mammut und einem Aargauer Jubiläum? Der Name. Hinter beiden Bezeichnungen verbirgt sich ein und derselbe Apfel. Genau so verhält es sich mit vielen anderen überlieferten Namen von Früchten. Und wahrscheinlich sind einige der 300 verschiedenen Apfel- und 100 Birnensorten, die im Sortengarten Bözberg unterhalb von den „Vier Linden“ (Unterbözberg, Gemeinde Villnachern AG) in doppelter Ausgabe als platzsparende Niederstammbäume erhalten werden (total 800 Bäumchen auf 2 Hektaren), identisch. Die Bäumchen erhalten eine Rundkrone (Öschbergkrone), wie sie sonst für Hochstammbäume üblich ist. Die Sorten stammen schwerpunktmässig aus der geografischen Region Nordwestschweiz. Auch andere Sorten aus der Schweiz, die etwas weiter vom Stamm gefallen sind, gehören dazu.
 
An verschiedenen Orten tauchte die gleiche Sorte unter einem unterschiedlichen Lokalnamen auf. Das „Forum Doracher – Lebendiges Zeihen“ (Heiner und Elli Keller-Filli, www.doracher.ch) hatte auf den 11.06.2010 zur Besichtigung des seit 1996 im Aufbau begriffenen Sortengartens eingeladen, zu jungen Bäumchen der Erkenntnis sozusagen. Der Ökologe Heiner Keller (ANL) und der Baumschulist und Sortengarten-Betreuer Thomas Winterhofen halfen dem Erkennen tatkräftig nach, die Einsichten der Interessenten bis ins Kerngehäuse der beliebten Früchte erweiternd.
 
Das Forum Doracher sammelt seit vielen Jahren alte Sorten, veranstaltet alljährlich zur Zeit der Fruchtreife in Oberzeihen oder auf dem Bözberg eine Ausstellung und versucht, an Apfel- und Birnenerbgut zu retten, was noch zu retten ist. In seinem schönen, rustikalen Ausstellungsraum im Dachgeschoss hat Heiner Keller erlebt, dass Äpfel eigentlich erst dann richtig gut schmecken, wenn sie leicht überreif sind, was auf viele andere Früchte ebenfalls zutreffen dürfte. Aber das Vergnügen, solchen herrlich duftenden Früchten zu begegnen, ist selten; sie passen nicht in Vermarktungskonzepte, weil sie bei unsachgemässer Lagerung bald braun und vielleicht faul werden; sie verabschieden sich Richtung Kompost.
 
Die Äpfel hätten jeweils die Keller, in denen sie gelagert waren, wunderbar parfümiert, erinnerte sich Keller, der Apfel- und Mostliebhaber. Heute erntet man auf den hinterbliebenen Obstbäumen kein Tafelobst mehr. Es wird vermostet, als Rinderfutter verwertet oder verfault gar auf dem Boden. Viele alte Apfelsorten sind kaum geniessbar, haben aber dennoch wichtige Eigenschaften, die etwa beim Kochen, Backen oder Mosten zur Blüte kommen. Man muss sie einfach richtig einsetzen, ein Wissen, das früher noch genau bekannt war.
 
Das Bestimmen der alten Sorten ist schwierig, besonders der vielen Mischsorten wegen. Oft helfen ältere Ausstellungsbesucher bei der Namensuche; jüngere Leute kennen die lokal gebräuchlichen Namen nicht mehr. Der wunderbar rosenartig duftende Danziger Kantapfel, der lange lagerfähige Bohnapfel und Konsorten würden allmählich das Zeitliche segnen, würde sich niemand für ihre Erhaltung einsetzen.
 
Nicht ganz nachvollziehbar sei der Umstand, dass in Forschungsstätten wie in der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Obst-, Wein- und Gartenbau Wädenswil (FAW) ständig neue Sorten gezüchtet werden, während bewährte alte Sorten verschwinden, wurde an der Führung festgestellt. Das kann wohl allein mit Marketinggründen erklärt werden. Auf der anderen Seite müssen alte Sorten aufwendig bewahrt werden. Internationale Abkommen wie die Biodiversitäts-Konvention (CBD) und der Internationale Vertrag über pflanzengenetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft haben in der Schweiz nationale Aktionspläne und nationale Aktionsprojekte (NAP-Projekte) hervorgerufen. In diesem Land gibt es zur zeit 19 Sortensammlungen (www.cps-skek.ch), wovon sich die eine eben im Bözberggebiet in der Nähe des Sindelhofs befindet, dem eine Baumschule angegliedert ist. Die Sortengärtner tauschen bei Bedarf im Winter Reiser aus, befruchten sich also gegenseitig.
 
Einem Sortengarten ist eine Sammelpflanzung mit verschiedenen Kultursorten; er ist so etwas wie ein Arboretrum. Die 19 Standorte in der Schweiz befinden sich an unterschiedlichen Lagen. Jenes am südlichen Bözbergausläufer auf etwa 500 Höhenmetern, zirka 4 km westlich von Brugg, ist ausgesprochen windexponiert, was den Pilzen das Leben erschwert. Der leicht abfallende Hang ist trocken und wird nur selten von Frost betroffen, da die kalte Luft ins Aaretal absinkt.
 
Der Bund (Bundesamt für Landwirtschaft, BLW) unterstützt den Aufwand der Sortenretter finanziell und auch personell, gibt Praktikanten eine Weiterbildungsmöglichkeit. Der Bund katalogisiert die Schweizer Sorten nach Seltenheit und bestimmt, welche davon in Sammlungen erhalten werden sollen. Mit Gen-Bestimmungen könnte etwas Ordnung ins Sortenchaos gebracht werden. Im Übrigen haben Genmanipulationen für Sortenveränderungen hier aber selbstverständlich nichts zu suchen; die herkömmlichen Züchtungsmethoden erlauben hinreichend Manipulationen.
 
Gippinger Holzapfel, Latterbacher, Fässliapfel, Saurer Maienapfel, Geflammter Kardinal, Zimtsüss, Zwetschgenapfel, Melchnauer Sonntagsapfel, Oberrieder Glanzreinette, Schoggiapfel, Petersapfel, Calviner, Chlausapfel, Schwyzerhose, Mehlbirne, Entenbirne, Rotbärtler, Häberlängler und viele andere haben am Bözberg ihre Überlebenschance erhalten. Die letzten Vertreter einer Sorte dürfen nicht krank sein; das heisst, die umzäunten Sortengärten sind „Erhaltungssammlungen, vergleichbar mit Zoologischen Gärten“ (Keller). Deshalb sind alle Sorten zweifach vorhanden; die Duplikatesammlung bietet eine bessere Überlebenschance für die einzelnen Sorten. Da hier ja kein Obst für den Markt produziert wird, werden die Baumscheiben mit Kontaktherbiziden behandelt; das Gras wird gemulcht – nach dem Mähen bleibt es liegen. Als ich Thomas Winterhofen darauf ansprach, sagte er, im Prinzip werde hier nach den Methoden des Integrierten Landbaus verfahren. Eine Betreuung nach biologischen Grundsätzen wäre mit einem grösseren Aufwand verbunden und damit mit höheren Kosten. Doch können aus den Reisern immer noch Biobäume werden. Das BLW bestimmt die Pflege, verlangt regelmässige Kontrollen und finanziert den entsprechenden Aufwand.
 
Bei einem zarten Ebersechserwildling-Bäumchen neben einem Süssen Maienapfel erzählte Thomas Winterhofen bei einer sommerlichen Temperatur von den Schwierigkeiten, die beim Aufbau eines Sortengartens zu überwinden sind. So dauerte es über 3 Jahre, bis genügend Reiser beisammen waren, die als Unterlagen der 800 Bäume dienen. Die einzelnen Pflanzen bestehen aus einem Wildling (als Unterlage: dem starken M26, aus Canterbury, England), darüber einem Stammbildner (meistes aus Boskoop, auch Lederapfel genannt) und dem Reiser aus der entsprechenden Sorte wie dem Hapigapfel, dem Singer, der Pariser Reinette usw. Die Birnbäumchen wie die Brunnenbirne mit ihrem Saft und Schmelz sitzen meistens auf Quittenunterlagen.
 
Zwischen den Alten Sorten finden sich Golden-Delicious-Bäumchen, die bekannte in den 1940er-Jahren als Zufallssämling in der New York State Agricultural Experiment Station of 630 W, Geneva, NY of 630 W, entstandene Sorte, welche den Apfelmarkt seit 1953, als die ersten Golden-Delicious-Äpfel in den Handel kamen, banalisiert. Im Sortengarten wird dieser Apfel nur als Referenzsorte gebraucht; die einzelnen, verstreuten Sortengärten haben damit einen Anhaltspunkt z. B. für Vergleiche des Blütezeitpunkts der verschiedenen Lagen.
 
Wir spazierten dann zum neu in Rotbraun gestrichenen Sindelhof (im Gebiet Unterbözberg), wo auf einem Kälbertransportgatter und einem Tisch ein Buffet mit frisch gepflückten Erdbeeren des Wädenswiler Typs, erdigem Vollkornbrot, Käse, Süssmost und Wein bereitstand (www.sindelhof.ch).
 
Der Betrieb wird zurzeit in der 4. Generation von fleissigen, fachkundigen Leuten geführt. Ein Vorgänger von Thomas Winterhofen, der den Hof seit 2006 führt, war in den 1950er-Jahren Max Stahel, der dank seines umfangreichen Fachwissens, welches er sich unter anderem im Raum Offenburg D angeeignet hatte, zu einem Pionier im Bereich Obstbau wurde. Die Bözberg-Baumschule wurde weit herum bekannt. Biodiversität ist hier kein Fremdwort.
 
Der kühle Süssmost war für mich ein herrliches Erfrischungsgetränk, eine Neubelebung der vom Föhn ausgetrockneten Atem- und Verdauungswege. Austrocknungsgefahren, ob sie Flüssigkeiten oder Sorten betreffen, müssen rechtzeitig verhindert werden – die Restbestände des Gartens Eden, in dem das Verbotene besonders gut schmeckt, verdienen schon etwas Schutz, einschliesslich ihre Bewohner.
 
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