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BLOG vom 14.06.2013


„Bias“-Jahrzehnt: Wie Entscheidungen getroffen werden
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
„Bias“ wird übersetzt mit Verzerrung, Umwege, Schiefe, Schräge, Vorspannung, Bevorzugung für eine Richtung oder Meinung gegenüber einer anderen, besonders eine unfaire.“ Etymologisch geht das Wort zurück auf die alte Sprache der Provence/Südfrankreich: Die Kugel rollte beim Spiel auf dem Rasen entweder in die eine oder in die andere Richtung.
 
Wie werden Entscheidungen getroffen? Das ist die Frage, die sich viele Menschen stellen, die die Finanzkrise in Europa verfolgen. Die Beschlüsse werden kontrovers diskutiert, die Auswirkungen davon besonders in den sogenannten Schuldnerländern scharf kritisiert.
 
Ausgehend von Entwicklungen und Fakten werden Voraussagen gemacht, die vermeintliches schnelles Handeln erforderlich machen, um damit die Befürchtung, das Finanzsystem breche in ganz Europa zusammen, abzuwenden.
 
Das ist das Problem: „Bias arises from various processes that are sometimes difficult to distinguish.” Bias ergibt sich aus verschiedenen Prozessen, die manchmal schwer zu unterscheiden sind.”
 
Das gilt besonders für Prozesse, die eine bisher noch nie dagewesene Situation umfassen.
 
Schon die Gründe für die finanziellen Schieflagen einiger europäischer Länder sind umstritten. War es ein Fehler, eine gemeinsame Währung für (fast) ganz Europa einzuführen? Hätte man die unterschiedlichen Ökonomien der EU-Länder stärker berücksichtigen müssen? Haben einige der Länder über ihre Verhältnisse gelebt? Waren es die Finanzjongleure und Spekulanten, die die Probleme verursacht haben? War es die globale Verknüpfung der Banken? Hätte man notleidende Banken nicht einfach bankrott gehen lassen können?
 
A cognitive bias is the human tendency to make systematic decisions in certain circumstances based on cognitive factors rather than evidence.”
 
Was bleibt denn als Entscheidungsgrundlage, wenn es keine anderen Beweise für die Wirksamkeit gibt als kognitive Faktoren”?
 
Die Politiker können nicht anders: Sie predigen unablässig, die Entscheidung für die einheitliche Währung in Europa sei richtig gewesen und habe zur Steigerung des Lebensstandards in vielen Ländern beigetragen. Ein Zurück zu nationalen Währungen würde ein Finanzdisaster sondergleichen und eine Wohlstandskrise hervorrufen, die der Zeit nach dem 1. Weltkrieg gleichen könnte. Was steht dahinter – gesunder Menschenverstand?
 
Der globale Handel mit Finanzprodukten, hinter denen keine realen Werte mehr stehen, ist ins Unermessliche gestiegen. Damit Banken Kredite vergeben können, haben Zentralbanken und Währungshüter das Geldleihen so billig wie nie gemacht. Geldpapiere, Wetten auf Kursverfall oder –anstieg und anderes mehr werden weltweit hin und her geschoben.
 
Im Wirtschaftskreislauf werden die Kredite für Investitionen verwendet, z. B. für Produktionsbetriebe, aber auch für Immobilien. Es wird also eine Nachfrage geschaffen, die wiederum bei knappen Gütern wie Grundstücken und Häusern die Preise erhöht. Der finanzielle Aufwand für die Güter steigt, solange eine Nachfrage danach besteht. Irgendwann ist das Limit erreicht, und die Blase platzt. Der Wert der Immobilien fällt, die Kredite werden teurer und notleidend, können also nicht mehr abgelöst werden, und die kreditgewährende Bank gerät in eine Schieflage.
 
Jetzt haben die Banken die Kredite aber nicht nur aus den Einlagen ihrer Kunden finanziert, sondern sich bei anderen Banken Geld geliehen, die sich wiederum Geld bei wieder anderen Banken geliehen haben. Droht einer Bank die Zahlungsunfähigkeit, zieht sie das ganz Bankensystem mit sich. Die Staaten haben während Jahrzehnten immer mehr Schulden aufgetürmt und zahlen häufig einen Grossteil der Einnahmen aus den Steuern als Zinsen an die Banken.
 
Bei einer Wirtschaftskrise und damit niedrigerem Steueraufkommen droht sogar ganzen Staaten, zahlungsunfähig zu werden. Das System gerät ins Wanken. Schon werden wieder Banken in den Sog mit hineingezogen.
 
Soweit mein Verständnis der Finanzkrise. Wenn ein Apfel faul ist und in einer Kiste mit vielen Äpfeln liegt, dauert es nicht lange, bis alle verrotten. Das weltweite Finanzsystem ist faul. Nach Lösungen wird händeringend gesucht. Dass Banken riskieren, bankrott zu gehen, also zu rotten, soll durch eine erhöhte Eigenkapitalquote verhindert werden. Die Pleite soll durch Anleihen, von denen niemand weiss, wann sie zurückgezahlt werden können, abgewendet werden. Die Bevölkerung der klammen Staaten sieht sich mit drastischen Sparmassnahmen konfrontiert. Darunter leidet das Wirtschaftsgeschehen. Betriebe bekommen nur noch schwer Kredite, können nicht mehr produzieren, müssen entlassen. Die Bevölkerung hat weniger Geld zur Verfügung und kann nicht mehr so viel wie bisher konsumieren. Arbeitslosigkeit, Armut und Inflation drohen. Durch die Verknüpfungen der globalisierten Weltwirtschaft betrifft das nicht nur ein Land, sondern greift auf andere über.
 
Politiker wollen vor allem eines: wiedergewählt werden. Aber sie werden für Miseren verantwortlich gemacht. Deshalb kommt es zu political bias”, zu einer verzerrten Darstellung.
 
Cognitive biases are a common outcome of human thought, and often drastically skew the reliability of anecdotal and legal evidence.” Die Zuverlässigkeit der Anekdoten und Beweise wird verzerrt, kognitive Biases, entstanden aus vermeintlichem Verständnis.
 
Politiker bedienen sich bei der Meinungsbildung der Medien. Manchmal funktioniert das auch, manchmal ist es aber fraglich, ob sich die Medien steuern lassen; manchmal ist das offensichtlich. Die Medien schieben ihre vermeintliche Schuld auf Politiker, in den letzten Jahren war das z. B. Angela Merkel in Griechenland und anderen Ländern das Opfer. Hat sie dazu beigetragen, den Crash zu verhindern oder ist es ihre Schuld, dass immer mehr Menschen arbeitslos werden?
 
The direction and degree of media bias in various countries is widely disputed.”
Die Richtung und der Grad der medialen Bias in verschiedenen Ländern ist weithin umstritten.
 
Ich bin mir sicher: Die Bevölkerung wird nicht umfassend genug informiert. Wie die Finanzentscheidungen der Politiker in der Krise zustande kommen, wird nicht klar. Ob sie überhaupt wissen, was sie tun, auch nicht.
 
Deshalb ist es interessant, zu lesen, dass es in der deutschen Bundesregierung keine Finanzfachleute gibt: Wolfgang Schäuble (Finanzminister) ist Jurist, genau wie sein für Währungen, Finanzmärkte und Europa zuständiger Staatssekretär Thomas Steffen. Steffen ist einer der mächtigsten Beamten in Berlin und organisiert den Kampf gegen die Krise. Er vertritt Deutschland in internationalen Gremien und handelt in Brüssel Rettungspakete aus. Der langjährige Versicherungsaufseher kokettiert unter Vertrauten gerne damit, von Ökonomie nicht sehr viel zu verstehen. Auch die beiden anderen Staatssekretäre – Werner Gatzer und Hans Bernhard Beus – haben Jura studiert.“ http://www.zeit.de/2013/23/europa-wirtschaftskrise-oekonomen
 
Hilft es in dieser Finanzkrise, etwas von Ökonomie zu verstehen, oder wäre das sogar schädlich? Sollte man Volkswirte in das Bundesparlament wählen oder besser nicht? Weist die Partei „Alternative für Deutschland (AfD)“ Lösungswege aus dem Dilemma?
 
Meine Bias: Der ausschlaggebende Fehler der letzten Jahrzehnte ist das Schuldenmachen. Schuldenmachen heisst nicht zuletzt, über die Verhältnisse leben, und darauf vertrauen, dass es nur „besser“ werden kann, nie schlechter. Nur die eine Richtung wird gesehen. Das resultiert in der Notwendigkeit des Kapitalismus, Wachstum zu erzeugen; in der Überzeugung der Politiker, nur durch „Geschenke“ an die Bevölkerung würden sie wieder gewählt; im Glauben, mehr haben zu müssen als der Nachbar, den überzogenen Ansprüchen, in Gier und Geiz. Dieses Denken muss sich ändern, nicht zuletzt zum Wohl nachkommender Generationen.
 
Die Finanzkrise ist nur ein Beispiel für „bias“, sie sind überall zu finden: der Atomausstieg, die Drohnenaffäre, der Flughafen in Berlin, um nur ein paar zu nennen. Wir leben in einem Jahrzehnt der Verzerrungen, der Umwege und der Entscheidungen, oft zustande gekommen ohne Fachwissen und Verstand. Muss Politik so sein?
 
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