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BLOG vom 10.03.2014


Kipper Co.: Ausgestorbene und aussterbende Berufe
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
 
Vorab seien einige Berufe erwähnt, die als ausgestorben gelten: Seifensieder, Nagelschmied, Schriftgiesser/Setzer, Punzer, Armbruster, Kipper (Pflastersteinmacher), Flösser, Kesselflicker, Kerzenzieher, Korbflechter, Eismann (Verträger von Stangeneis), Häftlimacher (repariert zerbrochenes Geschirr), Ammen, Waschfrauen.
 
Andere sind in Nischen verdrängt, wie etwa der Buchbinder oder der Milchmann (es gibt ihn noch in England!). Der Uhrmacher ist heute vornehmlich auf die Renovation von antiken Uhren, Pendülen und Standuhren spezialisiert. In London sind ausserdem viele in Hausfassaden eingelassene Grossuhren reparaturbedürftig. In Wimbledon wurde kürzlich versucht, das alte Uhrwerk oberhalb eines Pubs wieder in Gang zu bringen. Es hat bloss einige Wochen getickt, bevor es wieder seinen Ruhestand zurück gewann.
 
Der Schuhmacher hat ebenfalls weitgehend ausgedient. Wer ersetzt heute noch schiefgetretene Schuhsohlen? Mein Vater hatte einen gusseisernen Schusterleisten, worauf er meine Schuhe neu besohlte. Das ersparte viel Geld.
 
Nebenan, in Wimbledon Parkside Gardens, wurde kurzerhand ein ausgedienter antiker Polstersessel zur Abfuhr auf die Strasse gestellt. Ich bugsierte spätabends diskret das Möbel durch den Gartenweg stracks ins Haus. „Was willst du damit anfangen?” fragte mich meine Frau etwas ungehalten. „Ich lasse ihn neu aufpolstern und mit Stoff neu überziehen”, antwortete ich.
 
Ich suchte und fand schliesslich den geeigneten Handwerker, ein Polsterer, der fachmännisch das alte Füllmaterial ersetzte und die Traggurten straffte. Lily wählte den Stoff für die gepolsterten Armlehnen, die Rückenstütze und Sitzfläche. Lily und ich teilen seither diesen bequemen Sessel abwechselnd …
*
Die Redensart „Handwerk hat goldenen Boden” muss rechtens wie folgt ergänzt werden: „Sprach der Weber, da schien ihm die Sonne in den leeren Brotbeutel.“ Allgemein verdienten Handwerker wenig. Jetzt hat das Handwerk tatsächlich aber wieder goldenen Boden gewonnen. Die Nachfrage nach gediegen gefertigtem Gebrauchsgut und Zierobjekte, als Einzelstücke oder in limitierter Serie hergestellt, hat Aufwind gewonnen. Ateliers werden eröffnet, worin ausgebildete Handwerker, worunter auch Gold- und Silberschmiede, wirken und Käufer finden, die der Massenproduktion den Rücken kehren. Auch die Branche der Restauratoren von Antiquitäten lebt auf und sichert den Weiterbestand des kunstgewerblichen Fachwissens. Somit wird neuen Einsteigern eine selbständige Erwerbsgrundlage, mit gutem Verdienst, erschlossen.
 
Es gibt allerlei Fachmessen und Ausstellungen, wo man Handwerker bei der Arbeit beobachten kann. An einem Stand verweilte ich, wo ein Spezialist fingerfertig einen antiken Teppich ausbesserte. Einige Kniffe habe ich ihm dabei abgeschaut. Für meinen Eigenbedarf gilt es, das richtige Arbeitsmaterial zu beschaffen. Ich habe verschiedene Kataloge, worin ich nachschlagen kann, worunter einige Kunstmaterial-Kataloge und den ausgezeichneten Katalog von „Fired Earth” über handgefertigten Wandfliesen aller Art aus weit verzweigten Kunstrichtungen.
 
Sooft es angeht, bleibt der Sonntagmorgen meinen Renovationen von leicht beschädigten Druckgrafiken vorbehalten. Das entspannt mich ungemein, besonders wenn es draussen Bindfäden regnet. Und ist meine Aufgabe gelungen, geniesse ich anschliessend das Mittagessen doppelt.
 
 
 
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