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BLOG vom 05.09.2014


Eindrücke von der Einschulung. War es Einschüchterung?
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
 
Der Einschulungstag rückte näher. Auf der Duden-Online-Seite stehen Wörter, die vor dem Stichwort genannt werden. Vor dem Wort „einschulen“ steht das Wort „Einschüchterung“. Wörter mit dem Präfix „ein“ klingen eher negativ: „einliefern“, „einsperren“, „einordnen“, „einschüchtern“ und „eintönig“.
 
„Einschulung“ erinnert mich an „Einarbeitung“, und das Wort soll genau dies aussagen: Die Kinder werden „hineingeworfen“ in einen neuen Lebensabschnitt, der mit Arbeit zu tun hat. Sehen wir von gelegentlichem Aufräumen oder kleinen Aufgaben ab, wurde die meiste Zeit im Leben der Kinder noch spielerisch verbracht. Das Verhältnis dreht sich mit diesem Tag um. Die Arbeit wird zunehmend zum Lebensinhalt.
 
Das wird den Kindern natürlich nicht gesagt. In den meisten Fällen wollen sie mehr von der Welt wissen. Schule hat mit „Lernen“ zu tun, nicht mehr, wie bisher, mit der ungesteuerten Befriedigung des Wissensdurstes, sondern mit System.
 
Ab dem Tag der Einschulung stehen sie unter dem Einfluss (wieder ein Wort mit dem Präfix  „ein“) der Kultusbürokratie. Die „I"-Dötzchen, wie sie in Deutschland genannt werden, weil früher einmal der erste zu lernenden Buchstabe das „I“ war, sind die kleinsten und schwächsten Glieder dieses Systems.
 
Sie können sich nicht dagegen wehren. Etwa ab dem Erreichen des 6. Lebensjahrs besteht in Deutschland für mindestens 10 Jahre Schulpflicht.
 
Der Einschulungstag ist ein Ritual mit einem Ablauf, der sich überall in Deutschland ähnelt.
 
Bei Wikipedia wird dazu ausgeführt:
Der erste Schultag wird in den meisten Schulen festlich begangen. Dazu können gehören:
-- ein ökumenischer Einschulungsgottesdienst,
-- eine Aufführung durch die 3./4.Klassen,
-- feierlicher Auszug der neuen Schüler unter Führung der neuen Klassenlehrer aus der Aula oder Pausenhalle in die Klassenräume."
 
Dazu kommen die Geschenke, die in einer Schultüte, die oft von den Eltern oder der Mutter gebastelt wird, verborgen sind. Diese Schultüte bleibt den ganzen Vormittag verschlossen, sehr zum Ärgernis der Kinder, die natürlich gespannt darauf sind, was sie bekommen haben. Nicht nur dieser Umstand erzeugt Spannung, sondern der ganze Tag. Schliesslich wird über sie bestimmt; sie werden gesteuert.
 
Es wurden Schulkleidung und ein Schulranzen, manchmal auch Tornister genannt, gekauft. Extra zu diesem Tag kommen die Grosseltern zu Besuch.
 
Eine Erinnerung: Schon früh füllte sich die kleine Kirche der evangelischen Gemeinde im Ort. Die I-Dötzchen durften sich ganz vorn auf die ersten Bänke setzen. Eine junge Pastorin sprach die Kinder an, erzählte über Gottvater, Gottes Sohn und den Geist Gottes. Als Thema des Tages hatte sie sich das Gleichnis des guten Hirten, der für seine Schafe sorgt, ausgesucht. Die Kinder sollten alles Vertrauen auf Gott, den guten Hirten, richten, dann würde alles gut.
 
Ich dachte daran, dass Kinder in dem Alter vor allem ihren Eltern und Grosseltern Vertrauen schenken. Dieses sollen sie, so die Pastorin, jetzt Gott zuwenden. Ich dachte an die Schafe, die sich vom Hirtenhund treiben lassen, als dumm gelten und sich nicht durchsetzen können. Brechen sie einmal aus der Herde aus, werden sie vom Hirten wieder zur Herde gebracht. Kinder sollen sich also jemanden zuwenden, der sie vermeintlich schützt, einem Gott. Irgendwann sagte die Pastorin, dann werden die Christen siegen. Siegreich sein, so verstand ich, ist also wichtig. Dabei dachte ich an die sogenannten Gotteskrieger und an all die Grausamkeiten, die sie anrichten.
 
Die Pastorin schenkte jedem Kind ein Schaf aus Stoff und führte vor, wie sich das Schaf im Wasser zu einem Tuch ausbreiten liess, auf dem ein frommer Spruch stand. Das sollte ein kleiner Zaubertrick sein. Und das Tuch sollte das Leben der Kinder fortan begleiten.
 
Für mich war das kein „ökumenischer Gottesdienst für einzuschulende Kinder“. Vermutlich haben viele von ihnen, die oft genug bisher noch nie in ihrem Leben etwas mit Gott und Religion zu tun gehabt haben, nichts von dem verstanden, was diese fremde, seltsam gekleidete Frau in einer ungewohnten Umgebung von ihnen wollte. Spass gemacht hat es ihnen bestimmt nicht, eher war es „Einschüchterung“.
 
Die Einschulungsfeier in der Schule begann etwa eine Stunde später. Der erfahrene Schulleiter sprach die Kinder direkt an, begann mit einer Schultüte und holte dort Dinge heraus, die er mit den Kindern besprach. Er erwähnte, dass alle Fehler machen dürften und dass man daraus lernen könne.
 
Danach führten die 4.-Klässler ein nettes Schauspiel auf, bezeichneten zuerst die auf Schildern gezeigten Zahlen und später die Vokale falsch, korrigierten sich. Es war perfekt organisiert, die Kinder kannten ihren Text, sie bezogen die neuen Schulkameraden mit ein. Danach wurden die Kinder einzeln aufgerufen, durften sich auf die Bank stellen, damit alle sie sehen konnten und sie gingen dann im Klassenverband durch den Saal ins benachbarte Schulgebäude zur ersten Schulstunde in ihrem Leben. Ohne ihre Eltern.
 
Der Rektor sprach noch darüber, dass die Verantwortung jetzt auf 2 Säulen ruhe, der Schule und dem Elternhaus, und dass bei Problemen immer ein offenes Ohr zu finden sei. Er warb um Vertrauen. Die Eltern der Zweitklässler hatten Kaffee und Kuchen und auch Würstchen vorbereitet.
 
Die Einführung kann man als gelungen ansehen. Die erste Schulstunde hatte auch Spass gemacht, so ein "I-Dötzchen“. Es gab schon heute eine kleine Hausaufgabe: das Malen von Dingen, welche die Kinder in der Schultüte gefunden hatten. Jetzt endlich durften sie hineingreifen. Mit Geschenken beginnen neue Lebensabschnitte.
 
Bei vielen Familien gab es danach ein festliches Essen, manchmal auch im Restaurant. Ab dem nächsten Tag begann dann „der Ernst des Lebens“ – die Kinder müssen in die Schule. Künftig werden sie ihre Zeit anders als bisher einteilen, in die Stunden, die sie ausserhalb und die, die sie in der Schule verbringen werden.
 
 
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