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BLOG vom 26.06.2015


Der Fremde, der Flüchtling, die Objektivität und die Angst

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland

 

Der Soziologe und Philosoph Georg Simmel hat 1908 einen „Exkurs über den Fremden“ veröffentlicht. Oswald Spengler hat 1917 in seinem Buch „Der Untergang des Abendlandes“ eine welthistorische Phase vom Umfang mehrerer Jahrhunderte beschworen.

Texte aus diesen Abhandlungen will ich als Grundlage für einige Überlegungen zur heutigen Situation nehmen.

Es ist schon oft erwähnt worden, dass die nach dem II. Weltkrieg angeworbenen „Gastarbeiter“ in der Grundidee eben als Gäste in Deutschland die Arbeiterknappheit in der Zeit des so genannten „Wirtschaftswunders“ als preiswerte Arbeitskräfte beseitigen sollten, um dann, wie es Gäste in der Regel tun, wieder in ihre Herkunftsländer zurückzukehren. So bekamen ab 1961 Unternehmen die Erlaubnis türkische Gastarbeiter anzuwerben. Auf der Grundlage dieses Abkommens kamen mehr als 800 000 türkische Männer und Frauen, hinzu kamen noch Gastarbeiter aus einigen anderen Vertragsländern. Nach dem Anwerbestopp 1973 erfolgte ein verstärkter Familiennachzug.

Integration war in diesen Jahrzehnten nicht vorgesehen. Die „Gäste“ blieben in Deutschland, heirateten Partnerinnen aus ihren Heimatländern, gründeten Familien, ja beantragten und erhielten auch teilweise die deutsche Staatsangehörigkeit.

Obwohl die politische Riege es jahrzehntelang abstritt, Deutschland war zu einem Einwanderungsland geworden. Um die Neubürger zu integrieren, wurden Sprachkurse eingerichtet. Die Integration funktionierte in einigen Bereichen, in anderen nicht.

Aber die neuen Bürger blieben im Bewusstsein der deutschen Urbevölkerung Zugewanderte, Fremde.

„Der Fremde ist uns nah, insofern wir Gleichheiten nationaler oder sozialer, berufsmässiger oder allgemein menschlicher Art zwischen ihm und uns fühlen; er ist uns fern, insofern diese Gleichheiten über ihn und uns hinausreichen und uns beide nur verbinden, weil sie überhaupt sehr Viele verbinden. In diesem Sinne kommt leicht auch in die engsten Verhältnisse ein Zug von Fremdheit.“ (Georg Simmel)

Der Fremde ist Arbeitskollege, Nachbar, Freund; die Kinder des Fremden spielen miteinander, sie sitzen nebeneinander in der Schulklasse. Aber: er sieht nicht aus wie das Mitglied der Urbevölkerung, man erkennt ihn als „Nichtdeutschen“, er bleibt immer der Fremde, obwohl er längst „eingebürgert“ ist und einen deutschen Pass besitzt. Der Fremde ist einer Religion zugehörig, die nicht dem urdeutschen Kulturkreis entspricht.

Ein anderer Ausdruck für diese Konstellation liegt in der Objektivität des Fremden. Weil er nicht von der Wurzel her für die singulären Bestandteile oder die einseitigen Tendenzen der Gruppe festgelegt ist, steht er allen diesen mit der besonderen Attitüde des ‚Objektiven’ gegenüber, die nicht etwa einen blossen Abstand und Unbeteiligtheit bedeutet, sondern ein besonderes Gebilde aus Ferne und Nähe, Gleichgültigkeit und Engagiertheit ist. (..) Man kann Objektivität auch als Freiheit bezeichnen; der objektive Mensch ist durch keinerlei Festgelegtheiten gebunden, die ihm seine Aufnahme, sein Verständnis, seine Abwägung des Gegebenen präjudizieren könnten.“ (Georg Simmel)

Der Fremde bleibt, auch schon mehrere Generationen „in der Fremde“ lebend, immer in bestimmtem Abstand zum Einheimischen, zu seinen Sitten und Gebräuchen, seinen Denkweisen, seiner Religion; in sein kulturell anderes Denken verhaftet, und nicht zu vergessen: vice versa.

Objektivität“, definiert bei Wikipedia:

„bezeichnet die Unabhängigkeit der Beurteilung oder Beschreibung einer Sache, eines Ereignisses oder eines Sachverhalts vom Beobachter beziehungsweise vom Subjekt. Die Möglichkeit eines neutralen Standpunktes, der Objektivität ermöglicht, wird verneint.“

„Auch dies ist ersichtlich eine Art, in der ein Verhältnis gleichzeitig Nähe und Ferne einschliesst: in dem Masse, in dem die Gleichheitsmomente allgemeines Wesen haben, wird die Wärme der Beziehung, die sie stiften, ein Element von Kühle, ein Gefühl von Zufälligkeit gerade dieser Beziehung beigesetzt, die verbindenden Kräfte haben den spezifischen, zentripetalen Charakter verloren. Diese Konstellation nun scheint mit in dem Verhältnis zu dem Fremden ein ausserordentliches prinzipielles Übergewicht über die individuellen, nur der in Frage stehenden Beziehung eigenen Gemeinsamkeit der Elemente zu besitzen.“ (Georg Simmel)

So wie der Einheimische den Fremden als fremd empfindet, so empfindet der Fremde den Einheimischen.

Darum werden die Fremden auch eigentlich nicht als Individuen, sondern als die Fremden eines bestimmten Typus überhaupt empfunden, das Moment der Ferne ist ihnen gegenüber nicht weniger generell als das der Nähe.“(Georg Simmel)

Das, was in den Medien als mitteilenswert gesehen wird, ist in den überwiegenden Fällen die Zahl der Flüchtlinge, ihre Herkunft aus bestimmten Ländern, die Zahl der im Meer Ertrunkenen. Das Individuum als Mensch, als Mitmensch, der das Pech hatte, in Verhältnisse hineingeboren zu werden, die ihn veranlassen, im wahrsten Sinne des Wortes „das Weite“ zu suchen, in die Fremde zu ziehen, wird selten gesehen. Ab und zu werden einzelne Schicksale präsentiert, gerne von solchen, die „es geschafft haben“, sich in neuer Umgebung „zu behaupten“. Aber die diffuse Angst, die Fremden könnten „uns“ „überrennen“, eines Tages unseren Lebensstandard beeinträchtigen, unsere Gesellschaftshoheit für sich beanspruchen und übernehmen, verstärkt sich von Tag zu Tag. Der Ruf nach Abschottung, nach einer politischen Lösung, nach Schutz des Status quo wird umso lauter, je mehr es schaffen, in unsere Union einzudringen.

Der Fremde, so Georg Simmel, hat „keinen positiven Sinn, die Beziehung zu ihm ist Nicht-Beziehung, er ist nicht das, als was er hier in Frage steht: ein Glied der Gruppe selbst.“

Und schon wird der „Untergang des Abendlandes“ vorausgesagt und befürchtet. Die einen beschwören die Deutschen, mehr Kinder in die Welt zu setzen, im Gegensatz dazu suchen andere nach Lösungen, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Aber:

Die Nation ist Menschentum in lebende Form gebracht. Das praktische Ergebnis die Welt verbessernder Theorien ist regelmässig eine formlose und deshalb geschichtslose Masse. Alle Weltverbesserer und Weltbürger vertreten Fellachenideale, ob sie es wissen oder nicht. Ihr Erfolg bedeutet die Abdankung der Nation innerhalb der Geschichte, nicht zugunsten des ewigen Friedens, sondern zugunsten anderer.“ (Oswald Spengler)

Für Oswald Spengler steht die Nation über alles, alle Bestrebungen, übernational zu sein, finden bei ihm das Ergebnis des Rückschrittes, im Verlust gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und technischer Errungenschaften. Nimmt man ihn beim Wort, kann eine Europäische Union, die die Nationen in ihren innerpolitischen Einflussmöglichkeiten beschränkt, kann die Globalisierung, die Grenzen verwischt, nur zu Sklaventum führen, denn:

„..mit dem Erlöschen der Nationen ist eine Fellachenwelt über die Geschichte geistig erhaben, endgültig zivilisiert ‚ewig’. Sie kehrt im Reich der Tatsachen in einen natürlichen Zustand zurück, der zwischen langem Dulden und vorübergehendem Wüten auf und ab schwankt, ohne dass mit allem Blutvergiessen – das durch keinen Weltfrieden je geringer wird – sich etwas ändert.“

Überall drohen Nationen zu erlöschen, und in diesem Prozess machen sich die Angehörigen dieser Nationen, genannt seien beispielsweise Menschen aus den Ländern des Nahen Ostens, Afrikas oder Mayanmar (Burma), auf, dem diese Auflösung begleitenden Blutvergiessen und den Grausamkeiten zu entgehen und flüchten in Länder, die ihrerseits erkannt haben, dass es keine Lösung gibt, das gewachsene Nationalbewusstsein und das Fremde in Übereinstimmung zu bringen, sondern dass das Nebeneinander, die gegenseitige Objektivität zu mehr und mehr Konflikten und Ängsten führt.

Ist die Politik Australiens die Lösung des Flüchtlingsproblems, rigoros die Flüchtlingsboote wieder zurück zu schicken, sie gar nicht erst in Lager zu lassen? Die Menschenrechtsorganisationen klagen Australien an, das Land verstiesse gegen die Genfer Konvention von 1951, die die Länder verpflichte, Flüchtlinge aufzunehmen. Australien sieht sich im Recht, denn wenn Flüchtlinge keine Möglichkeit der Aufnahme in einem anderen Land sähen, würden sie auch nicht flüchten und sich der Gefahr des Ertrinkens aussetzen. Dass sie sogar das in Kauf nehmen, um dem Grauen zu entgehen, wird nicht gesehen.

Eine Nation, selbst ein Schmelztiegel aus Ureinwohnern, Sträflingen und Eingewanderten aus Europa, schottet sich gegen „Fremde“ ab, 300 Jahre Entwicklung haben vom Fellachentum zur Nation geführt, zu einem hoch zivilisierten Land. Das soll nicht gefährdet werden.

In Europa wird um eine Lösung des Problems gerungen. So befindet es sich in einem Spannungsbogen von der Angst vor Überfremdung bis zu humanistischen Menschenrechtsidealen. Wie viele Fremde verkraftet ein Land? Wann ist der Punkt erreicht, an dem ein Rückschritt, nicht gerade „ins Fellachentum“, aber ein Beginn des Rückgangs des Lebensstandards, ein Überborden des Nebeneinanders unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Interessen von friedlicher Toleranz in Chaos, in Auflehnung und extremistischen Aktionen auf beiden Seiten beginnt? Welche Pflichten haben industrialisierte Länder Flüchtlingen gegenüber und welche der eigenen Bevölkerung?

Jahrhunderte lang haben Völker gegen Eindringlinge Kriege geführt, haben eroberungswütige Heerführer und Heerscharen abgewehrt und geschlagen. Diese Eindringlinge kamen in der Absicht, die Herrschaft zu übernehmen, sie kamen mit Waffen. Die Eindringlinge von heute kommen, weil sie um ihr Leib und Leben fürchten. Das Ziel ist aber letztendlich nicht anders als bei den Eroberungskriegen: sich in einem vermeintlich besseren Land zu etablieren.

Es stellt sich die Frage, ob die Ureinwohner, die Deutschen, Franzosen, Schweizer, usw. das zulassen sollen oder nicht. Das kann nur eine politische Entscheidung klären, jedenfalls für den Moment.

Wir könnten sie als Gäste aufnehmen, für eine bestimmte Zeit. Aber halten sie sich an die Abmachung? Oder verstärken sie die Zahl der Fremden auf Dauer? Und ab wann werden wir „fremd im eigenen Land“ sein?

 
Quellen

Simmel, Georg, Individualismus der modernen Zeit und andere soziologische Abhandlungen, suhrkamp taschenbuch, Frankfurt/Main 2008, hierin: Exkurs über den Fremden, S. 267ff.

Spengler, Oswald, Der Untergang des Abendlandes, dtv Taschenbuch, München, 1972, S. 782.

 
 
 
 
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