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BLOG vom 17.11.2015


Eine Fahrt mit dem Zug durch die Ukraine

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland

 

Der Hauptbahnhof von Kharkiv ist ein riesiges Gebäude, in Stalins „Empire Stil“ 1952 erbaut und sieht schön aus. Die Halle ist 26 m hoch.

 

Hauptbahnhof von Kharkiv

Hauptbahnhof von Kharkiv
 

Ich steige in einen Intercity nach Kiev ein. Die beiden ukrainischen Städte sind die beiden grössten im Land, in Kiev wohnen mehr als 4 Millionen, in Kharkiv mehr als eine Million Menschen.

Der Intercity ist modern und wurde von der Firma Hundayi Rotem (Korea) gebaut. Der Waggon ist mit 4 an der Decke befestigten Monitoren bestückt. Es gibt Steckdosen, mit denen man elektrische Geräte, wie Handy oder Notebook aufladen oder verwenden kann. Was in Deutschland nur gegen eine relativ hohe Gebühr möglich ist: hier gibt es den WiFi- oder WLAN-Zugang gratis. Die Netzverbindung funktioniert nicht durchgängig, aber ganz passabel.

Die Hin- und Rückfahrt der 420 km langen Strecke, die der Zug in 4 Stunden und 20 Minuten bewältigt, kostet mit Sitzplatzreservierung zusammen etwas weniger als 20 Euro.

Neben mich setzt sich ein junger Mann. Er zeigt dem Schaffner eine kleine Plastikkarte und ein Schreiben. Vermutlich ist er geistig behindert. Er spielt die ganze Zeit auf seinem Smartphone. Beim ersten Halt kommt der Schaffner und sagt ihm, dass er aussteigen muss.
Wir fahren durch ein landwirtschaftlich bebautes Gebiet. Die gepflügten Felder sind riesengross, vermutlich noch aus sowjetischen Zeiten, bei denen sie zu den Kolchosen gehörten.

Eine Mutter mit einem kleinen Jungen suchen ihre Sitzplätze. Neben mir, auf der anderen Seite des Ganges, ist nur ein Platz frei. So macht sie mir deutlich, dass der Junge sich neben mich setzen wird. Er ist ein wenig scheu und schaut nur aus dem Fenster. Er hat mitbekommen, dass die Mutter mit mir ein paar englische Worte gewechselt hat. Ob er schon einmal mit einem Ausländer Kontakt hatte? Vermutlich nicht.

Ich habe ein kleines Lernspiel für die ukrainische Sprache auf meinem Smartphone. Es wird ein Tier oder ein Gegenstand, manchmal auch eine Zahl oder eine geometrische Figur gezeigt. Darunter stehen 3 Begriffe in kyrillischer Schrift. Ein Wort davon passt und muss angetippt werden.
War die Entscheidung richtig, wird das Wort ausgesprochen und man kann das nächste sehen, war es falsch, ertönt eine Art Klingeln, das Wort wird nicht genannt, das Spiel geht aber trotzdem weiter.

Ich habe die kleinen Kopfhörer in meine Ohren gesteckt und fordere ihn auf, die Aufgaben zu lösen. Schnell hat er verstanden, was er zu tun hat. Wenn es falsch war, gebe ich ihm ein Zeichen, wenn es richtig war, wiederhole ich das Wort, so wie es die Sprecherin wiedergegeben hat.

Es macht ihm sichtlich Spass und fesselt ihn. Die Mutter hat ihre Augen geschlossen, zwischendurch öffnet sie sie, schaut herüber, was wir tun, lächelt und schliesst sie wieder.

Nach einer knappen Stunde erreichen wir den Bahnhof, auf dem Mutter und Sohn aussteigen wollen. Ich frage die Mutter rasch, wie alt der Kleine sei. Sie sagt 6 Jahre. Ich frage weiter, was sie zu Hause gewöhnlich sprechen. Sie sagt russisch. Ich mache noch kurz ein Kompliment, dass er clever sei und schon viel wisse. Sichtlich stolz steigt sie mit dem Kind aus.

Es ist wirklich eine gute Leistung. Es wird in der Ukraine überwiegend russisch gesprochen, nur im Westen mehr ukrainisch. Die Sprachen sind verwandt und ähneln sich, aber eine ganze Reihe von Wörter sind unterschiedlich. Es gibt auch ein paar Schriftzeichen, die sich nicht in beiden Sprachen finden.

Der 6jährige ist in der 1. Klasse. Dort lernt er lesen und schreiben, vor allem in ukrainisch. Er kann also schon Wörter erkennen und die Namen und Bezeichnungen verstehen. Die meisten Aufgaben hat er richtig gemeistert.

Dass das ganz normal sei, hat mir eine Mutter eines ebenfalls 6jährigen bestätigt. Die Kinder würden hart arbeiten und lernten schnell. Allerdings beginnen sie schon im Kindergarten damit.

Der freie Fensterplatz neben mir wird wieder besetzt, dieses Mal durch einen Mann, ich schätze ihn auf Ende 30. Ich bin ganz überrascht, als er mich auf Deutsch fragt, ob ich deutsch spräche. Ich bejahe. Seine Deutschkenntnisse sind sehr gut, er macht nur wenige Fehler.

Er arbeite für eine deutsche Maschinenbaufirma, die Geräte für Konditoren herstelle, sagte er mir. Er habe sein Deutsch in einem Kursus gelernt und sei ein paar Mal in Deutschland gewesen.

Ich frage ihn, wie er darauf komme, dass ich Ausländer bin. Er sagt, er habe das an meiner Kleidung und an meinem Gesicht gesehen. Die Menschen in der Ukraine hätten andere Gesichter.

Wir unterhalten uns über Dies und Das. Der Konflikt im Donezk sei schwierig zu lösen, aber eigentlich überflüssig. Das hindere Ukrainer aber nicht daran, weiter russisch zu sprechen oder mit Russland Geschäfte zu machen. Man hoffe nicht, dass er zu einem richtig grossen Krieg ausarte.

Er ist verheiratet und hat 2 kleinere Kinder. Neben seiner Arbeit habe er kaum Zeit, sich noch um etwas anderes zu kümmern, er sei gerne mit seinen Kindern zusammen.

Das Familienleben ist wichtig in der Ukraine. Man hält zusammen. Da das Leben teuer ist und die Einkommen niedrig, bleiben unverheiratete Kinder oft bei den Eltern wohnen.

27 Griwna, die ukrainische Währung, wird mit 1 Euro bewertet. Für Ausländer, die Preise im Heimatland mit denen hier in der Ukraine vergleichen, ist alles billig. Eine Tasse Kaffe kostet 0,40 Euro, ein Mittagessen gibt es für 2-3 Euro, eine Taxifahrt über 4 km ebenso. Beim Friseur habe ich 70 Griwna für einen Haarschnitt bezahlt, der in Deutschland 11 Euro kostet. Das Hotel, in dem ich wohne, hat einen 4-Sterne-Standard und kostet nur 650 Griwna pro Nacht inklusive eines guten Frühstücks. Aber, wenn die Ukrainer ausländische Autos oder Waren kaufen, bezahlen sie ähnliche Preise wie in Deutschland oder in der Schweiz. Dann wird mit amerikanischen Dollars oder Euros gerechnet. Die Inflationsrate ist hoch, man sagte mir, bis zu 40 %. Viele Ukrainer fahren japanische, koreanische, chinesische oder westliche Autos. Sie verschulden sich hoch und zahlen 4 Jahre lang ab, und das von Einkommen, die zwischen 4000 Griwna für einen Fahrer in einer Firma und 8000 Griwna für einen Ingenieur in einem Betrieb, der für die Wartung von Atomkraftwerken zuständig ist, liegen. Die Einkommen steigen nicht im gleichen Masse, wie die Inflation wächst. So wird an allem gespart, wenn etwas investiert werden soll, etwa in eine neue Küche. Deshalb wohnen Familien oft auf engem Raum, obwohl Vater und Mutter arbeiten.

Als wir in Kiev ankommen, bietet mein Sitznachbar mir noch an, mir bei Problemen, die auftreten könnten zu helfen. Aber das ist nicht erforderlich. Ich werde abgeholt. Der Bahnhof ist im gleichen Stil wie in der in Kharkiv gebaut, aber noch größer und weiträumiger.

Ich habe in den 4 Stunden viele neue Eindrücke gewonnen. So muss es sein!

 
 
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