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BLOG vom 13.01.2016


Von der ersten Olympiade und der Zählung der Jahre

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland


Im Traum in der Nacht nach der abendlichen Lektüre von Schriften über die Geschichte der Olympischen Spiele erschien mir ein Grieche, der mir vom ersten „Stadionlauf“ der Antike in Olympia berichtete. Ein Stadion war 600 Fuss lang, ein olympischer Fuss 32,04 cm, was also 192,28 m entsprach.

„Ich rannte, so schnell ich konnte. Es war üblich, dass man nackt war. Es ging immer gerade aus. Am Ende der Strecke war eine Stange, die ich berühren musste. Ganz knapp nach dem Sieger schaffte ich es!“

Als ich den Läufer fragte, wie schnell er denn gewesen war, sah er mich fragend an.
„Woher soll ich denn das wissen?“, antwortete er mir.
„Und in welchem Jahr war das?“, fragte ich ihn.
„776 Jahre vor eurer Zeitrechnung“, antwortete er.

Mehr von diesem Traum ist mir nach dem Aufwachen nicht in Erinnerung geblieben.

Ich erzählte ihn beim Frühstückstisch meiner Frau. Sie begann zu lachen, so ausgiebig, dass sie keine Luft mehr bekam und Tränen aus den Augen kullerten.

„Wieso lachst du mich aus?“, fragte ich sie, „gestern habe ich noch gelesen, dass zu diesem Zeitpunkt vermutlich die ersten Olympischen Spiele stattgefunden haben.“

„Das kann schon sein!“, antwortete sie mir. „Es hört sich alles logisch an, wenn da nicht nur…“. Der Rest des Satzes ging in Glucksen unter.

Ich drängte sie. „Na’ sag’ schon! Wenn nicht nur was?“

„..die Jahreszahl wäre“, ergänzte sie.

Als ich meinte: „Wenn du mir nicht glaubst, kannst du sie ja im Internet nachlesen“, prustete sie wieder los und liess mich für einen Moment mit einer ärgerlichen Miene zurück.

Bis mir ein Licht aufging.

„Und woher sollte der Läufer gewusst haben, dass es das Jahr 776 vor unserer Zeitrechnung war?“, presste sie lachend heraus.

Ich musste ihr zustimmen. „Ich bin vielleicht blöd!“, sagte ich und schlug mir die Hand vor den Kopf.

„Na endlich ist der Groschen gefallen, du grosser träumender Denker“, lästerte sie, „es hat ja ziemlich lange gedauert!“

In unserer Zeit spielt die Jahreszahl eine grosse Rolle. Das Jahr 2000 bescherte uns eine neue Zählweise, nicht mehr „Neunzehnhundert“ und eine Zahl zwischen 0 und 99 muss umständlich gezählt werden, obwohl bei sonstigen Zählweisen immer von „Eintausendneunhundert“, gesprochen wurde, sondern jetzt wird einfach „2-Tausend“ gesagt und dahinter die erreichte Jahreszahl.

Ob die Griechen damals auch schon Jahreszahlen benutzt haben? Und wenn ja, welche waren das?

Über viele Jahrhunderte war es üblich, den Beginn einer neuen Herrschaft als das Jahr 1 zu nehmen, was besonders aus der Römerzeit bekannt ist. Es gibt Forscher, wie z.B. Paul Christesen, die ermittelt haben wollen, dass dieses Jahr der „ersten Olympiade“ der Beginn einer neuen Jahreszählung gewesen sei, wobei sich Christesen bei seiner Rechnung auf einen Gesetzgeber und Reformer aus Sparta, Lykurg, bezieht, der zu dieser Zeit gelebt haben soll, was wiederum durch die neueste Forschung infrage gestellt wird.

Julius Africanus lebte in der Zeit von 160/170 bis 240/250 -säkularisiert formuliert- „nach Beginn unserer Zeitrechnung“, oder eben „nach Christus“. Von ihm sind, allerdings nur fragmentarisch, Schriften erhalten, unter anderem eine Chronographie.

So ist die Geschichte für Africanus kein Ablauf zufälliger Ereignisse, sondern die Durchführung eines göttlichen Planes, den es durch christliche Historiker aufzuzeigen gilt.“ (Martin Wallraff)

Eine besondere Neuerung ist für ihn, dass die Jahreszählung bei der Schöpfung, also bei Adam und Eva zu beginnen hat. Er nimmt als Grundlage die jüdische Geschichte und fügt dann die olympiadische Zählung an. Die Geburt Christi wird auf das Jahr 5500 festgesetzt. Die byzantinische Zeitrechnung übernimmt diese und dadurch wird Africanus der „Vater der christlichen Chronographie“. Africanus hat die Wiederkunft Christi bis zum Jahr 6000 prophezeit. Da diese nicht eintrat, wurde von der Kirche sein Werk als bedenklich eingestuft.

Das war aber nur eine von mehreren Kalender, so galt die „Seleukidische Ära“ auch ab dem 4. Jahrhundert vor Christus. Seleukos I. war ein Diadoche (Nachfolger) Alexanders des Grossen. Sie war sehr verbreitet und wird auch die „Jahreszählung der Griechen“ genannt.

Für die Jahreszählung im Mittelalter haben die antiken Zählweisen nur noch geringe Bedeutung. Kaiser Justinianus (byzantinischer Kaiser (483-565 n. Chr.) schrieb die Zählung nach „Indictionen“ gesetzlich vor, bei dem das Jahr am 1. September begann. Die Bezeichnung ist aus der römischen späteren Steuerverfassung hervorgegangen. Es handelt sich um einen 15-jährigen Zeitraum, die Grundsteuer wurde nach diesen Jahren erneuert oder berichtigt.

Bekannter ist der „Julianische Kalender“, benannt nach Julius Caesar, der im Jahr 45 vor Christi in Kraft trat. 1582 nach Christi folgte nach Papst Gregor III. der „Gregorianische Kalender“, allerdings bestanden in den verschiedenen Kulturkreisen der byzantinische, der julianische und der gregorianische Kalender nebeneinander, in Kirchenkreisen teilweise bis heute.

Die christliche Zeitrechnung geht vom angenommenen Geburtsjahr Christi aus. Der Mönch Dionysius Exiguus legte es 525 nach Chr. nach Vorgaben aus dem Alten und Neuen Testament auf den Zeitpunkt des Jahres 754 „ante urbem conditam“  = „seit  der Gründung Roms“ fest.

Das Gründungsdatum wurde vom römischen Polyhistor Marcus Terentius Varro für den 21. April 753 vor Chr. berechnet. Nach ihm wurde Rom 440 Jahre nach dem Fall Trojas von Romulus und Remus gegründet. Die Epoche ab der Gründung der Stadt Rom wird die varronische Ära genannt.

Dionysius bezeichnete das erste Jahr des Lebens Jesu mit der Zahl 1 im Austausch für das Jahr 755 a.u.c.

„Aber bei der Umrechnung der Jahre in ‚nach Christi Geburt’ verrechnete sich der Mönch – nach heutigen Erkenntnissen setzte er die Geburt Jesu von Nazaret um vier oder sieben Jahre zu spät an, denn Jesus (falls es ihn wirklich gegeben hat, d.V.) wurde noch zu Lebzeiten Herodes des Grossen geboren, der nach heutiger Datierung im Jahr 4 v. Chr. starb. Wahrscheinlich vergass Dionysius Exiguus, dass der Name des Kaisers Augustus in den Jahren 30 - 27 v. Chr. anders lautete, nämlich Imperator Caesar Divi filius.“ (Wikipedia)

Aber erst im 10. bis 11. Jahrhundert verdrängte die christliche Zeitrechnung die varronische endgültig.

Es existiert aber nicht nur die christliche Zeitrechnung. Der islamische Kalender beginnt mit der „Hidschra“, der Auswanderung des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina und die Ankunft in der Moschee von Quba. 2016 u.Z. entspricht 1437/38 für Muslime. - Nach jüdischer Zeitrechnung geschah die biblische Schöpfung 3761 vor Christus, im heutigen Israel schreiben wir das Jahr 5775/76. - In Indien wurde nach der Unabhängigkeit von den Briten ein neuer Kalender errechnet, der 22. März 1957 ist demnach der 1. Chaitra 1879 Saka Ära. - In China beginnt die Zeitrechnung 2636 v.u.Z. Das Neujahrsfest fällt auf den 8. Februar 2016, dann beginnt das Jahr des Affen. - In Thailand wird das traditionelle, an Buddha erinnernde Neujahrsfest an den Tagen des 13.-15. April gefeiert, es wird das „Wasserfest“ genannt, weil an diesen Tagen auf den Strassen Wasserschlachten stattfinden. Abhängig ist die Jahreszählung auch immer davon, ob nach dem Lauf der Sonne oder des Mondes oder sonst wie gerechnet wird. – Japan folgt seit 1873 dem Gregorianischen Kalender, allerdings sind die Tage des Jahreswechsels die wichtigsten Feiertage des Jahres und werden auch religiös begangen.

Wie unschwer zu erkennen ist: alle Jahreszählungen sind oft durch ungenaue und vermutlich historisch fehlerhaft fixierte Zeitpunkte festgelegt worden. Wenn also der Beginn eines neuen Jahrhunderts oder Jahrtausends nach christlicher Zeitrechnung gefeiert wird, wie wir es zu Beginn des Jahres 2000 getan haben: Was hat das schon zu sagen? Im Grunde gar nichts. Auch wenn es für unsere Art zu leben sinnvoll ist, mit festgelegten Daten umzugehen!

Auf jeden Fall falle ich nicht mehr auf eine Aussage herein, die z.B. lautet:
„Man schrieb das Jahr 1500 v.u.Z.“!

 

Quellen
Christesen, Paul, Sport and Democracy in the Ancient and Modern Worlds, Cambridge University Press, 2012
Wallraff, Martin, Weltzeit – Christliche Weltchronik aus 2 Jahrtausenden in Beständen der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena; Verlag de Gruyter, Berlin, 2005
http://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/09523360802511029
https://de.wikipedia.org/wiki/Ab_urbe_condita_%28Chronologie%29
http://www.helles-koepfchen.de/artikel/3092.html

 


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